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Interview

Extremismus-Experte über jüngsten An'Nur-Angeklagten: «Er ist ein normaler Lümmel, kein religiöser Fanatiker»

Extremismus-Experte Samuel Althof hat mit dem jüngsten Mitglied der An’Nur-Jugendgang gesprochen. Er war bei der mutmasslichen Tat 17 Jahre alt. Althof erklärt, welche Gefahr er in der Islamisten-Szene erkennt.
Andreas Maurer
In der An’Nur-Moschee sollen die zehn beschuldigten Männer ihre Opfer zwei Stunden lang gepeinigt haben. Das Gotteshaus wurde inzwischen geschlossen. (Archivbild: Key)

In der An’Nur-Moschee sollen die zehn beschuldigten Männer ihre Opfer zwei Stunden lang gepeinigt haben. Das Gotteshaus wurde inzwischen geschlossen. (Archivbild: Key)

Die zehn Männer der An’Nur-Moschee, die im Winterthurer Islamismus-Prozess auftraten, präsentierten sich vor Gericht selbstbewusst. Wortreich erklärten sie, weshalb sie Opfer einer Medien-Verschwörung seien. Schweigsam wurden sie, wenn es um ihre persönliche Geschichte ging.

Der einzige Angeklagte, der bei der mutmasslichen Tat minderjährig war (17), offenbarte sich dafür dem Extremismus-Experten Samuel Althof. Dieser hat eine Ausbildung als Psychiatriepfleger und hat sich einen Namen gemacht als Berater von ausstiegswilligen Rechtsextremen. Zwischen diesen und den Islamisten von Winterthur sieht er Parallelen.

Extremismus-Experte Samuel Althof. (Bild: ZVG)

Extremismus-Experte Samuel Althof. (Bild: ZVG)

Samuel Althof, Sie haben ein langes Gespräch mit dem jüngsten Angeklagten der An’Nur-Moschee geführt. Weshalb wendete er sich an Sie?

Er kam eigentlich nicht wegen sich selber zu mir, sondern weil er sich Sorgen über einen Kollegen machte. Dieser hatte sich im Gefängnis radikalisiert. Er fragte mich um Rat, wie er ihm helfen könne. Wir führten ein langes Gespräch, das sich vor allem um die Ereignisse in der An’Nur-Moschee drehte.

Welchen Eindruck machte er auf Sie?

Er ist sehr feinfühlig und hat eine intellektuelle Abstraktionsfähigkeit. Er versucht, in seinem Leben etwas zu erreichen. Deshalb hat er im Gefängnis die Matura absolviert. Er wuchs in einem schwierig durchschaubaren Spannungsverhältnis zu seinen Eltern auf. Der Vater stammte aus Libyen und die Mutter, wenn ich mich recht entsinne, aus der Schweiz. Die Eltern lebten getrennt, er lebte bei der Mutter. Der Krieg in Syrien beschäftigte und verwirrte ihn. Er wollte seinem Leben in der Schweiz einen Sinn geben, indem er religiöse Gesetze streng befolgt. Das ist ein typisches Muster vieler religiöser Jugendlicher. Sie suchen nach Orientierung in einer schwierigen Phase der Adoleszenz. Der junge Mann hatte kein vertieftes Wissen über den Islam und dessen Geschichte. Er ist ein normaler Lümmel, kein religiöser Fanatiker.

In dieser Szene ist es aber offenbar normal, dass man Videos von Hinrichtungen und IS-Propaganda austauscht.

Die jungen Männer haben Versatzstücke der IS-Ideologie verwendet, ohne diese inhaltlich tatsächlich zu verstehen. Das gilt auch für deren rechtliche Wirkung. Mit solchen Bildern wollten sie einander zeigen, wie cool sie sind. Es ist ein Imponiergehabe wie dies auch bei symptomatisch Rechtsextremen vorkommt, die mit ihren Bomberjacken vor allem ihrem Gegenüber Angst machen wollen und über diese Wirkung einen pseudo Selbstwert generieren.

