Familie geht nicht stets vor

Kommentar

Maja Briner
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Es scheint naheliegend: Wenn ein Kind fremdplatziert werden muss, so könnten die Grosseltern oder andere Verwandte es aufnehmen. Das Kind würde bei Personen wohnen, die es kennt – und müsste nicht in ein Heim oder in eine fremde Pflegefamilie ziehen. Dass diese Möglichkeit offenbar in Einzelfällen nicht sorgfältig geprüft wird, ist störend. Es ist sinnvoll, wenn der Bundesrat hier nachhakt und die Praxis prüft.

Die Familie zu verklären, so wie das manche Kesb-Gegner tun, ist allerdings gefährlich. Nicht alle Grosseltern, Tanten, Onkel oder Bekannten sind in der Lage, gut für ein Kind zu sorgen. Es kann im Gegenteil für ein Kind besser sein, in einer Pflegefamilie einen Neustart zu erhalten – fernab der familiären Probleme.

Auch wenn die Kesb-Fachleute Verwandte und Bekannte anhören, ist Vorsicht geboten: Gerade bei Streitereien in der Familie stellt sich die Frage, wie neutral sie sind. Selbstverständlich sollen die Kesb-Mitarbeitenden mit ihnen sprechen, sie fragen, welches ihrer Ansicht nach die beste Lösung ist. In manchen Fällen aber muss die Kesb entscheiden, die Anliegen der Verwandten nicht zu berücksichtigen – zum Wohle des Kindes.

Dass der eine oder andere Angehörige das nicht versteht und sich übergangen fühlt, lässt sich kaum verhindern. Den Kesb-Gegnern dürfte die Munition daher nicht ausgehen. Überstürzte Änderungen an der noch jungen Behörde zielen aber in die falsche Richtung. Gefragt sind einzelne Justierungen. Einen ersten Schritt hat der Bundesrat mit dem gestern veröffentlichten Bericht getan. Nun muss er zeigen, dass er nicht nur analysieren kann, sondern auch handeln.

Maja Briner