«Es sind jetzt alle gefordert»

Der Chef Integration beim Bundesamt für Migration, Adrian Gerber, will anerkannte Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene Personen stärker in den Arbeitsmarkt integrieren. Dafür hofft er auf die Unterstützung der Wirtschaft. Er sagt: «Wir wollen den Menschen Perspektiven bieten.»

Eveline Rutz
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Dank der Masseneinwanderungs-Initiative könnten Sozialhilfebezüger – und damit auch aufgenommene Flüchtlinge – leichter einen Job finden. Als oberster Integrationsverantwortlicher müssten Sie den Volksentscheid demnach begrüssen.

Adrian Gerber: Als Mitarbeiter eines Bundesamtes habe ich Volksentscheide umzusetzen, nicht sie zu kommentieren. Ich hoffe aber grundsätzlich, dass Flüchtlinge schneller eine Stelle finden. Man muss hier festhalten, dass wir nicht von Asylsuchenden sprechen. Um das Potenzial inländischer Arbeitskräfte besser auszuschöpfen, braucht es tatsächlich zusätzliche Anstrengungen. Es sind jetzt alle gefordert, den Volkswillen umzusetzen: der Staat – aber vor allem auch Branchen und Verbände.

Sie haben unter anderem die Landwirtschaft im Visier und möchten, dass vorläufig Aufgenommene und anerkannte Flüchtlinge beispielsweise als Erntehelfer eingesetzt werden. Weshalb wurde dies nicht schon früher gemacht?

Gerber: Es gibt zum Beispiel im Wallis oder im Kanton Basel-Land bereits entsprechende Projekte. Neu ist, dass der Bauernverband dieses Anliegen auf nationaler Ebene aufnehmen will.

Für Landwirte war es bislang offensichtlich attraktiver, unqualifizierte Portugiesen, Rumänen oder Polen in die Schweiz zu holen.

Gerber: In der Landwirtschaft arbeiten heute Tausende ausländischer Arbeitskräfte und die Zahl ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Jetzt geht es darum, vermehrt anerkannte Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene Personen in den Arbeitsmarkt zu integrieren – auch in der Landwirtschaft. Wir dürfen nicht vergessen: Wir haben den gesetzlichen Auftrag, diese Personen möglichst rasch und nachhaltig zu integrieren.

Bringen sie denn die nötigen Qualifikationen mit?

Gerber: Entscheidend ist, ob jemand die Sprache beherrscht und arbeitsmarktfähig ist. Bund und Kantone bieten in diesen Bereichen zahlreiche Integrationsprogramme an – allein der Bund investiert 40 Millionen Franken pro Jahr. Wir sind aber auf Praktikumsstellen in der Wirtschaft angewiesen, damit anerkannte Flüchtlinge oder vorläufig aufgenommene Personen ihre Kenntnisse in der Arbeitsrealität anwenden können.

Wie soll ein Pilotprojekt in der Landwirtschaft konkret aussehen?

Gerber: Ich kann noch keine Details nennen. Wir wollen den Menschen Perspektiven bieten. Allgemein gilt bei Integrationsprojekten: Die Betriebe sollten bereit sein, Anschlusslösungen umzusetzen. Mittelfristig sollten Berufsabschlüsse möglich sein. Das ist für die Motivation der Flüchtlinge ganz zentral. Viele haben Talente. Sie brauchen aber einfach etwas Zeit, um diese zu entfalten.

Nur rund 20 Prozent der aufgenommenen Flüchtlinge gehen einer Erwerbstätigkeit nach. Wo harzt es?

Gerber: Das ist ein Durchschnittswert für die ersten fünf Jahre. Nach zehn Jahren liegt die Quote bei rund 50 Prozent. Mit den kantonalen Integrationsprogrammen werden die Fördermassnahmen zwar systematischer umgesetzt. Oftmals bestehen aber noch Hürden bei Gebühren und Bewilligungen, welche Flüchtlinge gegenüber anderen ausländischen Arbeitskräften benachteiligen. Wir müssen auch klarere Anreize setzen, damit sie ihre Selbstverantwortung wahrnehmen.

Wie?

Gerber: Es gibt verschiedene Modelle. Einige Kantone legen mit Migranten in Integrationsvereinbarungen verbindliche Ziele fest. Sie formulieren klare Erwartungen und Anreize, leisten aber auch Unterstützung. Es hat sich gezeigt, dass sich eine enge Begleitung lohnt.

Im nächsten Jahr wollen Sie zudem einen Sprachenpass einführen. Wozu?

Gerber: Er soll alle bestehenden Sprachkompetenzen einer Person zusammenfassen. Ziel ist ein einheitliches Instrument für die gesamte Schweiz. Der Pass ist aber nur ein Element in dem gesamten Sprachförderungsprogramm. Es geht dabei etwa auch darum, wie der Unterricht ausgestaltet wird.

Wie werden Sie die Sprachkenntnisse testen?

Gerber: Es gibt schon Testverfahren, die wir weiterentwickeln. Es geht nicht nur um ein theoretisches Sprachverständnis. Man will sich auf den Alltaggebrauch ausrichten. Wie geht man zum Arzt, den Behörden? Wie verhält man sich am Arbeitsplatz? Solche Situationen müssen die Migranten meistern können.

Hochqualifizierte Ausländer, sogenannte Expats, können oft keine Landessprache sprechen. Sie schicken ihre Kinder in Privatschulen, bleiben unter sich und sind schlecht integriert. Macht Ihnen dies Sorgen?

Gerber: Personen, die längerfristig bleiben, sollten sich integrieren. Mit den Integrationsprogrammen sollen grundsätzlich alle Migranten erreicht werden. Auch Expats werden in einem Erstkontakt informiert. Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist es zentral, dass sie die Sprache lernen und sich mit der Schweiz auseinander setzen, das ist aber oft der Fall, wenn sie länger hierbleiben.

Flüchtlinge sollen künftig auch bei Privaten untergebracht werden. Erleichtert dies ihre Integration?

Gerber: Grundsätzlich sind für solche Varianten die Kantone zuständig. Diese Form der Unterbringung ist komplizierter, als sie auf den ersten Blick aussieht. Es gibt viele Fragen zu klären. So etwa, wie die Gastgeber entschädigt werden, wer für welche Kosten aufkommt und für die Sicherheit besorgt ist. Natürlich ist es immer wünschenswert, wenn sich Private engagieren. In den Integrationsangeboten können wir bereits auf viele Freiwillige zählen. Wir sind aber darauf angewiesen, dass sich noch weitere Personen engagieren.