«Der Beginn vom Ende unseres Rechtsstaates»: Filippinis grosse Schlacht gegen die Verschärfung des Waffenrechts

Der Präsident des Schweizerischen Schiesssportsverbands, Luca Filippini, kämpft an vorderster Front gegen die Verschärfung des Waffenrechts – und gleichzeitig gegen den Bedeutungsverlust des Schützenwesens.

Michel Burtscher
Drucken
Teilen

Nein, in einem Schiesskeller oder Schiessstand wolle er sich nicht treffen, machte Luca Filippini gleich zu Beginn klar. Das war ihm wichtig, obwohl es keineswegs abwegig wäre. Immerhin ist er Präsident des Schweizerischen Schiesssportverbands und einer der Köpfe hinter dem Referendum gegen die Verschärfung des Waffenrechts. Doch bei der Abstimmung am 19.  Mai stehe nicht nur für die Schützen viel auf dem Spiel, so Filippini, sondern für alle Bürgerinnen und Bürger.

Der 50-Jährige lädt darum nach Bellinzona ein, an die «Piazza Governo», wo das «Dipartimento delle istituzioni» seinen Sitz hat, das Innen-, Justiz- und Polizeidepartement des Kantons Tessin. Filippinis Büro befindet sich im vierten Stock eines rechteckigen Gebäudes aus den 1950er-Jahren, das architektonisch wie ein Fremdkörper wirkt in der Altstadt des Tessiner Hauptorts. Der studierte Ingenieur ist Generalsekretär im «Dipartimento delle istituzioni», arbeitet damit unter Lega-Staatsrat Norman Gobbi, der schweizweit bekannt geworden ist durch seine Bundesratskandidatur für die SVP im Jahr 2015.

«Wir kämpfen bis zum Schluss.»

Filippini wirkt entspannt, obwohl ein Sieg keineswegs sicher ist bei der Abstimmung, von welcher, wenn man ihm so zuhört, der Fortbestand der Schweiz abzuhängen scheint. Der oberste Schütze sitzt in einem kargen Sitzungszimmer, vor sich ein Espresso, und sagt: 

«Ein Ja zu dieser Vorlage wäre der Beginn vom Ende unseres Rechtsstaates.»

Durch die Fenster sieht man auf die Berge und die Stadt. Das Tessin macht seinem Ruf als «Sonnenstube der Schweiz» an diesem Tag keine Ehre, es regnet in Strömen. Am Morgen war eine neue Umfrage veröffentlicht worden, die einen Ja-Trend zeigte zum Waffenrecht. Filippini sagt: «Wir kämpfen bis zum Schluss.»

Der Tessiner macht fast nichts anderes als gegen die Vorlage zu kämpfen, seit er vor zwei Jahren zum Schützenpräsidenten gewählt wurde. Zuerst im Hintergrund während der parlamentarischen Debatte, nun im Rampenlicht beim Referendum. «Eigentlich bin ich nicht dafür gewählt worden», sagt Filippini. Doch es gehe um viel, darum müsse er sich einbringen, auch wenn es zeitlich eine grosse Belastung sei für ihn neben Job und Familie. Filippini ist ein ruhiger und freundlicher Mann, der seine Worte genau abwägt. Trotzdem: Inhaltlich macht der Oberst im Generalstab keine Kompromisse. Das hat ihm auch schon den Vorwurf eingebracht, es mit den Fakten nicht so genau zu nehmen. Nach einem Gastbeitrag Filippinis zum Waffenrecht in der «NZZ» wünschte sich FDP-Nationalrätin Doris Fiala von ihm in einem Leserbrief «etwas mehr Respekt vor der Wahrheit».

Was passiert mit Schengen?

Filippini nimmt einen Schluck von seinem Espresso und sagt: «Die Vorlage hält nicht, was sie verspricht.» Dann bringt er die Argumente, die man im Abstimmungskampf immer wieder hört: Waffengewalt sei hierzulande kein Problem, Terroristen halte man mit der Gesetzesänderung nicht auf, weitere Verschärfungen würden folgen, für Schengen lasse sich schon eine Lösung finden. Gerade die Schengen/Dublin-Mitgliedschaft der Schweiz ist für die Befürworter der Vorlage zum Hauptargument geworden. Unablässig warnen sie davor, dass die Schweiz ausgeschlossen würde bei einem Nein.

Als Generalsekretär im Tessiner Justiz- und Polizeidepartement weiss Filippini, wie wichtig die Abkommen sind für Schweiz, unter anderem für die Sicherheit. Er sagt denn auch: «Wir sind nicht gegen Schengen.» Die Warnungen seiner Gegenspieler sind für ihn jedoch Panikmache: «Die Schweiz ist mitten in Europa, ein Ausschluss wäre im Interesse von niemandem», sagt Filippini. Er ist darum zuversichtlich, dass bei einem Nein zur Übernahme der EU-Waffenrichtlinie eine Einigung erzielt werden kann. Der Text des Abkommens indes ist klar: Findet die Schweiz innerhalb von 90 Tagen keine Lösung, welcher die EU und alle Mitgliedstaaten zustimmen, tritt der Vertrag automatisch ausser Kraft. Das Risiko, dass die Schweiz ausgeschlossen würde, hält Justizministerin Karin Keller-Sutter denn auch für «relativ hoch», wie sie unserer Zeitung sagte.

