Feindbild ausländischer Raser

Die Politik fordert eine härtere Gangart gegenüber Rasern. Die übrigen Täter im Strassenverkehr werden dagegen mit Samthandschuhen angefasst. Die ungleiche Behandlung dürfte auch mit der Herkunft vieler Raser zu tun haben.

Stefan Schürer
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Risiko Strassenverkehr: 2007 starben in der Schweiz 384 Personen – nicht immer ist ein Raser schuld.

Risiko Strassenverkehr: 2007 starben in der Schweiz 384 Personen – nicht immer ist ein Raser schuld.

Er ist das neue Feindbild der Schweizer Politik: Der Raser – prototypisch jung, männlich und ausländischer Herkunft. Seit dem Verkehrsunfall im solothurnischen Schönenwerd, bei welchem eine unbeteiligte Frau ums Leben kam, profilieren sich die Parteien mit Forderungen nach einem härteren Vorgehen gegen die Raser. Bundesrat Moritz Leuenberger bezeichnete sie als «Asoziale und Kriminelle». Der Berner Nationalrat Adrian Amstutz fordert, dass die Temposünder mittels eines Registers öffentlich an den Pranger gestellt werden. Und die SVP will die Raser gar ausschaffen.

Erstaunlich still ist es hingegen um die übrigen Täter auf den Schweizer Strassen. Denn von den 384 Verkehrstoten im vergangenen Jahr war bei einem Drittel eine übersetzte Geschwindigkeit im Spiel – und längst nicht alle dieser 135 Fälle lassen sich als typische Raserdelikte einordnen, bei denen sich die Fahrer ein Rennen liefern.

Alkohol als lässliche Sünde

Ohne das Raser-Problem verharmlosen zu wollen: Die Zahlen zeigen, dass auch mit der Ausschaffung der Raser das Risiko im Strassenverkehr hoch bleibt. Die übrigen Täter sind immer noch unterwegs: die Leichtsinnigen, die Angetrunkenen und die Überforderten. «Nicht nur Raser verursachen Unfälle», sagt Sabine Jurisch von der Strassenopfer-Stiftung Road Cross. Und für die Präsidentin des Verkehrsclubs Schweiz, Franziska Teuscher, ist klar: «Die Raser sind nur die Spitze des Eisbergs.»

Doch die übrigen Täter sind für die Parteien kein Thema. Kaum jemand verlangt ein härteres Vorgehen gegen jene, die mit ein paar Promille zu viel im Blut jemanden an- oder überfahren. Bezeichnenderweise schreibt die SVP im selben Communiqué, in dem sie nach härteren Sanktionen gegen Raser ruft: «Auf eine Überreglementierung des Strassenverkehrs, die alle Verkehrsteilnehmer betrifft und kriminalisiert, ist jedoch zu verzichten.»

Selbst die Justiz hat sich die Unterscheidung zwischen Rasern und übrigen Tätern im Strassenverkehr zu eigen gemacht. Seit 2004 werden Raserduelle mit tödlichem Ausgang als eventualvorsätzliche Tötung beurteilt. Wer hingegen nach fünf Gläsern Bier darauf vertraut, dass er keinen Unfall verursacht, muss bei tödlichem Ausgang der Spritzfahrt bloss mit einer Anklage wegen fahrlässiger Tötung rechnen.

Hart angefasst werden sollen die anderen – und das sind in diesem Fall primär Ausländer. «Die Raser-Fälle haben die Frage der Verkehrssicherheit zum Stammtischthema gemacht», sagt Jurisch von Road Cross. «Dies hängt auch damit zusammen, dass viele Raser Ausländer sind.» Diskutiert werden müsste laut Jurisch aber die Verkehrssicherheit allgemein und nicht bloss die Ausländer-Raser-Thematik.

Dies zeigt auch ein Blick zurück: Früher waren die Schweizer Strassen Hochrisikogebiet. Im Jahr 1970 starben im Strassenverkehr knapp 1700 Personen. Seither sind die Zahlen rückläufig. 2007 waren es noch 384 Personen. Doch ausgerechnet jetzt ist die Verkehrssicherheit in aller Munde – sofern es um ausländische Raser geht.

«Event-Politik»

Kurt Imhof, Soziologe an der Universität Zürich, bezeichnet daher den aktuellen Aktivismus der Medien und der Parteien als zeittypische Event-Politik. «Aufgrund eines Einzelfalls wie in Schönenwerd wird Politik gemacht.» Die Fokussierung auf den Einzelfall verzerre aber die Wahrnehmung. Statt den statistisch belegten Rückgang der Verkehrstoten zur Kenntnis zu nehmen, stürze man sich auf die ausländischen Raser. «Drei Ausländer, die den Tod eines Schweizer Mädchens verursachen: Das ist der Stoff, aus dem sich Politik und Schlagzeilen machen lassen», erklärt Imhof unter Verweis auf den Fall Schönenwerd. Doch die Halbwertszeit der Aufregung dürfte kurz sein. «Sobald sich die Empörung gelegt hat, wenden sich die Parteien wieder vom Thema ab.»