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FLÜCHTLINGE: Asyl-Problemfälle im Schnee

1871 hat die Bevölkerung von Les Verrières notleidenden Soldaten geholfen. Ab 2018 beherbergt die Neuenburger Gemeinde das schweizweit erste Zentrum für renitente Asylsuchende. Die Anwohner verstehen die Welt nicht mehr.
Tobias Bär
Les Verrières: 700 Einwohner, ein Bahnhof, an dem kein Zug hält – und bald ein Zentrum für problematische Asylsuchende. (Bild: Christian Pfander/Freshfocus (Les Verrières, 15. November 2016))

Les Verrières: 700 Einwohner, ein Bahnhof, an dem kein Zug hält – und bald ein Zentrum für problematische Asylsuchende. (Bild: Christian Pfander/Freshfocus (Les Verrières, 15. November 2016))

«Wenn Sie mir die Gemeinde nennen, die sagt: ‹Das Renitentenzentrum machen wir bei uns!›, lade ich Sie zum Nachtessen ein.» Diese Worte sagte Justizministerin Simonetta Sommaruga im Juni 2015 im Ständerat. Nun hat der Bund doch eine Gemeinde gefunden, deren Vertreter sich zumindest nicht gegen eine solche Unterkunft auf ihrem Boden wehren: Les Verrières im Kanton Neuenburg. Man habe mit dem Kanton und der Gemeinde eine Absichtserklärung unterzeichnet, hiess es vergangene Woche. Den Begriff «renitente Asylsuchende» scheinen die Bundesbehörden inzwischen zwar zu scheuen, in der Mitteilung ist die Rede von einem «besonderen Bundeszentrum». Doch der Zweck der Unterkunft bleibt derselbe: die Unterbringung von Asylsuchenden, die den ordentlichen Betrieb in den anderen Bundeszentren stören. Bund und Kantone tun sich schon mit der Suche nach regulären Zentren schwer. In Bettwil, in Amden und zuletzt in Seelisberg nahm der Widerstand teils hässliche Züge an. In Les Verrières zeigt der zuständige Gemeinderat Michel Chariatte, dass sich auch ein solch heisses Thema mit Bedacht angehen lässt. «Man kann nicht grundsätzlich für die Aufnahme von Flüchtlingen sein und dann sagen: Aber sicher nicht bei uns!»

Der Weg nach Les Verrières zu Michel Chariatte ist lang. Von Neuenburg geht es hoch ins Val de Travers, wo sie das Wermutkraut zu Absinth brennen. Nach der grössten Gemeinde im Tal, Fleurier, führt der Weg weiter hinauf und weiter der französischen Grenze entgegen. Dorthin, wo in diesen Tagen schon eine beachtliche Schneedecke liegt. In Les Verrières steht zwar ein Bahnhof, die Züge halten hier aber schon seit Jahren nicht mehr an. Die Zahl der Einwohner hat sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts mehr als halbiert, die Bankfiliale ist geschlossen. Es gibt noch eine Poststelle, einen kleinen Lebensmittelladen, eine Apotheke – und drei Restaurants. «Als ich 1979 hierhin gezogen bin, gab es noch 13 Restaurants. Nur mit Mühe konnte man sich abends vom einen Ende bis zum anderen durchkämpfen», sagt Chariatte.

Standort des schweizweit ersten «besonderen Zentrums» ist ein Dorf, das gegen den Bedeutungsverlust kämpft.

«Die Gegner hören sich unsere Antworten gar nicht an»

Die Unterkunft soll voraussichtlich Anfang 2018 in Betrieb gehen. Im ersten Jahr ist die Kapazität auf maximal 20 Personen beschränkt, danach beherbergt sie bis zu 60 Asylsuchende. Der Bund hat die Liegenschaft einem privaten Eigentümer abgekauft. Dieser betrieb im Gebäude ein Sportzentrum, doch die Nachfrage blieb aus. Heute steht die Liegenschaft leer. «Der Besitzer hat sich selber an den Bund gewandt – im Wissen darum, dass dieser auf der Suche nach Asylunterkünften ist», sagt Chariatte. Die Behörden informierten die lokale Bevölkerung am gleichen Tag wie die breite Öffentlichkeit – an einer Informationsveranstaltung im Dorf. 80 von 700 Einwohnern kamen. «Die wütenden Wortmeldungen kamen ausschliesslich von den Anwohnern. Die meisten davon sind miteinander verwandt», sagt Chariatte. Auch der Gemeindepräsident Jean-Bernard Wiesland hatte auf die Frage, wo sich denn Gegner des Projekts finden liessen, geantwortet: «Gehen Sie in den Weiler Cernets, dort finden Sie die Familien Rey.» Die Unterkunft kommt nicht im Dorfzentrum zu stehen, sondern vier Kilometer weiter nördlich und einige Höhenmeter weiter oben. In Cernets, am Rand dieser Gemeinde am Rand der Schweiz – und dort wohnen eben die Reys.

