Ferienregion bittet zur Kasse

Lauterbrunnen im Berner Oberland will eine Abgabe auf Zweitwohnungen einführen. Da das Geld aber nur zweckgebunden eingesetzt werden darf, steht die Gemeinde vor neuen Problemen.

Reto Wissmann
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Steht eine Ferienwohnung meistens leer, soll der Besitzer in Zukunft eine Abgabe zahlen. Auch in Wengen, das zu Lauterbrunnen gehört. (Bild: swiss-image/Mattias Nutt)

Steht eine Ferienwohnung meistens leer, soll der Besitzer in Zukunft eine Abgabe zahlen. Auch in Wengen, das zu Lauterbrunnen gehört. (Bild: swiss-image/Mattias Nutt)

LAUTERBRUNNEN. Die Gemeinde Lauterbrunnen mit ihren sechs Dörfern Mürren, Wengen, Gimmelwald, Isenfluh, Lauterbrunnen und Stechelberg ist ein Ferienparadies erster Güte. Unten im Tal stieben 72 Wasserfälle in die Tiefe. Oben an den Sonnenhängen grasen prächtige Milchkühe auf blumenübersäten Alpweiden, und allem setzen die schneebedeckten Gipfel die Krone auf. Selbst «Herr der Ringe»-Autor J. R. R. Tolkien liess sich für seine Sagenwelten vom Lauterbrunnental inspirieren.

Über 2000 Zweitwohnungen

Kein Wunder also, dass hier in den letzten Jahrzehnten eifrig Ferienhäuser und -wohnungen gebaut wurden. Über 2000 sind es unterdessen – ständig wohnen hingegen nur noch gut 2500 Menschen in den Dörfern. Die auswärtigen Teilzeitbewohner bringen zwar Geld, aber auch Probleme ins Tal. Wohnraum für Einheimische wird immer teurer, die Infrastruktur muss aufwendig an Spitzenzeiten angepasst werden, und in der Nebensaison verkommen die Ferienorte zu leblosen Chalet-Zonen. Die Zweitwohnungs-Initiative und das revidierte Raumplanungsgesetz zwingen die Gemeinde nun zum Handeln. Mit einem Zweitwohnungsanteil von 60 Prozent liegt sie nach Lenk und Hasliberg an dritter Stelle im Kanton Bern. Neue Ferienwohnungen dürfen nicht mehr gebaut werden. Für die Tourismusdestination gilt es nun, andere Wege zu finden, um mehr Gäste ins Tal zu bringen. Chancen sieht sie in einer Zweitwohnungsabgabe. Eigentümer, die ihr Ferienhaus nur selten selber nutzen und nicht anderweitig vermieten, sollen zur Kasse gebeten werden. Bereits hat die Gemeinde ein Reglement ausgearbeitet. Pro Raumeinheit sollen 100 bis 400 Franken fällig werden, Rabatt gibt es ab einer Nutzung von 81 Tagen pro Jahr und ganz weg fällt die Abgabe, wenn die Ferienwohnung mindestens 130 Tage genutzt wird.

Mehrheit nicht sicher

Im Vorfeld sei das Reglement auf heftigen Widerstand gestossen, sagt Emil von Allmen. Der Gemeinderat von Lauterbrunnen, Biobauer und ehemalige SP-Grossrat engagiert sich seit Jahren für dieses Thema. Einheimische wie Auswärtige hätten sich gegen zu hohe Abgaben gewehrt. Dennoch wolle der Gemeinderat an der Idee festhalten, allerdings seien Anpassungen vorgesehen. Die Abgabe werde voraussichtlich auf lediglich 100 Franken festgelegt, Rabatt gibt es ab einer Belegung von mindestens 60 Tagen und eine Befreiung ab 110 Tagen. Damit komme man vor allem den einheimischen Ferienwohnungsbesitzern entgegen.

Anfang nächsten Jahres soll das Reglement an einer Gemeindeversammlung behandelt werden. «Ich bin nicht sicher, ob es tatsächlich mehrheitsfähig ist», sagt von Allmen. In Lauterbrunnen ist sowohl die Zweitwohnungs-Initiative sowie die Revision des Raumplanungsgesetzes deutlich abgelehnt worden. Da sie bisher keine Lenkungsinstrumente kannte, steht die Gemeinde nun unter Druck. «Irgendwie müssen wir die Eigentümer dazu motivieren, ihre Ferienwohnungen mehr zu vermieten», so von Allmen. Ob die Abgabe Wirkung zeigen wird, ist unsicher. Noch ist sie nirgends erprobt. Silvaplana (GR) hat zwar etwas Ähnliches beschlossen, wartet jedoch noch auf einen Bundesgerichtsentscheid. Und Bellwald (VS) hat die Einführung nach Widerstand gestoppt.

Auch in Lauterbrunnen ist die Umsetzung schwieriger als angenommen. Umstritten ist, ob die Gemeinde überhaupt eine solche Abgabe einführen darf. Klar ist aber zumindest, dass die Einnahmen zweckgebunden eingesetzt werden müssten, ansonsten gälte die Abgabe als Steuer und wäre nicht zulässig. In die teure touristische Infrastruktur darf das Geld beispielsweise nicht fliessen. Lauterbrunnen beabsichtigt denn auch, mit der runden Million Franken pro Jahr Erstwohnungen zu vergünstigen oder innovative Hotellerieprojekte zu unterstützen. Doch konkrete Förderprojekte zu finden, dürfte nicht ganz einfach sein.

Bereits 2014 einführen

Emil von Allmen ist sich dieses Dilemmas bewusst: «Je höher die Abgabe, desto stärker würden Ferienhausbesitzer motiviert, ihre Zweitwohnungen zu vermieten», sagt der Gemeinderat, «da das Geld aber nur zweckgebunden eingesetzt werden darf, macht es keinen Sinn, zu viel zu verlangen.»

Wenn alles rund läuft, kann Lauterbrunnen die Zweitwohnungsabgabe als Pioniergemeinde bereits im nächsten Jahr einführen. Ob sie juristisch wasserdicht ist, wird man erst wissen, wenn Gerichte darüber entscheiden haben. Sollten sie die Zulässigkeit verneinen, ist zumindest im Kanton Bern vorgesorgt. Dann wird der Regierungsrat die nötige gesetzliche Grundlage schaffen. Dafür hat Biobauer von Allmen noch in seiner letzten Sitzung als Grossrat im fernen Bern gesorgt.