Gefängnis
Fast jeder dritte verurteilte Vergewaltiger bleibt auf freiem Fuss

«Für die erste Vergewaltigung gibt es keinen Knast». Oder: «Sexuelle Gewalt bleibt in vielen Fällen ein Kavaliersdelikt». Diese Schlüsse lassen sich ziehen nach einem Blick in das Schweizer Strafregister.

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Fabrice A., der Mörder von Adeline. Er hatte wegen zwei Vergewaltigungen eine Freiheitsstrafe von 20 Jahren abgesessen.

Fabrice A., der Mörder von Adeline. Er hatte wegen zwei Vergewaltigungen eine Freiheitsstrafe von 20 Jahren abgesessen.

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2015 wurden hierzulande 82 Vergewaltiger rechtskräftig verurteilt, wie die «SonntagsZeitung» unter Berufung auf eine Auswertung des Bundesamts für Statistik (BFS) schreibt. Von den 82 Personen kamen 26 Täter mit einer bedingten Strafe davon - fast jeder dritte rechtskräftig verurteilte Vergewaltiger bleibt auf freiem Fuss.

Auch über einen längeren Zeitraum betrachtet bleibt dieser Anteil konstant: Seit 2006 wurden 1155 Vergewaltigungen ins Strafregister eingetragen - 327 Täter erhielten eine bedingte Strafe und waren demnach nach dem Urteil auf freiem Fuss. Möglich sind bedingte Strafen bei Freiheitsstrafen von maximal zwei Jahren.

Opferhilfe-Organisationen kritisieren dieses Vorgehen. Tina Krüger von der Opferberatung des Kantons St. Gallen wird in der Zeitung mit den Worten zitiert, dass bei der gegenwärtigen Strafpraxis sexuelle Gewalt «in vielen Fällen ein Kavaliersdelikt» bleibe.

Europaweit am mildesten

Opferhilfe-Anwalt Carlo Häfeli spricht von einem «krassen Missverhältnis» in der Wertschätzung der verschiedenen Rechtsgüter. «Es gibt Täter, die lachen einem nach einem solchen Urteil ins Gesicht.»

In dieser Woche sorgte die Aussage eines Häftlings aus Genf für Aufsehen, der sich bei einem Mordprozess selbst erstaunt zeigte über die milde Strafe, die er nach einer Vergewaltigung erhielt. Laut dem Kriminologen Martin Killias ist die Schweiz mit ihren relativ vielen bedingten Strafen ein «Sonderfall» in Europa. (kad)

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