Als wir uns nach dem Gespräch mit Chariatte dorthin begeben, wo das Zentrum realisiert wird, müssen wir nicht lange nach einem Mitglied der Rey-Familien suchen. Pascal Rey kommt zielstrebig auf uns zu. «Die Parteien waren seit Sommer 2015 miteinander im Gespräch. Man hätte uns früher einbeziehen müssen», sagt der Landwirt, der seit seiner Geburt auf dem Hügel lebt. Reys Bedenken drehen sich um das Thema ­Sicherheit. Der Schulbus halte vorne an der Kreuzung, einige Kinder müssten das Zentrum so jeden Tag passieren. Gemeinderat Chariatte sagt: «Wir haben schon gesagt, dass wir die Kinder näher am Haus abholen können.» Er könne die Bedenken der Anwohner durchaus nachvollziehen. «Das Problem ist aber, dass sich die Gegner unsere Antworten gar nicht anhören.» Bevor Rey einen besonders scharfen Satz formuliert, sagt er ­jeweils, er sei «kein Rassist» und «nicht grundsätzlich gegen Flüchtlinge». So etwa vor diesem: «99 Prozent der Flüchtlinge machen keine Probleme, doch ein Prozent bringt den Terror nach Europa – und diese werden hier oben bei uns wohnen.»

Es kommen keine straffälligen Asylsuchenden

Bundesrätin Sommaruga beschrieb die Kandidaten für das «besondere Zen­trum» im Nationalrat so: «Unter renitenten Asylsuchenden verstehen wir Personen – meist Männer –, die betrunken in die Unterkunft kommen, die andere ­anpöbeln.» Ausserdem gehe es um Personen, die «in Schlägereien involviert sind». Das sind Vergehen, die ausserhalb des Strafrechts liegen. Die Asylsuchenden, die oberhalb von Les Verrières einziehen werden, sind keine Kriminellen. Gemäss Angaben des Staatssekretariats für Migration (SEM) erhalten die Bewohner nur Sachleistungen, das Taschengeld von drei Franken pro Tag ist gestrichen. Ausserdem gelten strengere Ausgangsbeschränkungen. Die Asylsuchenden werden aber nicht eingeschlossen, sie dürfen die Unterkunft zwischen 9 und 17 Uhr verlassen. In der Deutschschweiz sucht der Bund einen Standort für ein zweites «besonderes Zentrum», ist bislang aber nicht fündig geworden.

«Wir sind die Versuchskaninchen», sagt Rey. «Hier oben dauert der Winter sechs Monate. Aber auch im Sommer stellt sich die Frage, wie die Asylsuchenden hier ihre Zeit totschlagen sollen. Ausserdem liegt die Grenze nur ein paar Minuten entfernt, die können sich ganz einfach absetzen.» Die Gefahr des Untertauchens lasse sich wie bei den ­anderen Zentren nicht ausschliessen, heisst es dazu beim SEM. Gemeinderat Chariatte verweist seinerseits auf die geplanten Beschäftigungsprogramme und auf die Sicherheitsgarantien, die man von den Behörden erhalten habe. «Ein Nullrisiko gibt es aber nicht.»

Der Verweis auf die humanitäre Tradition

Ein Grund dafür, dass sich die Gemeindeverwaltung trotzdem nicht querstelle, finde sich in ihrer Geschichte, so Cha­riatte. In Les Verrières wurde in der Nacht auf den 1. Februar 1871 der Internierungsvertrag der französischen Bourbaki-Armee unterzeichnet, die sich von deutschen Truppen eingekesselt sah. In den folgenden Tagen strömten fast 90000 demoralisierte Soldaten über die Grenze, die Bevölkerung leistete grosszügig Hilfe. An die Ereignisse erinnert heute ein Themenweg, im Hôtel de Ville hängt eine Nachbildung des Luzerner Bourbaki-Panoramas. Den Unterstützern des Zentrums gehe es nicht um die humanitäre Tradition, sagt Rey, sondern nur um Geld. «Der Bund entschädigt uns nur für die Ausgaben, die im Zusammenhang mit dem Zentrum anfallen – also etwa für die Schneeräumung auf der Zufahrtsstrasse», entgegnet Chariatte. Der Kanton Neuenburg wiederum erhält vom Bund jährlich 264000 Franken als Beitrag an die Sicherheitskosten.

Die Reys mögen die erbittertsten Gegner des Zentrums sein, doch auch die Passanten im Dorf haben kein gutes Wort dafür übrig: «Wir erwarten nichts Gutes» – «Wenn sie anderswo Probleme verursacht haben, tun sie das auch hier.» Bis 2005 diente die Liegenschaft schon einmal als Asylunterkunft. Nennens­werte Probleme gab es keine – das sagt Gemeinderat Chariatte, das sagen aber auch die Dorfbewohner. Und das sagt selbst Pascal Rey: «Eine Flüchtlings­familie aus Togo hat zu unseren engsten Freunden gezählt.» Ob er sich vorstellen könne, auch unter den Neuankömmlingen Freunde zu finden? «Möglich wär’s. Möglich wär’s.»

Gemeinderat Michel Chariatte befürwortet das Asylzentrum.

Gemeinderat Michel Chariatte befürwortet das Asylzentrum.

Pascal Rey vor der künftigen «besonderen» Asylunterkunft.

Pascal Rey vor der künftigen «besonderen» Asylunterkunft.

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