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Freysingeroskar und die Biolügie – die Gegner der Homo-Ehe im «Arena»-Dickicht

Wiliam Stern, watson.ch
Oskar Freysinger, Walliser Enfant Terrible und Gegner der Homo-Ehe. (Bild: Screenshot SRF)

Oskar Freysinger, Walliser Enfant Terrible und Gegner der Homo-Ehe. (Bild: Screenshot SRF)

Thema: Wann ist eine Ehe eine Ehe?

Hauptpersonen:

Anne-Sophie Morand, Vize-Parteipräsidentin FDP/LU, Vorstand Zurich Pride Festival Oskar Freysinger, Alt Nationalrat SVP/VS, Referendumskomitee «Nein zum Zensurgesetz» Martin Bäumle, Nationalrat GLP/ZH Therese Schläpfer, Nationalrätin SVP/ZH

Nebenfiguren:

Kurt Aeschbacher, Moderator Hans Egli, Kantonsrat EDU/ZH, Referendumskomitee «Nein zum Zensurgesetz» Florian Vock, Vorstand Pink Cross, Grossrat SP/AG

Wetter: Kälteregen

T-Shirt-Aufdruck eines Gastes: «Press exit»

Das Thema dieser «Arena» ist eines dieser Themen, mit denen man keinen Blumentopf gewinnen kann. Das Paradoxon der Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit, dass wir etwa an der Schwelle zum Zeitalter der Singularität stehen, aber keine Gleichstellung bei den Rechten von Homosexuellen haben, ist nicht leicht zu erfassen. Erst recht nicht in einem «Arena»-Setting. Aber eine solche Kritik würde das Existenzrecht der «Arena» in Frage stellen, was nicht geht, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Also muss man versuchen, aus dem Geschehenen und Gesehenen eine Erkenntnis zu gewinnen. Oder gleich mehrere.

Wir haben also zum Beispiel herausgefunden, dass Oskar Freysinger – Beruf: freischaffender Schriftsteller – seit 32 Jahren glücklich geheiratet ist. Das ist sehr löblich und wir gönnen ihm sein Glück, schauen ihm auch nicht hinter die Vorhänge, weil sich das laut Freysinger nicht geziemt: «Was die Leute im Schlafzimmer machen, das geht mich nichts an.»

Wir haben auch herausgefunden, dass man beim allfälligen Produkt der Schlafzimmeraktivitäten aber sehr genau hinschauen sollte: «Es wird zum Problem, wenn Kinder ins Spiel kommen», sagt Oskar Freysinger, der eine doppelte (!) pädagogische Ausbildung hat, zum Thema Ehe für alle.

«Wie entwickelt ein Kind eine Identität ohne Vater, oder ohne Mutter?» Diese (rhetorische) Frage stellt sich für den erfolglosen Wahlkampfleiter der welschen SVP, weil mit der Ehe für alle Lesben und Schwulen auch der Zugang zur Adoption gewährt werden soll. Frau und Mann bilden aber für Freysinger eine Einheit, eine Harmonie.

Dem Walliser selber kommt die innere Harmonie schnell einmal abhanden. «Schauen Sie mal, was aus den Scheidungskindern wird!», ruft er an einem Punkt entrüstet. Dieser Ton wiederholt sich im Laufe der Sendung ein paar Mal. Freysinger, SVP-Nationalrätin Therese Schläpfer und EDUler Hans Egli: Sie alle betonen unermüdlich, das einzige, was sie besorge, sei das Kindswohl.

Kinder, die stummen Kronzeugen der Ehe-für-alle-Gegner.

Würde man nur mal eines dieser verwahrlosten Scheidungs- und Homosexuellenkinder sehen in der freien Natur. So aber denkt man schaudernd an die fürchterlichen Geschichten, wie diese Kinder einsam und alleine alt und älter werden, in ihren traurigen Kugelaugen die Sehnsucht nach einer klaren Vaterfigur gespiegelt, der Kopf eine Wäschetrommel aus Homogenderfilz und Alleinerziehungspropaganda. «Wo ist der Vater?», will man schreien. Welcher progressive Teufel hat da seine Klauen im Spiel? Hans Egli, Waschzettel-bewehrter Evangelist und der dritte im Bunde der Ehe-für-alle-Gegner weiss es: «Dem Kind wird der Vater gestohlen!», warnte er eindrücklich.

