Feldpost (Teil 5)
Ernstfall und Gehorsam – und warum diese Worte ein mulmiges Gefühl auslösen können

Eliah Brunner, 19, hat eben die Kantonsschule abgeschlossen, nun beginnt für ihn in der Durchdiener-Rekrutenschule ein neuer Lebensabschnitt. In unserer Serie «Feldpost» schreibt er über seine Erlebnisse. In der vierten Woche qualmt Rauch aus dem Schlafgebäude.

Eliah Brunner
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Truppenkoch Eliah Brunner in Aktion – beim Saubermachen.

Truppenkoch Eliah Brunner in Aktion – beim Saubermachen.

Bild: zvg

Dass es einen im Militär ab und zu gottlos «anschei…», kann Ihnen jeder Rekrut bestätigen. Man fragt sich dann: Was soll das alles? Wozu eigentlich? Ist doch alles unnötig!

Die Sinnfrage … Wahrscheinlich ist es im Jahr 2022 einfacher, eine Antwort zu finden, als auch schon. Wieso wir jeden Tag machen, was wir machen, erklärte uns der Schulkommandant in der ersten RS-Woche. Die Schweizer Armee hat laut Bundesverfassung und Militärgesetz den Auftrag, Kriege zu verhindern, den Frieden zu erhalten, die Bevölkerung zu beschützen, den Frieden zu fördern und in Notsituationen die zivilen Behörden zu unterstützen.

Cyberangriffe als grösste Gefahr?

Dass es sinnvoll ist, wenn die Armee bei Naturkatastrophen Leben rettet und die Teilnehmer des WEF in Davos beschützt, finden wohl die meisten. Swisscoy, der Verband der Schweizer Armee im Kosovo, sichert seit 1999 den Frieden in der Balkanrepublik.

Der Aspekt der Landesverteidigung wurde in den letzten Jahren aber oft belächelt. Wo drohte schon Gefahr? Die Schweiz ist neutral, in Europa herrschte Frieden, die grössten Risiken waren, wenn schon, Cyberangriffe.

Seit Wladimir Putins Einmarsch in die Ukraine im Februar hat sich das geändert. In Europa herrscht Krieg, altmodisch, blutig – ein klassischer zwischenstaatlicher Krieg. Zwischen der Schweiz und der Ukraine liegen gerade mal zwei andere Länder. Der Ernstfall, für den ich und meine Kameraden seit fünf Wochen trainieren, ist keine reine Theorie mehr. Er ist näher gekommen, liegt nicht im fernen Afrika oder im Nahen Osten.

Folgen wir den Befehlen auch im Ernstfall blind?

Damit eine Armee in Ernstfällen funktionieren kann, müssen Hierarchien und Regeln klar definiert sein und Abläufe geübt werden. Was ich in den fünf Wochen RS verinnerlicht habe, ist, Befehle auszuführen, ohne gross darüber nachzudenken. Das spart Zeit und Nerven. Nach dreizehn Jahren Schule ist das ungewohnt. Da wurde mir immer gesagt, ich solle kritisch hinterfragen, selbstständig arbeiten und mitdenken. Mir ist bewusst, dass der militärische Alltag nicht funktionieren würde, wenn die Wachtmeister jeden Befehl begründen und er­klären müssten. Die RS würde 18 Monate dauern, nicht 18 Wochen.

Dieser unkritische Gehorsam birgt aber auch Gefahren: Würden wir im Ernstfall auch jeden Befehl blind befolgen? In meinem Fall, als Truppenkoch, wäre das nicht so tragisch. Wenn ich aber an meine Freunde in den Infanteriekasernen denke, wird mir etwas mulmig zumute.