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Gästestau im Hotel Mama

Publizist Martin A. Senn über das Phänomen Neotenie - das verzögerte Erwachsenwerden und seine Folgen.
Martin A. Senn

In den USA, im Bundesstaat New York, haben Eltern ihren 30-jährigen Sohn verklagt, weil er nicht von zu Hause ausziehen wollte. Der zuständige Bezirksrichter hiess die Klage gut und wies den Sohn an, das Elternhaus zu verlassen. Dass der junge Mann dafür von den Eltern die Einhaltung einer sechsmonatigen Kündigungsfrist verlangte, fand der Richter «unerhört».

Ein solcher Prozess ist höchst ungewöhnlich. Aber das muss nicht immer so bleiben. Jedenfalls könnten auch hierzulande manche Eltern ein Lied singen von ihren erfolglosen Mühen, dem längst erwachsenen Nachwuchs ein Leben auf eigenen Beinen schmackhaft zu machen. Doch die wohlgemeinten Appelle an die Selbstständigkeit und die Hinweise auf die vielen Chancen «da draussen» verpuffen zunehmend wirkungslos.

Auch in der Schweiz wollen sich die Mitzwanziger immer später von den Annehmlichkeiten im Hotel Mama samt Vollpension, Wasch-, Bügel- und Raumservice sowie gelegentlichem Zustupf für Handyrechnung oder Ausgang trennen. Vor allem junge Männer wissen das zu schätzen. Mit erst 24 bis 25 Jahren ziehen sie im Durchschnitt von zu Hause aus – vier Jahre später als ihre Eltern in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Und geheiratet wird, wenn überhaupt, fast sechs Jahre später als Papa damals, mit durchschnittlich 32 Jahren.

Biologen haben für das verzögerte Erwachsenwerden ein eigenes Wort: Neotenie. Bei der betroffenen Generation, den sogenannten Millennials, müsste man eher von einer stark verlängerten Adoleszenz reden. Mit Biologie hat das Ganze wenig zu tun – und auch mit Bequemlichkeit längst nicht immer. Viele Mitzwanziger haben heute nämlich ähnliche Träume von Beruf und Wohlstand wie ihre Eltern, die grosse Auflehnung gegen das «Bünzlitum» und der Drang, möglichst rasch auszuziehen, war gestern.

Doch die bürgerlichen Träume sind für die Jungen heute schwieriger zu verwirklichen. Die hochgradig durchzertifizierte Arbeitswelt, die für alles und jedes einen Diplomabschluss verlangt, hat die Zahl und Dauer der Ausbildungsgänge massiv erhöht. Mit dem paradoxen Effekt, dass immer weniger junge Leute nach der Ausbildung einen Job finden und stattdessen oft mehrere Jahre lang von einer Praktikantenstelle zur anderen hoppen.

Wer Stellen besetzen muss, staunt immer wieder über bestens ausgebildete junge Kandidaten, die erst gegen Dreissig ihre erste unbefristete Festanstellung fanden. Während die Jungen immer länger brauchen, um im eigenen Privatleben und im Beruf Fuss zu fassen, werden die Alten immer älter. Was heute schon nicht mehr so selten ist, dass Rentner Kinder im Rentenalter haben und umgekehrt, dürfte es künftig noch häufiger geben. Mit dem Unterschied, dass die künftigen Neurentner deutlich später in die Arbeitswelt eintraten als einst ihre Eltern.

Wer dann, angesichts der verkürzten AHV- und BVG-Beitragszahlungsdauer, wen unterstützt, die Eltern die Kinder oder die Kinder die Eltern, wird nicht mehr so klar sein wie noch vor einigen Jahren. Die Lösung wäre eigentlich einfach: Wenn die Leute später ins Berufsleben eintreten, dann müssen sie auch später austreten. Aber das nennt man dann Rentenalter, und von da an wird’s furchtbar kompliziert.

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