Fussballfieber in der Wandelhalle

Noch einmal schlafen bis zum Anpfiff. Selbst die Fussballmuffel unter den Parlamentariern können sich dieser Tage der EM nicht verschliessen. Wer nämlich den Eingang zum Bundeshaus sucht, kommt sich vor wie ein OL-Läufer: So viele Häge und Absperrungen.

Drucken
Teilen

Noch einmal schlafen bis zum Anpfiff. Selbst die Fussballmuffel unter den Parlamentariern können sich dieser Tage der EM nicht verschliessen. Wer nämlich den Eingang zum Bundeshaus sucht, kommt sich vor wie ein OL-Läufer: So viele Häge und Absperrungen. Das sei wie bei den Genie- und Festungstruppen, sagt Oberstleutnant J. Alexander Baumann (SVP). Dass auf dem Bundesplatz eine riesige Public-Viewing-Arena entsteht, lässt den Thurgauer Nationalrat ziemlich kalt. Er verstehe, wenn die Fans ob all der Gitter Aggressionen aufbauten. Baumann hat freiwillig auf Tickets verzichtet, welche die Parlamentarier bereits im vergangenen Dezember hätten vorbestellen können. «Das ist alles zu kommerziell. Ich gehe nie an einen Fussballmatch. Also gehe ich jetzt auch nicht hin, wenn EM ist.»

Müller ist im Stadion

Bei Thomas Müller (SG) ist das naturgemäss etwas anders. Der ehemalige Präsident des FC St. Gallen freut sich auf die EM wie ein kleines Kind. Die Veranstaltung sei wichtig für das Image des Landes, sagt der CVP-Politiker, welcher der «etwas unerfahrenen Nati realistischerweise» nicht allzu viel zutraut. Müller hat Tickets für die ersten beiden Spiele der Schweizer in Basel. Auf verschiedenen Wegen habe er diese erhalten. Dazu muss man wissen: Müller ist nicht nur Nationalrat und Stadtpräsident von Rorschach, sondern auch ab und zu für die Fifa unterwegs – als Matchkommissar für internationale Qualifikationsspiele.

Fässler: «Diese Nati ist toll»

Solcherlei käme für die Appenzeller Nationalrätin Marianne Kleiner nie in Frage. Die FDP-Frau hofft zwar auf ein grosses und gewaltfreies Fussballfest, selber kann sie mit dem runden Leder aber nicht viel anfangen. Ob sie morgen abend 90 Minuten lang vor dem Fernseher sitzen wird, wusste sie gestern darum noch nicht so genau. «Ich finde es gut, dass die EM hier stattfindet. Millionen von Menschen werden auf die Schweiz schauen», sagt Kleiner, die dennoch nicht ganz beziehungslos zur Euro war. Kleiner ist Mitglied der Finanzkommission, die das 80-Millionen-Budget überwacht, das der Bund für die Sicherheit während der Grossveranstaltung ausgibt.

Etwas mehr Begeisterung lässt sich in der linken Ratshälfte ausmachen. Das ist keineswegs selbstverständlich, war doch der Fussball noch bis in die 80er- Jahre unter Linken und Intellektuellen verpönt und des Teufels. Er lenke das Proletariat von der sozialen Revolution ab, hiess es. Das ist heute nicht mehr so. Bestes Anschauungsbeispiel: SP-Politikerin Hildegard Fässler (SG). Die Rheintaler Parlamentarierin wird sich das Eröffnungsspiel in der UBS Arena in Buchs anschauen, am Montag hat sie ein Ticket für den Knaller Italien – Holland im Stade de Suisse, wo sie mit einem befreundeten Niederländer hingeht. Fässler ist zwar auf diese Legislaturperiode hin aus dem FC Nationalrat zurückgetreten, fussballbegeistert bleibt sie dennoch. Die Djourous, Yakins, Gelsons, Vonlanthens, Inlers und Co., die aus Afrika, Südamerika oder der Türkei stammen, zeigten, wie integrationsfähig die Schweiz sei: «Diese Nati gibt ein tolles Bild.»

Kein eigenes Sandwich

Nicht ganz so toll ist übrigens die Verpflegungssituation in den Public-Viewing-Arenen. Besucher seien hier schon mal vorgewarnt: Es ist strikt verboten, eigene Sandwiches oder Getränke vor die Leinwand zu schmuggeln. Also schön brav die Butterbrote zu Hause lassen und das offizielle Uefa-Bier trinken. Nach einem Schweizer Sieg schmeckt bestimmt auch das noch gut. Jürg Ackermann, Bern

Aktuelle Nachrichten