«Familien würden massiv geschwächt»

Kita-Betreiberin und Vizepräsidentin Nadja Pieren der SVP warnt vor den hohen Zahlungen, die der Familienartikel jedes Jahr auslösen würde. Damit würde die Wahlfreiheit der Familien eingeschränkt. Und von den Krippenplätzen gebe es bereits heute genug.

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Nadja Pieren: «Man muss eben etwas längerfristig planen.» (Bild: ky/Peter Schneider)

Nadja Pieren: «Man muss eben etwas längerfristig planen.» (Bild: ky/Peter Schneider)

Frau Pieren, Sie betreiben selber eine Kita. Warum sind Sie dennoch gegen den Familienartikel?

Nadja Pieren: Ich stehe voll und ganz hinter der externen Kinderbetreuung. Deshalb habe ich im Raum Bern auch Platzangebote geschaffen. Ich bin gegen diesen Familienartikel, weil er die bisherige Wahlfreiheit der Eltern zerstören würde. Der Staat würde hier ganz klar in die Eigenverantwortung der Familien eingreifen.

Auch Sie haben vom Bund Geld für die Anschubfinanzierung der Kita erhalten. Das stösst auf Kritik.

Pieren: Ich habe nie die Anschubfinanzierung des Bundes für Kitas kritisiert. Zudem habe ich freiwillig auf knapp 47 000 Franken Finanzhilfe verzichtet, weil ich das Geld nicht brauchte. Eine soziale Nonprofit-Institution wie eine Kita muss am Anfang jedoch sehr schnell ausgelastet sein, damit sie finanziell tragbar ist. Der Bund leistet nur eine einmalige Zahlung und engagiert sich nicht weiter. Ich finde es gut, wenn so neue Plätze geschaffen werden. Der neue Familienartikel würde dagegen jährliche Zahlungen ohne Ende auslösen – ein Fass ohne Boden.

Laut Befürwortern fehlen in der Schweiz 50 000 Plätze für 120 000 Kinder. Wie können Sie da von Wahlfreiheit reden?

Pieren: Das ist eine Mär. Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2005. In den letzten acht Jahren wurden dank der Anschubfinanzierung des Bundes 36 500 Krippenplätze geschaffen. Heute fehlen keine Plätze. Man sieht das auch, wenn man im Internet nach freien Krippenplätzen sucht. Auf Internetseiten wie «Liliput» findet man in jedem Kanton sehr viele Kindertagesstätten, die per sofort freie Plätze anbieten – auch für Babies und Kleinkinder. Vielleicht hat man nicht die Kita gleich über die Strasse. Und vielleicht findet man tatsächlich keinen Platz, wenn man sehr kurzfristig einen Platz sucht. Da muss man eben etwas längerfristig planen. Das kann man einer jungen Familie zumuten.

Für viele Familien sind die teuren, privaten Krippenplätze fast unbezahlbar. Deshalb braucht es doch mehr subventionierte Krippenplätze.

Pieren: Das Angebot an subventionierten Krippenplätzen ist im Moment sehr gross. Auch das Angebot an Tagesschulen in den Gemeinden wird laufend ausgebaut. Aber dort entscheidet die Politik vor Ort, was der Bedarf ist. Und die Wirtschaft wird sehr stark mit einbezogen. In unserer Kita etwa haben wir sehr viele Unternehmen, welche sich am Betreuungsbetrag für die Kinder ihrer Mitarbeitenden beteiligen. Somit haben die Eltern tiefere Kosten.

Die Wartelisten für subventionierte Kita-Plätze sind sehr lange, gerade in vielen Städten.

Pieren: Das stimmt eben nicht. Die Zahlen sind politisch verfälscht. Das sagen sogar Personen, die beim Jugendamt arbeiten. Die Wartelisten von fünf unterschiedlichen Kitas führen manchmal ein Kind, das auf einen Platz wartet, gleich fünfmal auf. Sehr viele Kinder haben bereits einen Kita-Platz. Sie bleiben aber auf den Wartelisten, weil die Eltern auf einen Platz hoffen, der noch näher am Wohn- oder Arbeitsort ist. Zudem gibt es sehr viele Kinder, die eine Lösung mit einer Tagesmutter oder mit der Grossmutter gefunden haben. Diese bleiben noch auf der Warteliste, weil die Eltern vielleicht in ein oder zwei Jahren einen Platz möchten.

Wie sieht es in Ihrer Kita aus?

Pieren: Wenn bei mir ein Platz frei wird, mache ich erfahrungsgemäss zehn Telefonate, weil viele Eltern bereits eine andere Lösung gefunden haben.

Wieso sind die privaten Krippen in der Schweiz derart teuer?

Pieren: Im Schnitt kostet ein Krippenplatz je nach Ort zwischen 100 und 120 Franken pro Tag. Das gilt auch für die subventionierten Plätze. Dort bezahlen einfach die Gemeinden einen Anteil. Mit Krippen kann man nicht viel Geld verdienen. Aber der Betrieb ist halt sehr personalintensiv und aufwendig. Gerade die hohen Personalkosten machen in der Schweiz den grössten Teil des Budgets aus, wenn man kostendeckend über die Runden kommen will.

Laut Verfassungsartikel soll die Vereinbarkeit von Beruf und Familie höheren Stellenwert erhalten. Da kann man nicht dagegen sein.

Pieren: Nein, das bin ich auch nicht. Aber die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit funktioniert bereits heute sehr gut. Das ist auch eine Frage der Zeit. Heute sieht das Familienbild anders aus als vor 30 Jahren. Die Wirtschaft hat sich sehr entwickelt, die Zahl der Betreuungsangebote ist stark gestiegen. Der Bund darf doch nicht die Unternehmen schwächen, indem er diesen Quoten betreffend Teilzeitarbeitsstellen und Frauen oder Vaterschaftsurlaube aufzwingt.

Die Eigenverantwortung würde gestärkt, wenn dank besserer Rahmenbedingungen die Frauen mehr arbeiten könnten.

Pieren: In der Schweiz arbeiten bereits heute 76 Prozent aller Frauen im arbeitsfähigen Alter.

Davon arbeiten aber viele nur mit einem geringen Pensum.

Pieren: Es steht den Frauen heute frei, ob sie Teilzeit oder Vollzeit arbeiten wollen. Mit der Annahme des Verfassungsartikels werden die Familien jedoch finanziell massiv geschwächt. Sie würden faktisch gezwungen, dass beide Elternteile arbeiten gehen. Das sieht man in Schweden, wo ein Akademikereinkommen eines Vaters nicht mehr reicht und beide Elternteile arbeiten müssen. Dort gibt es keine Wahlfreiheit und dafür eine flächendeckende Kinderbetreuung. Der Weg der Schweiz ist besser: Wir haben genug Krippenplätze für jene Eltern, die sich freiwillig dafür entscheiden. Aber wir haben auch Frauen, die sich ganz bewusst zu hundert Prozent für die Betreuung des Kindes entscheiden. Diese leisten auch eine wichtige Arbeit. Sie sollen ohne staatlichen Zwang entscheiden.

Interview: Tobias Gafafer