Frauenklinik ist ein Sorgenkind

Die Berner Frauenklinik weist erhebliche Baumängel auf und ist gar einsturzgefährdet. Nach nur zwölf Jahren muss sie jetzt umfassend saniert werden. Dafür braucht es ein 40-Millionen-Provisorium, das nach spätestens acht Jahren wieder abgerissen wird.

Reto Wissmann
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Die Berner Frauenklinik hat bereits nach zwölf Jahren eine umfassende Sanierung nötig. (Bild: ky/Peter Schneider)

Die Berner Frauenklinik hat bereits nach zwölf Jahren eine umfassende Sanierung nötig. (Bild: ky/Peter Schneider)

BERN. Bei der Berner Frauenklinik am Inselspital stehen umfangreiche Bauarbeiten an. Die Statik ist mangelhaft, bei einem Erdbeben droht der erst zwölfjährige Bau einzustürzen. Für die umfangreiche Sanierung ging man zunächst von Kosten von 6 Millionen Franken aus. Dann wurde klar, dass zumindest ein Teil der Klinik während eineinhalb Jahren ausgelagert werden muss. Die Kostenschätzungen stiegen auf 12 Millionen und später auf 40 Millionen Franken. Heute liegt man bereits bei 57 Millionen. Gut 40 Millionen soll allein ein Ersatzbau kosten. Dieses Provisorium muss aufgrund der Bauvorschriften jedoch spätestens nach acht Jahren wieder abgerissen werden.

Zwei Einsprachen

Derzeit bearbeitet die Stadt Bern das Baugesuch für die Ersatzklinik. Zwei Einsprachen verzögern einen Entscheid. Markus Hächler, Mediensprecher des Inselspitals, sagt: «Sofern die Baubewilligung bis Ende Juli vorliegt, können wir im August mit den Arbeiten beginnen und Ende 2015 den Betrieb im Provisorium aufnehmen.»

Verzögert sich die Bewilligung jedoch weiter, so kommt allenfalls eine weit günstigere Alternative zum Zuge. Für 300 Millionen Franken will das Inselspital auf seinem Gelände ein neues Krebszentrum bauen. Dieses Projekt könnte vorgezogen und vorab als Provisorium für die Frauenklinik genutzt werden. Ob der komplexe Bau allerdings so schnell realisiert werden kann, ist offen. Derzeit läuft erst der Studienwettbewerb, später ist dann gar noch eine Volksabstimmung nötig. In Betrieb gehen könnte der Bau frühestens Anfang 2018. Zu lange möchte die Spitalleitung mit der Sanierung der Frauenklinik aber nicht zuwarten: «Wir werden immer auf die schnellstmögliche Variante setzen», sagt Masterplan-Projektleiter Andreas Walter.

Turbulente Geschichte

Die Geschichte der Berner Frauenklinik ist noch kurz, verlief aber nicht minder turbulent. Im Mai 2002 wurde sie feierlich eingeweiht. Für 124 Millionen Franken hatte sich der Kanton Bern ein modernes Frauenspital mit vier Geburtssälen, vier Operationssälen und insgesamt 930 Räumen geleistet.

Die damalige Baudirektorin Dori Schaer-Born (SP) war begeistert vom «Rhythmus des Gebäudes» sowie dem «eindrücklichen Äusseren» und zeigte sich überzeugt, dass alle die neue Frauenklinik «sehr schnell lieben werden».

Doch aus dieser Liebe wurde nichts. Schon kurz nach der Eröffnung tauchten Probleme auf. Unter anderem war eine Fassade undicht und die Lärmdämmung zwischen Zimmern und Gebärsälen mangelhaft. Die Generalunternehmung Göhner Merkur AG (heute Implenia) musste insgesamt 3600 Mängel beheben. Bald zeigte sich aber auch, dass der eigenwillige Bau des Zürcher Architekturbüros Bétrix und Consolascio teilweise an den Bedürfnissen der Patientinnen, Angestellten und Besuchern vorbeigeplant worden war. Die Vorfahrt beim Haupteingang war nicht überdacht, der viele Sichtbeton deprimierte die Wöchnerinnen, die Cafeteria war zu klein, die Signalisation ungenügend, und beim Empfang herrschte ständig Zugluft. Nach nur eineinhalb Jahren musste der Kanton für 1,8 Millionen Franken nachbessern.

Doch damit nicht genug. 2009 wurde festgestellt, dass die Tragkonstruktion des Gebäudes bereits sanierungsbedürftig war. Der Neubau war nach den Regeln des Brückenbaus erstellt worden. Die Lager, auf denen die tragenden Elemente ruhen, waren nach kurzer Zeit so stark beschädigt, dass sich an der Fassade sogar Verformungen zeigten.

Obschon vertraglich vereinbart, entsprach der Bau zudem nie den Erdbebennormen. Um die Einsturzgefahr zu reduzieren, mussten bei laufendem Betrieb kurzfristig massive Stahlklammern und -träger eingebaut werden. «Was man von aussen sieht, muss Hunderte von Jahren halten», hatte die Architektin Marie-Claude Bétrix bei der Eröffnung der Frauenklinik gesagt. Nun ist nach sieben Jahren eine umfassende Sanierung nötig.

Garantiefrist abgelaufen

Ein ehemaliger Bundesrichter machte als Gutachter Planungsfehler für das Debakel verantwortlich. Dafür müsste eigentlich der Generalunternehmer haften, der die Verantwortung von den Architekten übernommen hatte. Die Garantiefrist von fünf Jahren war aber bereits abgelaufen, als man die Statikmängel entdeckte, auf einen Rechtsstreit verzichtete der Kanton. Später zahlte Implenia dann doch «freiwillig» eine Million Franken. Den zweistelligen Millionenbetrag für die definitive Sanierung müssen nun jedoch die Steuer- oder Prämienzahler übernehmen.