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ETH beendet die Ära der kleinen Könige

Weil sie Doktoranden über Jahren schikaniert hat, will die Hochschule nun eine renommierte Professorin entlassen. Zudem soll die Macht der Wissenschafter eingeschränkt werden.
Yannick Nock
ETH-Präsident Joel Mesot während der Medienorientierung . (KEYSTONE/Walter Bieri, Zürich, 14. März 2019)

ETH-Präsident Joel Mesot während der Medienorientierung . (KEYSTONE/Walter Bieri, Zürich, 14. März 2019)

Eigentlich wollte er die ersten 100 Tage seiner Amtszeit schweigen, doch die Vorwürfe waren einfach zu laut, um sie zu igno­rieren. Joël Mesot, seit Jahresbeginn Präsident der ETH Zürich, trat gestern erstmals vor die Presse, um über die verschiedenen Fälle von Mobbing und sexueller Belästigung an der Hochschule zu informieren. Die Anschuldigungen sorgten in den vergangenen Monaten für Aufregung an der Eliteuniversität. Nun zieht die Hochschule Konsequenzen. Ganz oben auf der Massnahmenliste steht eine Entlassung: Die umstrittene Professorin des ehemaligen Instituts für Astronomie muss gehen. Die ETH habe einen entsprechenden Antrag eingereicht, verkündete Mesot. Dies, obwohl die eigens eingesetzte Professorenkommission zum Schluss gekommen war, dass eine Entlassung aus juristischer Sicht eher nicht gerechtfertigt sei.

Mesot betonte, dass sich die Professorin während des kompletten Verfahrens uneinsichtig zeigte und sich bis heute keines Fehlverhaltens bewusst sei. Er sprach von einem schlicht inakzeptablen Benehmen gegenüber den Doktorierenden. Genauer ging er nicht auf die Vorwürfe ein. Bekannt ist, dass die Professorin über zehn Jahre lang ihre Doktoranden schikaniert haben soll. Frauen habe sie als schwache Wesen bezeichnet und sie aufgefordert, weniger Zeit für Make-up und mehr für ihre Forschung aufzuwenden. «Frauen wie Männer sind in ihrem Büro in Tränen ausgebrochen», berichteten Betroffene. Eine ETH-Doktorandin ergänzte: «Professoren sind kleine Könige, Kon­trollmechanismen seitens der ETH gibt es quasi kaum.»

Mehrere Betreuer pro Doktorand

Das hat auch die ETH-Führung erkannt. «Wir haben Fehler gemacht», räumte Mesot ein, der sich bei allen Mitarbeitern entschuldigte, die respektlos behandelt wurden. Von der seitenlangen schriftlichen Erklärung, die an alle Journalisten verteilt wurde, wich Mesot kaum ab. Einzig als er über die weltweite Anerkennung der Professorin sprach, ergänzte er: «Sie ist ein Star auf ihrem Gebiet.» Es sei eine schwierige Entscheidung gewesen. Die Betreuung von Doktorierenden hätte man ihr aber nicht mehr anvertrauen können.

Künftig reichen gute Leistungen in der Forschung nicht aus, um an der ETH eine Professur zu erhalten, auch eine hohe Sozialkompetenz zählt. Die Macht der Professoren wird beschränkt, die Doktoranden werden gestärkt. Die ETH hat mehrere Massnahmen beschlossen. Bis 2020 wird die Mehrfachbetreuung von Doktoranden eingeführt. Jeder soll mindestens zwei Betreuer haben. Alle Professoren und Führungskräfte werden in Kurse geschickt. Ein umfassendes Leadership-Programm wird entwickelt. Die Ombudsstelle wurde bereits von zwei auf drei Personen ausgebaut. Neu behandeln zwei Vertrauenspersonen Fälle von gemeldetem Fehlverhalten.

Michael Hengartner, Präsident der Rektorenkonferenz, begrüsst die Massnahmen. Besonders die Mehrfachbetreuung hält er für eine gute Idee. Im angelsächsischen Raum würden Hochschulen längst diesem Prinzip folgen. Hengartner empfiehlt allen Schweizer Universitäten, das Mehrbetreuersystem flächendeckend einzuführen. Die Entlassung der Professorin ist allerdings noch nicht definitiv. Erst muss der ETH-Rat über den Antrag befinden. Vor Mai dürfte keine Entscheidung fallen, heisst es auf Anfrage. Alles deutet aber auf eine Trennung hin. Es wäre die erste offizielle Entlassung eines Professors oder einer Professorin in der 164-jährigen Geschichte der renommierten Hochschule. Ob es ein historischer Tag für die ETH sei, wurde Mesot denn auch gefragt. «Nein», antwortet er, «ein trauriger Tag.»

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