Die Virenjägerin: Epidemiologin Emma Hodcroft visualisiert die Pandemie in Echtzeit
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Die Virenjägerin: Epidemiologin Emma Hodcroft visualisiert die Pandemie in Echtzeit

Emma Hodcroft hat ein Programm entwickelt, das die Mutationen des Corona-Virus verfolgt. Sie erklärt, was die Schweiz von Südkorea lernen kann und weshalb Frauen in der Wissenschaft ein Problem haben.

CH Media/Roland Schmid
Andreas Maurer
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Einige Stockwerke im Biozentrum der Universität Basel sind verwaist. Wer kann, arbeitet während der Corona-Krise von zu Hause aus. Eine lange Liste im Gang zeigt, welche Vorlesungen alle abgesagt worden sind. Im sechsten Stock aber herrscht Hochbetrieb.

Hier ist die Virenforschung stationiert. In einigen Räumen blubbern Flüssigkeiten. Die Tür zum Labor von Emma Hodcroft steht offen. Schutzmassnahmen sind hier nicht nötig. Die 33-Jährige hat nur ein Arbeitsgerät: ihren Laptop. Sie ist Epidemiologin und analysiert die weltweiten Übertragungsketten des neuen Corona-Virus.

Sie arbeitet in einem Team mit Forschenden aus Basel und Seattle und hat ein Programm mit dem Namen Nextstrain («der nächste Strang») mitentwickelt, das die Verbreitung von Viren in Familienstammbäumen darstellt. Wenn sich ein Virus von Mensch zu Mensch verbreitet, entstehen kleinste Veränderungen in der Gensequenz.

Nextstrain vergleicht diese Mutationen miteinander und zeichnet damit die Stationen eines Virus nach. So muss man nicht mehr die Patienten fragen, wo sie sich angesteckt haben könnten. Die Information liegt in der RNA des Virus, dem Pendant zur DNA beim Menschen.

Hodcroft ist durch die Corona-Krise zur gefragten Expertin geworden. Seit elf Jahren ist sie auf Twitter, doch bis vor kurzem hatte sie weniger als hundert Follower. Seit dieser Woche sind es mehr als 10'000. Die Zahl steigt fast so schnell wie jene der Ansteckungen. Hodcroft nutzt den Kurznachrichtendienst, um sich weltweit mit Forschenden auszutauschen.

Viele Wissenschafter scheitern dar­an, ihr Wissen verständlich zu formulieren. Hodcroft erklärt ihre Thesen in 280 Zeichen auf Twitter und ihre Doktorarbeit in drei Minuten auf Youtube.

Ihre Statements zur Corona-Krise kommen auf BBC und im «Boston ­Globe». Zitierungen in Schweizer Medien hingegen waren bisher spärlich.

Sie glaubt, Frauen hätten aus zwei Gründen einen schweren Stand, sich in der Wissenschaft Gehör zu verschaffen. Erstens würden sich viele Leute immer noch eine Epidemie lieber von einem Mann erklären lassen. Zweitens komme die Gleichstellung in der Wissenschaft besonders langsam voran, weil akademische Karrieren Jahrzehnte dauern und somit viel Zeit verstreichen werde, bis die Doktorinnen von heute zu Professorinnen werden.

Im deutschsprachigen Raum ist Hodcroft aber auch aus einem anderen Grund weniger bekannt: Sie kann das Corona-Virus nur auf Englisch erklären, obwohl sie seit zweieinhalb Jahren in Basel lebt. Geboren ist sie in Norwegen und aufgewachsen in Schottland und Texas.

Als sie drei Jahre alt war, trennten sich ihre Eltern. Die Tochter pendelte zwischen den Kontinenten, die sich in ihrem Akzent und in ihrer kulturellen Prägung zeigen: «Ich mag Schottenröcke und Cowboystiefel.»

Die Wissenschaft hat oft Mühe, in angemessener Zeit auf das neue Corona-Virus zu reagieren, weil die Forschung projektfinanziert ist und zuerst einen Bewilligungsprozess durchlaufen muss. Hodcroft und ihre Kollegen hatten dieses Problem beim Ausbruch der Epidemie nicht.

Ihr Projekt lief bereits, einfach mit anderen Viren wie Ebola, Zika und Mumps. Sie erkannten das Potenzial früh: Anfang Jahr setzten sie ihr Programm auf das neue Corona-­Virus an. Ihre Daten beziehen sie von 170 Laboren weltweit.

Emma Hodcroft im Biozentrum der Universität Basel: Sie steht in einer Projektion des Corona-Virus-Stammbaums.

Emma Hodcroft im Biozentrum der Universität Basel: Sie steht in einer Projektion des Corona-Virus-Stammbaums.

CH Media/Roland Schmid

Wie das Virus in die Schweiz gekommen ist

Die Auswertung durch Nextstrain zeigt: Das Virus wurde mindestens zweimal nach Italien eingeführt. Einmal aus China und einmal aus Brasilien. In Mailand und Rom wurde das Virus zuerst lokal weiterverbreitet und dann in die Schweiz eingeführt. Die ersten Schweizer Fälle wiesen Verbindungen zu den Gensequenzen aus Italien auf.

