Gefährliches Dauerproblem

Die Zahl der Arbeitslosen sinkt in Europa zwar leicht. Doch viele von ihnen sind schon lange Zeit ohne Job. Ihre Situation ist oft prekär. Eine Besserung ist in den nächsten Jahren nicht in Sicht.

Rainer Rickenbach
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Hoffen auf bessere Zeiten: Arbeitslose in einer Arbeitsvermittlungsstelle in der spanischen Stadt Pamplona. (Bild: ap/Alvaro Barrientos)

Hoffen auf bessere Zeiten: Arbeitslose in einer Arbeitsvermittlungsstelle in der spanischen Stadt Pamplona. (Bild: ap/Alvaro Barrientos)

Die Langzeitarbeitslosigkeit sei in einigen europäischen Ländern zu einem Massenphänomen geworden, stellt Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der deutschen Bertelsmann-Stiftung, fest. «Und dieses Massenphänomen gefährdet die wirtschaftliche Erholung Europas.» Als Langzeitarbeitslose gelten Erwerbslose, die seit mehr als einem Jahr eine Stelle suchen. Die Stiftung des Medienkonzerns Bertelsmann ging in einer aktuellen Studie der Langzeitarbeitslosigkeit in der EU auf den Grund. Mehr als zehn Millionen Personen sind dort schon seit längerer Zeit vom Arbeitsmarkt ausgesperrt.

Missliche Lage in Südeuropa

Auf den ersten Blick präsentiert sich die Lage in der EU einigermassen passabel: 4,3 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung sind unionsweit ein Jahr oder länger ohne Stelle. Bei genauerem Hinsehen geben aber zwei Entwicklungen der Besorgnis, die De Geus äussert, recht. Zum einen lag die Quote für Langzeitarbeitslosigkeit vor der Finanzkrise mit 2,5 Prozent deutlich tiefer. Zum andern täuscht der Durchschnittswert darüber hinweg, wie in den südlichen Ländern die Langzeitarbeitslosigkeit ein beängstigendes Ausmass angenommen hat. In der Studie wird denn auch befürchtet: «Die Langzeitarbeitslosigkeit wird für die EU zum Dauerproblem.»

In Griechenland etwa ist fast jeder Sechste langzeitarbeitslos, in Spanien und Kroatien etwa jeder Zehnte. Am andern Ende der Skala finden sich Deutschland, Österreich und Schweden, wo weniger als zwei Prozent der als erwerbstätig Gemeldeten schon länger als ein Jahr nach Arbeit Ausschau halten (Grafik). Einzig in Deutschland sank diese Quote nach der Finanzkrise. Zum Vergleich: In der Schweiz betrug der Anteil Langzeitarbeitsloser im Mai 0,5 Prozent.

«Ein Teil der gestiegenen Langzeitarbeitslosigkeit erklärt sich mit der guten Konjunkturlage vor der Krise und den damals ungewöhnlich tiefen Arbeitslosenzahlen», relativiert der Schweizer Arbeitsmarktexperte Simon Lüchinger. Der Vergleich über einen längeren Zeitraum mache deutlich, dass in Teilen der EU und in der Schweiz die Langzeitarbeitslosigkeit nicht aus dem Rahmen falle. «In den 1990er-Jahren war sie in der Schweiz stärker und in EU-Ländern wie Spanien ähnlich stark verbreitet wie heute», so Lüchinger. «Die strukturellen Probleme spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Zum Beispiel der übertriebene Kündigungsschutz in südeuropäischen Ländern: Er bringt es mit sich, dass die Unternehmen aus Furcht vor schwierigen und teuren Entlassungen möglichst wenig Leute fest anstellen.» Zwar haben Länder wie Italien, Spanien oder Portugal die Regulierungsdichte gelockert, doch Wirkung zeigen wird die Liberalisierung des Arbeitsmarktes erst beim nächsten richtigen Konjunkturhöhenflug. Doch der ist zurzeit nicht in Sicht. Nach Schätzungen der Weltwirtschaftsorganisation OECD braucht es mindestens fünf Jahre, ehe Arbeitsmarktreformen ihre Wirkung entfalten.

Weniger Industrie-Arbeitsplätze

Besonders viele Leute ohne Berufsabschluss oder mit nur geringer Qualifikation sowie Personen im Alter von 50 und mehr finden sich im Arbeitsmarkt nicht zurecht. Junge hingegen verlieren zwar schneller ihre Stelle, finden aber im Gegensatz zu den Älteren leichter eine neue. Wegen der schlechten Wirtschaftslage suchen in Südeuropa aber auch zunehmend Mittel- und Hochqualifizierte jahrelang vergeblich nach einer Stelle. Je länger Arbeitslose von der Arbeitswelt ausgesperrt bleiben, desto schwieriger wird es für sie, den Anschluss zu finden. Denn mit der Digitalisierung und Automatisierung verändern sich die Berufsbilder schnell. Kommt hinzu: Die Betroffenen waren früher vor allem in der Industrie und im Baugewerbe tätig. In Ländern wie Griechenland, Spanien oder Portugal sank die Zahl der in der Industrie Beschäftigten allein zwischen 2008 und 2013 um mehr als drei Prozent. Die neuen Jobs entstehen in anderen Branchen.

Lücke bei Angebot und Nachfrage

Die Folge ist die sogenannte «Mismatch-Erwerbslosigkeit». Gemeint ist damit das Auseinanderdriften von Angebot und Nachfrage durch die Veränderung des Arbeitsmarktes. Die Kunden der Arbeitsämter haben berufliche Erfahrung in Industriejobs oder auf dem Bau, gesucht werden aber vor allem Leute, die sich bei modernen Technologien oder in der Pflegearbeit auskennen.

«Die negativen Folgen des Mismatch lassen sich mit einer klugen Arbeitsmarktpolitik verringern. In Skandinavien, Deutschland oder der Schweiz gelingt es recht gut, mit Umschulungen und Weiterbildungen die Arbeitslosen für den Arbeitsmarkt fit zu machen. Darum gibt es dort auch deutlich weniger Langzeitarbeitslose», sagt Lüchinger. In den durch die Schuldenkrise hart getroffenen Ländern in Südeuropa und teilweise auch Osteuropa fehlt hingegen das Geld für solch eine wirkungsvolle Bearbeitung des Arbeitsmarkts.