Fremd, allein und minderjährig

Dieses Jahr sind bereits fast doppelt so viele unbegleitete minderjährige Asylsuchende in die Schweiz gereist wie 2014. Das stellt die Kantone vor Herausforderungen. Luzern eröffnet nun ein spezielles Zentrum für die jungen Flüchtlinge.

Michel Burtscher
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Ein unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender lernt in einem Klassenzimmer im Durchgangsheim der Peregrina-Stiftung in Weinfelden. (Bild: ky/Ennio Leanza)

Ein unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender lernt in einem Klassenzimmer im Durchgangsheim der Peregrina-Stiftung in Weinfelden. (Bild: ky/Ennio Leanza)

Aziz war 14 Jahre alt, als er mit seinem Vater und seinem Bruder aus Afghanistan flüchtete. Der Vater, in Drogengeschäfte verwickelt und verschuldet, fürchtete um das Leben seiner Familie. Zielland war Schweden. Mit gefälschten Pässen flog die Familie in die Türkei und fuhr mit dem Auto weiter nach Griechenland. Dort wurde Aziz jedoch von seinem Vater und seinem Bruder getrennt. Der Jugendliche schlug sich daraufhin ohne seine Familie durch – und landete schliesslich via Italien in der Schweiz: allein und minderjährig. So steht es in einer Akte der Schweizerischen Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht.

Psychisch und physisch belastet

Im Fachjargon ist Aziz ein UMA – ein unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender. Die Zahl der UMA hat 2015 in der Schweiz markant zugenommen (vgl. Grafik): Im ganzen Jahr 2014 wurden 795 von ihnen registriert. Dieses Jahr waren es bis Ende September bereits über 1500. Die meisten UMA sind zwischen 15 und 18 Jahre alt, männlich, und stammen aus Eritrea. «Der Umstand, dass die Jugendlichen in der nordafrikanischen Diktatur wissen, dass sie in den Militärdienst eingezogen werden, treibt viele von ihnen vor Beginn der Wehrpflicht in die Flucht», sagt Constantin Hruschka von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe.

Trotz des Anstiegs ist die Anzahl der UMA in der Schweiz noch immer klein im Vergleich zu anderen europäischen Ländern: Im nur wenig grösseren Schweden sind dieses Jahr bereits über 10 000 UMA angekommen. Dennoch stellen die unbegleiteten Kinder und Jugendlichen die Kantone vor Herausforderungen, personell und finanziell. Die Betroffenen haben auf ihrer Flucht oft Gewalt erlebt, sind traumatisiert und leiden unter der Trennung von ihrer Familie. Der Kanton Luzern teilte vergangene Woche mit, dass er nun ein spezielles Asylzentrum für Minderjährige einrichtet, wie es auch andere Kantone schon haben. Dort werden die Betroffenen dann rund um die Uhr von Sozialpädagogen betreut, und sie besuchen eine hausinterne Schule. Gemäss einem Bericht der «Neuen Luzerner Zeitung» kostet die Betreuung und Unterbringung eines UMA in einem solchen Zentrum bis zu 40 000 Franken pro Jahr.

Von Kanton zu Kanton anders

Die UMA haben gemäss dem Staatssekretariat für Migration (SEM) Anrecht auf eine geeignete Unterkunft, Schulbildung und Animation. Zudem wird ihnen eine Vertrauensperson zur Seite gestellt. Diese unterstützt und begleitet die Jugendlichen während des Asylverfahrens. Die Asylgesuche der UMA werden gemäss SEM-Sprecherin Léa Wertheimer prioritär behandelt.

Bei der Betreuung der UMA gibt es grosse kantonale Unterschiede. Das kritisierte Anfang des Jahres der UNO-Kinderrechtsausschuss in einem Bericht. Manche Kantone betreiben spezielle Zentren, wie es in Luzern bald der Fall sein wird. Andere arbeiten mit Pflegefamilien zusammen. Wenige quartieren die UMA in normalen Asylzentren ein. Wichtig sei, dass der Schutz und die Betreuung der unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden in allen Kantonen gewährleistet werde, sagt Marianne Hochuli von der Caritas. «Zudem sollten die Betroffenen möglichst schnell ins gesellschaftliche Leben integriert werden.» Dazu gehöre auch der Besuch des normalen Schulbetriebs. Zwar habe es sich bewährt, dass man die UMA in der ersten Phase separat unterrichte, sagt Constantin Hruschka von der Flüchtlingshilfe. «Eine Dauerbeschulung im Zentrum ist aber sicher nicht zielführend.» Dem pflichtet Marianne Hochuli bei: «Die Jugendlichen sollten so schnell wie möglich die normale Schule besuchen. So können sie Freundschaften schliessen, lernen die Sprache schneller und werden mit dem Alltag in der Schweiz vertraut.»

Harmonisierung gefordert

Später sei es wichtig, den Minderjährigen Anschlussmöglichkeiten anbieten zu können, sagt Hruschka. Auch hier gibt es grosse kantonale Unterschiede: Gemäss der Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht bietet beispielsweise der Kanton Luzern diverse berufliche Ausbildungsprogramme an. Im Kanton Aargau hingegen existiert lediglich ein Sprachkurs ohne berufliche Vorbereitung. Die Organisation fordert darum eine bundesweite Harmonisierung der Ausbildung der zwischen 16- und 18jährigen UMA. Zusätzlich solle das Ausbildungs- und Brückenangebot erweitert werden. Aziz aus Afghanistan hatte Glück: Sein Asylgesuch wurde zwar nicht bewilligt, aber er wurde vorläufig aufgenommen und konnte eine Lehre beginnen.