Dazwischen haben jeweils nur zwei bis vier Mutationen stattgefunden. Mittlerweile liegen aber auch Variationen des Genoms vor, die eine Verbindung zu Fällen in Baden-Württemberg zeigen. Dafür sind zwei Erklärungen möglich: Die Schweizer und die Deutschen könnten sich bei den gleichen Italienern angesteckt haben. Oder das Virus wird nicht mehr nur aus dem Süden in die Schweiz eingeschleppt, sondern auch aus dem Norden.

Noch liegen zu wenige Daten vor. Bisher zeigten sie vor allem einen Befund: Corona ist überall. Hodcroft sagt: «Das Virus hat sich in ganz Europa verbreitet. Jene Länder, die keine Fälle haben, führen einfach keine richtigen Tests durch.» Ihre Prognose: «Es wird schlimmer werden. Italien ist unsere Warnung. Unser Luxus ist, dass wir wissen, was passiert, und mehr Zeit haben, um zu reagieren.»

Die Forscherin begrüsst die Massnahmen des Bundesrates. Doch sie genügen aus ihrer Sicht nicht. Die Schweiz solle sich an Südkorea orientieren, wo sich die Fallzahlen nach einem schlimmen Ausbruch stabilisiert haben. Die südkoreanische Regierung fördert Home-Office stärker als die Schweiz. Firmen, die ihre Mitarbeiter zu Hause arbeiten lassen und deshalb Verluste machen, erhalten eine Entschädigung.

Zudem hat das Land ein riesiges Testprogramm aufgebaut: Während sich in der Schweiz nur noch Risikopersonen untersuchen lassen können, gibt es in Südkorea Tests für alle. Die Resultate liegen nicht nach Tagen, sondern nach wenigen Stunden vor. Hodcroft: «Das wäre auch in der Schweiz wichtig, weil positiv getestete Leute dann zu Hause bleiben und Kontakte meiden könnten, bevor sie Symptome haben und die Krankheit weiterverbreiten.» Man könne das Virus nicht mehr stoppen, aber die Ausbreitung verlangsamen und so die Spitäler entlasten.

Eine andere Massnahme hält Hodcroft hingegen für nutzlos. Es bringe wenig, Reisen einzuschränken, weil das Virus ohnehin schon überall sei. Das Problem bestehe eigentlich nur darin, dass man sich in einem eng besetzten Verkehrsmittel infizieren könne.

Eine kulturelle Revolution: Wissenschaft im Livemodus

Hodcroft blickt auf ihren Bildschirm. Soeben sind neue Testresultate eingetroffen. Es ist eine lange Buchstabenreihe. Sie sagt: «Echtzeit hat sich noch nie so echt angefühlt.» In der Visualisierung dehnen sich farbige Linien kreuz und quer über dem Globus aus.

«Wir hatten beim Ausbruch einer Epidemie noch nie so viele Informationen in so einem frühen Stadium wie heute», sagt sie. Die Gründe sieht sie nicht nur in technologischen Fortschritten, sondern vor allem in kulturellen. Früher hätten Forscher ihre Informationen für sich behalten, bis sie diese in einer Zeitschrift veröffentlichten. Jetzt setzt sich Open Data durch. Sowohl die Rohdaten als auch die ersten Auswertungen werden sofort online gestellt.

Das Vorgehen hat zwei Nachteile: Pseudowissenschaftliche Publikationen können nicht sofort ausgesiebt werden, weil der Qualitätssicherungsprozess noch nicht stattgefunden hat. Zudem könnten Wissenschafter einander die Ideen klauen. Wenn die Resultate aber erst vorliegen, wenn die Epidemie längst vorbei ist, nützen sie wenig. Deshalb überwiegen die Vorteile.

Soeben haben Hodcroft und ihre Kollegen ihre neuste Publikation als Vorabdruck online publiziert. Sie untersuchen darin, welchen Einfluss die wärmere Jahreszeit auf die Epidemie haben könnte. Die Szenarien basieren auf der Ausbreitung von ähnlichen Viren und zeigen, dass vom Frühling tatsächlich ein positiver Effekt zu erwarten ist. Die Relativierung folgt aber sogleich: Wie gross er ist, bleibt beim neuartigen Corona-Virus ungewiss. Es könnte auch den Sommer überleben.

Hodcroft erlebt die aufregendste Zeit ihrer Karriere. Ihr Ziel war immer, Wissen herzustellen, das einen direkten Nutzen hat. In ihrer Doktorarbeit hat sie die Ausbreitung von HIV untersucht. Dabei kombinierte sie ihre beiden Leidenschaften – Biologie und Programmieren – und legte damit das Fundament für ihre heutige Forschung.

An der Universität Basel ist sie in einem Postdoc-Programm angestellt mit einem befristeten Vertrag bis November. Was ist ihr akademischer Titel danach? «Arbeitslos», sagt sie und lacht.

Vor ein paar Monaten wäre es tatsächlich noch denkbar gewesen, dass sie Mühe haben könnte, im Anschluss eine interessante Stelle zu finden. Aber seit dem Corona-Ausbruch gilt das nicht mehr. Jede Krise bringt auch ihre Stars hervor.

Ein australischer Corona-Experte, der keine Zeit mehr hatte, alle Medienanfragen zu beantworten, hat eine internationale Liste mit Expertinnen des Fachgebiets veröffentlicht, um für andere Stimmen zu werben. Die einzige Forscherin aus der Schweiz auf der Liste: Emma Hodcroft.

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