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Kommentar

Etwas stimmt nicht bei den SBB: Wo ist die oberste Führung der Bahn?

Der Wochenkommentar des «Schweiz am Wochenende»-Chefredaktors zu den sich häufenden Problemen bei den Bundesbahnen.
Patrik Müller
Patrik Müller.

Patrik Müller.

Wer die SBB kritisiert, ist ein Nörgler und jammert auf hohem Niveau. Denn unsere Bundesbahnen funktionieren doch im Grunde genommen tiptop: «Schau nur mal, wie’s im Ausland ist!», lautet das Totschlagargument. Diskussion beendet.

So war das lange Zeit. Und es traf ja auch zu: Klagen über eine 3-minütige Verspätung oder einen überfüllten Wagen – das sind Erste-Welt-Probleme, die mehr über den Absender aussagen als über das Unternehmen SBB.

Diesen Sommer aber hat sich etwas geändert. Erst neue Hiobsbotschaften zu den Dosto-Zügen von Bombardier – der grössten Rollmaterialbeschaffung in der Geschichten der SBB. Dann die sich häufenden Zugsausfälle und Verspätungen, gegen welche die SBB eine nicht gerade kundenfreundliche Massnahme ergriffen: Sie lassen nötigenfalls fahrplanmässige Halte einfach aus, um Zeit aufzuholen – eine Praxis, die nicht die SBB selbst, sondern die CH-Media-Zeitungen publik machten.

Und schliesslich und vor allem der tragische Unfall in Baden, bei dem ein Kondukteur einen Arm in der Türe einklemmte, vom Zug mitgeschleift und dabei getötet wurde.

Erst auf Druck und häppchenweise informiert

Dieses Unglück ist als Einzelfall schon schlimm genug, doch häppchenweise kamen neue, beunruhigende Fakten ans Tageslicht. Hatte SBB-Chef Andreas Meyer zum Problem mit den Türen anfänglich beteuert, es bestehe für die Passagiere keine Gefahr, so musste die Bahn diese Woche einräumen, dass der Einklemmschutz beim betreffenden Waggontyp öfters versagt. In den letzten Jahren wurden 86 Passagiere und zehn SBB-Mitarbeiter von Türen eingeklemmt, zwei Reisende schwer verletzt.

Man fragt sich: Warum bemerkten die SBB diese Missstände erst jetzt, oder aber – und das wäre ebenfalls bedenklich – warum informierten sie erst jetzt? Und wieso haben die SBB eine Weisung erlassen, wonach Züge auch mit defekten Türen im Einsatz bleiben dürfen, wie dies wiederum nicht die SBB selbst, sondern die Medien enthüllten, in diesem Fall die Tamedia-Zeitungen?

Vertrauensverlust: Pfeifkonzert von SBB-Angestellten im Zürcher Hauptbahnhof - Trauer und Wut nach dem Tod eines Kondukteurs in Baden. (Bild: KEYSTONE/Walter Bieri, 9. August 2019)

Vertrauensverlust: Pfeifkonzert von SBB-Angestellten im Zürcher Hauptbahnhof - Trauer und Wut nach dem Tod eines Kondukteurs in Baden. (Bild: KEYSTONE/Walter Bieri, 9. August 2019)

Nicht das grösste Problem, aber auch eins, ist die Kommunikation der SBB. Nur unter Druck zu informieren, das unterminiert das Vertrauen der Reisenden und, besonders verheerend, des Personals in das Unternehmen. Der Schreibende befasst sich seit 20 Jahren journalistisch mit dieser Firma, und wann immer man darüber berichtete, hatte man mit Angestellten zu tun, die Stolz ausstrahlten, Stolz auf ihre Arbeit und auf ihre, auf unsere SBB. Die Identifikation der Bähnler ist nur in ganz wenigen Betrieben derart ausgeprägt. Doch wer zurzeit mit Mitarbeitern spricht, spürt: Da ist etwas kaputtgegangen. Da stimmt etwas nicht mehr.

Ins Bild passt, dass die SBB den Tod des Kondukteurs drei Tage lang nicht kommunizierten – und darauf die traurige Nachricht just dann an die Medien gelangte, als die SBB im Tessin ihre neuen Giruno-Züge feiern wollten und abends zum Cüpli-Empfang am Filmfestival Locarno luden. Hat man ernsthaft angenommen, dieser Unfall lasse sich unter dem Deckel halten? Kommunikation in so wichtigen Dingen ist Chefsache, darum fällt die Kritik auf Andreas Meyer zurück. Aber auch auf die oberste SBB-Verantwortliche, Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar. Meyer stand im Tessin immerhin hin, während Ribar komplett abtaucht – während das Unternehmen in die tiefste Krise ihrer Amtszeit geschlittert ist. Unsere Interviewanfrage lehnte sie mit der fadenscheinigen Begründung ab, die SBB stünden vor der Veröffentlichung der Halbjahreszahlen und Ribar könne darum vor Mitte September (!) nichts sagen. Als wären die SBB börsenkotiert. Und als würden jetzt die Geschäftszahlen interessieren.

Jetzt möchten die Schweizerinnen und Schweizer, die Eigentümer der SBB, Antworten auf grundsätzliche Fragen: Wird auf Kosten der Sicherheit gespart? Was tun die SBB, um weitere Unfälle zu vermeiden? Was, um das Vertrauen zurückzugewinnen? Hält Ribar Krisensitzungen ab oder tagt der Verwaltungsrat tatsächlich erst Ende September wieder?

Nun sind nicht nur die Leute an der Front gefordert. In der Pflicht stehen zuerst die Chefs, und zwar die ganz oben.

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