Und zwar von den Befürwortern der Homo-Ehe.

Der für diese Sendung reaktivierte SRF-Kultmoderator Kurt Aeschbacher erweist sich hingegen als Glücksgriff. Aeschbacher, bekannt aus Funk und Fernsehen und homosexuell, entgegnet den Kindswohl-Zweiflern: «Ein Kind braucht nicht per se einen Vater und eine Mutter. Ein Kind braucht Liebe und Anerkennung. Wenn man behauptet, das kann es in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung nicht geben, dann hat man eine verzwobelte Weltsicht.» Vielleicht hat er auch gezwurbelt gesagt oder gezwabbelt, jedenfalls macht Aeschbacher sein Unverständnis über die Haltung von Freysinger & Co. bei der Adoptionsfrage deutlich.

All die Aufmerksamkeit für die Kinder soll nicht davon ablenken, dass in dieser «Arena» auch ein paar Erwachsene zugegen sind. Anne-Sophie Morand zum Beispiel, Vizepräsidentin der FDP Luzern und Vorstand der Pride, die sagt: «Es bestehen noch immer massive rechtliche Unterschiede. Wir schreiben das Jahr 2019, und die Schweiz hinkt dem Ausland bei den Rechten für Schwule, Lesben und Bisexuelle hinterher.» Und auch GLP-Nationalrat Martin Bäumle stellt nüchtern fest: «Es gibt aktuell keine Gleichberechtigung.»

«Die Biologie will das so»

Bäumle und Morand sind engagierte Teilnehmer in dieser «Arena», aber sie bleiben Randfiguren, weil der freischaffende Schriftsteller Freysinger sehr laut ist, Hans Egli die Bibel wortgetreu auslegt, und Therese Schläpfer sich beim Thema Kinder, Erziehung und Sexualität an ihren Biologie-Unterricht erinnert: «Von der Natur her ist das so», sagt Therese Schläpfer. «Die Biologie will das so», sagt auch Oskar Freysinger. «Die Natur gibt uns Richtlinien», sagt Hans Egli.
Wir stellen uns vor, wie die zwei SVPler und der EDUler durch die Wälder streifen, mit hochachtungsvollem Staunen da an einer Hetero-Blume riechen und dort anerkennend den Heterosex zweier Schmetterlinge beobachten, ein goldenes Zeitalter der Verschiedengeschlechtlichkeit in ihren humboldtschen Kladden festhaltend. Die paradiesischen Zustände nur unterbrochen durch freche Spechte im liberalen Gewand, die stoisch an den Eichen der so schön geträumten alten Gesellschaftsordnung hacken, und weil Bibel-Egli einen janusgesichtigen Vogel Storch sichtet, der nicht nur das Kind bringt, sondern auch gleich den Vater holt.

Aber eben, wir schreiben das Jahr 2019, und da wird, um es mit den Worten von Freysinger zu sagen, mit der Salamitaktik vorgegangen, eine, man muss es sagen, höchst unnatürliche Taktik. «Bei der Abstimmung über Homo-Ehe sagten die Befürworter: ‹Adoption, das ist das fernste aller Gestirne.›» Und jetzt diskutiere man plötzlich über all diese Dinge: Adoption, Fortpflanzungsmedizin, und so weiter. Freysinger, das ist bewundernswert, schafft es, innert Sekunden vom Naturforscher zum Astronomen zu mutieren, freilich auf sehr natürliche Art und Weise – mittels «Logik» nämlich. Eine weitere Kostprobe dieser Freysingerschen Logik gibt es wenig später: «Wenn es keine Männer und Frauen mehr gibt, dann haben wir hier bald einmal ausgespielt, dann gibt es auch keine Schwulen.» Das hat gesessen. Kurzes Gedankenspiel: Ein leeres Leutschenbach-Studio, die Kameras auf unberührte Wassergläser gerichtet, wortlose Stehpulte, ein Klemmbrett mit einem weissen Blatt Papier. Ein Experiment wäre es wert.

«Ich verstehe diese Diskussion nicht, die wir heute führen.»