Aber auch dieses Imponiergehabe kann gefährlich enden.

Ja das ist so, aber man muss dennoch unterscheiden zwischen einer punktuellen Gefahr, wie hier, und einer strukturellen. Im aktuellen Fall ist keine Struktur vorhanden, mit der eine kämpferische Perspektive hätte entwickelt werden können. Es gibt kein terroristisches Programm. Jene, die nach Syrien gezogen sind, wollten wirklich kämpfen. Die Daheimgebliebenen aber nicht. Sie haben keine politischen Ziele und üben Gewalt nicht aus politischen Gründen aus. Sie haben keine Ahnung, wie man mit Sprengstoff und anderen Waffen umgehen würde. Wenn im Fall von symptomatischem Extremismus keine Prävention betrieben wird, kann in einem derartigen Umfeld programmatischer Extremismus entstehen. Das ist bei allen jungen Extremisten so. Man muss ihnen sehr schnell und deutlich die Grenzen aufzeigen, ihnen aber gleichzeitig die Hand zum Dialog anbieten.

Weshalb geriet die Situation in der An’Nur-Moschee aus Ihrer Sicht ausser Kontrolle?

In der Moschee gab es eine Jugend-Peer-Group. Das ist in einer Moschee sehr selten. Normalerweise gibt es keinen starken Zusammenhalt zwischen den einzelnen jugendlichen Gotteshausbesuchern. Sie kommen in die Moschee und gehen sehr schnell wieder. Ein soziales Gemeindeleben wie in einer christlichen Kirche ist dort äusserst selten. In Winterthur aber kamen sie zusammen, um zu plaudern und Fussball zu spielen, typische Bubengeschichten. Doch dann inszenierte sich der Schwächste der Gruppe plötzlich als der Stärkste und reiste als Kämpfer nach Syrien. Von Syrien aus sagte er den anderen, sie sollten auch zu ihm ins Kalifat kommen. Dort sei alles viel besser als hier. Ein Zweiter folgt ihm und es entstand ein Dominoeffekt, den man hätte voraus sehen können. Die Zurückgebliebenen wurden dadurch verunsichert. Gleichzeitig geriet die Moschee in den Fokus undifferenzierter, die Öffentlichkeit verängstigende, Medienberichte. Es entstand das Bild einer Terrorbande. So hat sich das Ganze disproportional hochgeschaukelt.

Es ist immer einfach, den Medien die Schuld zu geben. Fakt ist: Die Behörden haben erst auf öffentlichen Druck hin gehandelt. Möglicherweise wären sonst noch mehr Winterthurer in den Dschihad, den Heiligen Krieg, gezogen.

Es kann sein, dass die Behörden zu spät gehandelt haben. Ich kritisiere vor allem die Medien, weil viele Berichte eine im Verhältnis nicht reale Bedrohung zeichneten und pauschal vorverurteilten, aber keine differenzierte Sozialanalyse vorgenommen hatten, die den Hintergrund der Vorgänge verständlich gemacht hätte. Wenn ich selber in diesem Alter als Jugendlicher in derart negative Schlagzeilen geraten wäre, hätte ich nicht garantieren können, dass ich nicht auch einen Seich gemacht hätte.

Was ist nach der Eskalation aus der Peergroup geworden?

Die Gruppe zersplitterte. Die meisten haben sich nicht mehr gesehen. Der Mann, den ich beriet, verlor seine Orientierung. Meine Arbeit bestand darin, ihn im Gespräch so zu stützen, dass seine Strukturen nicht zusammenbrachen und er nicht suizidal wurde. Wie es ihm heute geht, weiss ich nicht. Er hat den Kontakt zu mir abgebrochen. Er sprach von Flucht. Es dauert in der Regel mehrere Jahre, bis jemand seine extremistische Vergangenheit überwunden hat.

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