Suizid nach Cybermobbing: Mildes Urteil im Fall Céline

Eine 13-Jährige nimmt sich das Leben, nachdem sie im Internet blossgestellt wurde. Die Strafe für einen der Täter lautet: Vier Tage arbeiten.

Andreas Maurer
Hören
Drucken
Teilen

Joël, Elma, Lejla und Sara stehen vor dem Bezirksgericht Dietikon, einem grauen Betonklotz, und halten ein goldumrahmtes Schwarz-Weiss-Bild in den Händen. Es ist eine Porträtaufnahme von Céline Pfister, dem 13-jährigen Mädchen aus Spreitenbach, das sich 2017 das Leben nahm. Der Lockenkopf ist zu einem traurigen Symbol für ein neues Phänomen geworden.

Célines Kolleginnen (v.l.) Joel Zimmermann (19), Elma Zukic (19), Lejla Siljak (18), Sara Zgela (18) zeigen ein Foto von Céline, beim Prozessauftaktvor dem Bezirksgericht Dietikon.
7 Bilder
Célines Mutter spricht mit den Freundinnen ihrer Töchter.
Die Freundinnen und die Mutter.
Célines Freundinnen erzählen, was sie vom Prozess erwarten.
20200226_020
Ein Foto von Céline ist ständiger Begleiter an diesem Tag.
Ein Foto von Céline ist ständiger Begleiter an diesem Tag.

Célines Kolleginnen (v.l.) Joel Zimmermann (19), Elma Zukic (19), Lejla Siljak (18), Sara Zgela (18) zeigen ein Foto von Céline, beim Prozessauftaktvor dem Bezirksgericht Dietikon.

Severin Bigler

Vor ihrem Tod war Céline Opfer von Cybermobbing geworden. Sie war verliebt in einen 14-Jährigen aus Dietikon, der mit ihren Gefühlen spielte. Er setzte sie unter Druck, dass sie ihm immer mehr erotische Fotos von sich schicken solle. Wenn sie nicht mehr mitmache, werde er das Material mit seiner Ex-Freundin teilen.

Die Dreieckskonstellation war fatal: Die Ex-Freundin bombardierte Céline mit Hassnachrichten und beleidigte sie auf Social-Media-Plattformen wie Snapchat. Der 14-Jährige nutzte die Situation aus, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Nach einem Streit leitete er eines der Bilder tatsächlich an seine Ex weiter. Diese verbreitete es prompt über Snapchat. Hunderte Jugendliche sahen Céline, wie sie leicht bekleidet auf ihrem Bett sass und den Blick in ihren Ausschnitt freigab.

Was für sie schlimmer war, die öffentliche Blossstellung oder der Vertrauensbruch, wird man nie erfahren.

Vor ihrem Tod speicherte Céline folgende Songzeilen der Popsängerin Lana Del Rey auf ihrem iPhone 7:

Gott weiss, dass ich geliebt habe.
Gott weiss, dass ich verloren habe.
Gott weiss, dass ich es versucht habe.

Medienöffentliches Verfahren: Die grosse Ausnahme

Die vier Frauen stehen vor dem Bezirksgericht in der Kälte, weil sie abschreckende Strafen gegen Cybermobbing fordern. Sie waren Kolleginnen von Céline und kämpfen gemeinsam mit den Eltern der Verstorbenen gegen ihre Verzweiflung und für Gerechtigkeit. Das Problem dabei ist: Das Jugendstrafrecht hat gar nicht Gerechtigkeit zum Ziel, sondern Erziehung. Die Frage ist also, was für einen Täter in einem derartigen Fall die geeignete Erziehungsmassnahme ist. Normalerweise erfährt die Öffentlichkeit nicht, wie diese Entscheide zustande kommen.

Gerichtsverhandlungen des Jugendstrafrechts finden grundsätzlich hinter verschlossenen Türen statt. Im Fall Céline macht das Jugendgericht Dietikon wegen des öffentlichen Interesses eine Ausnahme, nachdem diese Zeitung dies mit einer Eingabe verlangt hat. Die Einschränkungen sind aber beträchtlich: Nur Journalisten sind zugelassen und sie müssen den Saal immer wieder verlassen, wenn es um Persönliches des Täters geht.

Joël, Elma, Lejla und Sara müssen deshalb draussen in der Kälte bleiben. Sie wissen vor allem, was keine gerechte Strafe ist: ein gemeinnütziger Arbeitseinsatz von vier Tagen. Mit dieser Massnahme will die Jugendstaatsanwältin den damals 14-Jährigen bestrafen. Hinzu kommen drei Tage auf Bewährung, die er also erledigen müsste, falls er rückfällig werden würde, sowie eine Schutzmassnahme. Eine Sozialarbeiterin soll ihn begleiten.

Die vier Frauen sagen: «Ein paar Tage arbeiten zu müssen, ist nichts. Wir arbeiten jeden Tag.» Diese Strafe würde Cybermobbing sogar fördern, weil die Täter dann wüssten, dass sie nichts zu befürchten hätten, meinen sie.

Die Höchststrafe wäre ein zehntägiger Arbeitseinsatz

Der Spielraum des Gerichts ist klein. Bei Tätern unter 15 Jahren ist die Höchststrafe eine persönliche Leistung von zehn Tagen, in der Regel sind das gemeinnützige Arbeitseinsätze. Wenn also ein 14-Jähriger jemanden umbringt, muss er zur Strafe nicht ins Gefängnis, sondern einen zehntägigen Arbeitseinsatz leisten. Wenn er jemanden nötigt, erotische Bilder zu schicken, ist folglich eine tiefere Strafe angemessen. So argumentiert Gerichtspräsident Stephan Aeschbacher bei der Urteilsverkündigung am Mittwochabend. Dass es ihm nicht ganz wohl dabei ist, lässt er mit folgenden Worten durchblicken: «Es geht nicht darum, ob der Strafrahmen angemessen ist oder nicht. Das ist Sache des Gesetzgebers. Wir sind an das Gesetz gebunden.» Das Gericht stützt die Anträge der Jugendanwaltschaft. Der Jugendliche, der inzwischen 17 ist, muss jetzt also den viertägigen Arbeitseinsatz absolvieren.

Draussen ist es inzwischen nicht nur kalt, sondern auch dunkel geworden. Joël, Elma, Lejla und Sara haben sich deshalb ins Gerichtsgebäude vorgewagt. Obwohl sie eigentlich draussen warten müssten, stehen sie im Gang vor dem Gerichtssaal. Als der Täter, seine Eltern, die Anwälte und die Journalisten nach der Urteilsverkündung heraus kommen, applaudieren die jungen Frauen. Alle verstehen, wie der Applaus gemeint ist. Ein Gerichtsmitarbeiter sagt den Frauen, die dem Täter am liebsten an die Gurgel gehen würden, sie sollten wieder nach draussen gehen. «Und was sonst?», fragt eine. «Müssen wir dann vier Tage arbeiten gehen?»

Suizidgedanken: Hier erhalten Sie Hilfe

Diese Stellen sind rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen und ihr Umfeld da, vertraulich und gratis:

- Die Dargebotene Hand: Gespräch und Beratung per Telefon, Mail und Chat auf www.143.ch und Kurzwahlnummer 143.
- Beratung + Hilfe 147: Beratung für Kinder und Jugendliche von Pro Juventute über Telefon, SMS, Chat und Mail auf www.147.ch und Kurzwahlnummer 147.
- Weitere Adressen: www.reden-kann-retten.ch für Beratungsangebote in allen Kantonen und www.trauernetz.ch für Hinterbliebene nach einem Suizid.

Mehr zum Thema