Auch wenn diese «Arena»-Folge mit dem Thema Homo-Ehe überschrieben war: Eigentlich geht es um etwas anderes, es geht um den Weltlauf, und die Zeit, und darum, dass diese nicht anhält und die Dinge sich heute anders präsentieren als noch vor 50 Jahren. Autos sind grösser geworden und unansehnlicher, das Wasser sauberer und Menschen mit gleichgeschlechtlichen Vorlieben selbstverständlicher. Vieles davon bereitet uns keine Mühe, die Errungenschaften der westlichen Zivilisation sind – solange man die kognitiven Fähigkeiten besitzt, das Elend um einen herum auszublenden – sehr annehmlich. Einiges aber bereitet uns dennoch Kopfzerbrechen, und dazu gehört eben auch, dass einige Menschen fürchterlich spät dran sind: Oskar Freysinger zum Beispiel. Man würde dem Walliser ja gerne ein Sondersetting verordnen, aber die Kosten, die Kosten, wer weiss, ob sich das die Gesellschaft leisten kann.

Irgendwann sagt Freysinger, «nur weil es alle machen, ist es nicht richtig». Das ist messerscharf beobachtet, bedeutet im Umkehrschluss aber auch: Nur weil es einer alleine macht, ist es noch lange nicht richtig. Wie um das zu beweisen, vergleicht Freysinger die Ehe-für-alle-Befürworter irgendwie mit einer Büffelherde, zitiert C.G. Jung, Ying und Yang und die Hormone. Später stellt er fest, dass die männliche Modellfigur verschwunden sei, womit er nicht einmal Unrecht hat, auch wenn man sich alles in allem wohl glücklich schätzen darf, dass Freysingers Vater-Modellfigur verschwunden ist.

«Ich verstehe diese Diskussion nicht, die wir heute führen», sagt Bäumle, der «Erfinder» der Homo-Ehe, stellvertretend für die meisten Zuschauer irgendwann. Applaus gab es denn auch ausschliesslich bei den Voten der Befürworter der Gleichberechtigung.

Man diskutierte also in erster Linie über die Gleichberechtigung von Homosexuellen, aber auch über Kinder, Natur, Normen und Gottes Wille, und irgendwie auch über Oskar Freysingers Vater, und vielleicht war damit «das Fuder wieder einmal überladen», wie Moderator Brotz in einem gänzlich anderen Zusammenhang in dieser Sendung feststellte.

«Ich glaube langsam, ich muss mich da wehren, als normale Person.»

Während also viele Dinge in dieser «Arena» verschwinden und verloren gehen – die Ordnung vor allem – taucht zum Glück irgendwann Florian Vock auf. Der SP-Grossrat und Pink Cross-Vorstand, der in der zweiten Reihe platziert wurde, sagt mit einer beeindruckenden Contenance, er fühle sich eigentlich ziemlich ausgeglichen. Es war eine Entgegnung auf Freysingers Feststellung, dass Homosexuelle einen unausgeglichenen Hormonhaushalt hätten: «Die banale Psychologie und die pseudonaturalistische Erklärung helfen uns nicht weiter.»

Vock gibt sich keinen Illusionen hin: «Es wird immer einen Anteil von Homophobie in der Gesellschaft geben». Das liege auch daran, dass es noch immer kaum schwule und lesbische Vorbilder gebe. «Keine heterosexuelle Person muss je ein Coming-out machen – im Gegensatz zu Homosexuellen.» Freysinger trage als ehemaliger Politiker eine Mitverantwortung für diesen Zustand.

Züge eines absurden Theaters nimmt die Sendung schliesslich an, als die Nationalrätin der grössten Partei, die ebenfalls glücklich heterosexuell verheiratete Therese Schläpfer, bekennen musste, dass sie sich «mittlerweile als Randgruppe» fühle. «Ich glaube langsam, ich muss mich da wehren, als normale Person.» Was man leider nicht herausgefunden hat, und was man vielleicht auch nicht wissen möchte, ist, was «normal» in den Augen von Schläpfer und Egli und Co. genau bedeutet, und welche Sündenpfuhl-Szenen sich vor ihrem inneren Auge abspielen, wenn sie Sätze sagen wie: «Die Schwulen sagen ja selber, es ist ein alternativer Lebensstil, die leben ja anders» (EDUler Egli).