Für Aussenstehende sind die Verbissenheit und der Furor, mit denen die Schützen gegen die Vorlage kämpfen, schwierig nachvollziehbar, denn im Alltag ändert sich nur wenig. Zwar werden halbautomatische Waffen wie die auch im Breitensport beliebten Sturmgewehre 57 und 90 künftig den verbotenen Waffen zugeordnet. Der Bundesrat hat mit der EU aber Ausnahmen ausgehandelt, mit denen die Schweizer Schützentradition gewahrt wird. Wer regelmässig schiesst, der kann das auch in Zukunft noch tun. Doch den Schützen geht es um den Grundsatz, wie Filippini sagt: 

«Heute hat jeder normale Bürger im Prinzip ein Recht auf Waffenbesitz. Das wäre nachher anders.»

Filippini gilt als Vollblutschütze. Das erste Mal geschossen hat er, da war er noch keine zehn Jahre alt. Beigebracht hat es ihm sein Grossvater. Als Jugendlicher trat er dem Schützenverein bei, begann in verschiedenen Disziplinen zu schiessen, ist heute im Tessin für die Ausbildung verantwortlich und seit April 2017 oberster Schütze. Filippini weiss, dass nicht alle die Faszination für sein Hobby verstehen können. Er sagt: «Mir gefällt, dass man bei diesem Sport immer gegen sich selber kämpft, besser werden will. Es geht nicht nur um die Kontrolle des Körpers, sondern auch die Kontrolle der Emotionen.» Das Schiessen ist eine Familiensache. Auch seinen elfjährigen Sohn hat Filippini schon mitgenommen in den Schiessstand. Die Tochter aber sei noch zu jung dafür, sagt er.

Filippini betont, er sei froh, wenn er sich nach der Abstimmung wieder aus dem Rampenlicht zurückziehen könne – nicht nur, damit er wieder mehr Zeit hat für die Familie. «In Zukunft möchte ich nicht mehr nur politische Kämpfe austragen müssen, sondern mich beim Schiesssportverband auf die sportlichen Belange konzentrieren können.» Und da gibt es einiges zu tun in den nächsten Jahren.

Einfluss der Schützen ist gesunken

Wie andere Vereine auch haben die Schützen teilweise mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen. «Für einige unserer Mitglieder ist die Situation schwierig. Wir müssen etwas unternehmen, wenn die Vereine die nächsten Jahre überleben sollen», sagt Filippini. Der Schiesssportverband ist zwar noch immer der viertgrösste Sportverband des Landes und hat damit auch politische Macht. Initiativen oder Referenden hat er im Nu zusammen, wie sich beim Waffenrecht gezeigt hat.

Doch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bedeutung und damit der Einfluss der Schützen stark gesunken ist in den letzten Jahrzehnten. Die Zahl der Schützenvereine ist zurückgegangen von fast 3900 im Jahr 1995 auf noch rund 2700 im vergangenen Jahr. Die Zahl der Mitglieder sank in dieser Zeit von 550000 auf 130000. Dieser Rückgang hat auch damit zu tun, dass seit dem Jahr 1996 nicht mehr automatisch Mitglied in einem Schützenverein ist, wer das Obligatorische schiessen muss – aber eben nicht nur. Filippini sagt: «Die Gesellschaft ist individualistischer geworden, man will sich weniger binden an einen Verein.» Das spüren auch die Schützen. Zwar sei bei den Jungen durchaus Interesse vorhanden am Schiesssport, nur gelinge es oft nicht, sie auch in einen Verein zu integrieren.

Für den obersten Schützen ist darum klar: «Wir müssen uns in Zukunft mehr gegen aussen zeigen, auf unseren Sport aufmerksam machen.» Die Schützen hätten sich in der Vergangenheit teilweise versteckt, gerade weil ihr Sport in gewissen Teilen der Bevölkerung Argwohn hervorrufe. Aber Filippini ist wichtig, dass die Gesellschaft sie nicht als Waffennarren sieht. «Schiessen ist wie jeder andere Sport auch, einfach mit einer Pistole oder einem Gewehr», sagt er.

Befürworter des neuen Waffenrechts bauen Vorsprung aus

Rund einen Monat vor der Abstimmung sind die Teilrevision des Waffenrechts sowie der AHV-Steuerdeal (Staf) auf Ja-Kurs: Dabei ist das Ja beim Staf mit 62 Prozent deutlicher. Die Befürworter des neuen Waffenrechts haben derweil den Vorsprung ausgebaut.