Dafür, dass man hier in einer säkularen Gesellschaft lebt, hat es erstaunlich viele Kirchenvertreter in dieser «Arena». Nicht alle sind gegen die Ehe für alle. Für Gottfried Locher, Präsident des Evangelischen Kirchenbundes, ist die Zustimmung seiner Kirche zur Homo-Ehe längst überfällig: «Unsere Kirche ist 500 Jahre, und auch sie hat sich schuldig gemacht bei der Behandlung von Homosexuellen.»

Dann ist Bernhard Rothen, evangelischer Pfarrer und Kritiker der Ehe für alle, an der Reihe, während Kurt Aeschbacher neben ihm demonstrativ ein paar Zentimeter zur Seite rutscht. Rothen, der sich in einer Predigt wähnt, gestikuliert und macht Kunstpausen und sagt, «Gott will den Menschen helfen», was wohl etwas verklausuliert steht für: Gott will den Menschen helfen, ihre Homosexualität abzulegen. Aeschbacher führt dagegen die schwulen Pinguine ins Feld – Beweis, dass die Natur auch Homosexualität vorgesehen hat. «Die gehen aber nicht in die Kirche», flachst irgendjemand, und zu diesem Zeitpunkt hat man vergessen, dass es auch noch Gäste in der ersten Reihe gab. «Wir sollten über Gesetzesartikel reden und nicht über Bibelstellen», sagt Vock.

Später ist die Aufmerksamkeit wieder auf die erste Reihe gerichtet, weil Freysinger Brotz seine Rolle als Mahner in der Wüste erläutert: «In jedem System gibt es einen, den man nicht hören will. Und das bin ich.»

Wobei das natürlich nicht stimmt, Freysinger möchte Freysinger sehr gern und so oft wie möglich hören. Schläpfer, die bis zu diesem Punkt eigentlich vor allem aufgefallen ist, weil unter ihr einmal der Name von Morand eingeblendet wurde, sagt daraufhin zu Brotz im Tonfall einer Hündelerin, die Verständnis für ihren kläffenden Hasso sucht: «Er hilft Ihnen doch, Herr Brotz, er provoziert ein bisschen, um die Einschaltquote zu heben.» Brotz erwidert zwar, dafür brauche es Freysinger nicht, aber die Teilnahme von Freysinger und seine Inszenierung als unabhängiger intellektueller Systemkritiker hinterlassen einen schalen Nachgeschmack. Es ist ja nicht so, als ob man wusste, was auf einen zukommt.

«Wir Schwulen und Lesben haben jedes Mal Angst, wenn wir ausgehen.»

Zum Schluss der Sendung diskutiert man noch über die Erweiterung der Antirassismus-Strafnorm, gegen die das Referendum erhoben worden war. In Erinnerung werden zwei Szenen bleiben: Erstens Florian Vock, der einen Einblick in seine Lebensrealität gibt: «Hier sind viele junge Menschen, es ist Freitagabend. Wir Schwulen und Lesben haben jedes Mal Angst, wenn wir ausgehen, einer von fünf Männern wurde in den letzten 12 Monaten angepöbelt.»

Und zweitens – ja – noch einmal Oskar Freysinger, der sich in seiner Nullsummenlogik erneut Sorgen macht, dass wenn eine Minderheit geschützt wird, eine andere Minderheiten schlechter gestellt werde (zuvor zeigte er sich scheinbar besorgt, dass Schwule bei der Kinderfrage gegenüber Lesben benachteiligt werden könnten). Wenn also Hetze gegen Schwule und Lesben als Offizialdelikt gälten, seien wiederum andere Randgruppen benachteiligt, zum Beispiel – aufgepasst – «Blondinen» – worauf er auf Flügelfrau Schläpfer zeigte. Schläpfer machte dazu eine halbe Drehung und einen Knicks, als präsentiere sie 1950 ein Cocktail-Kleid.

«Du versuchst immer alles ins Lächerliche zu ziehen», sagt Bäumle zu Freysinger.

«Ich brauche es eigentlich nicht», sagte Oskar Freysinger zu Beginn der Sendung auf die Frage von Brotz, ob ihm die Öffentlichkeit gefehlt habe.

Diese «Arena» hätte Freysinger auch nicht gebraucht, eigentlich.

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