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Flüchtlingsbetreuerin: «Es gibt viele Berührungsängste»

Das Bundesparlament berät über Vorstösse, welche eine Verschärfung im Umgang mit Eritreern fordern. Die Psychiaterin Fana Asefaw betreut viele Flüchtlinge aus Eritrea. Sie sagt, wie es ihnen geht – und was sich ändern muss, damit die Integration der Afrikaner in der Schweiz gelingen kann.
Interview: Dominic Wirth
Asylbewerber aus Eritrea bei einem Arbeitseinsatz im Strassenunterhalt im Tessin. Bild: Gabriele Putzu/Key (Lumino, 20. August 2014)

Asylbewerber aus Eritrea bei einem Arbeitseinsatz im Strassenunterhalt im Tessin. Bild: Gabriele Putzu/Key (Lumino, 20. August 2014)

Der Ort, an dem die Nöte der eritre­ischen Diaspora greifbar werden, ist mit Holzparkett ausgelegt. Fana Asefaw betreut in ihrem Büro in der Winterthurer Innenstadt fast jeden Tag Flüchtlinge aus dem Land, aus dem Anfang der 80er-Jahre auch ihre Eltern nach Deutschland flohen. Die Mittvierzigerin ist Kinder- und Jugendpsychiaterin im Ambulatorium Winterthur der Clienia Littenheid AG, einer Privatklinik für Psychiatrie. Und die leitende Ärztin kann einen ­Einblick geben in das Seelenleben der Flüchtlinge aus Eritrea. 38'000 von ihnen leben in der Schweiz, und ein grosser Teil tut sich schwer mit der Integration, ist sozialhilfeabhängig. Das hat zu politischem Druck geführt; auch heute sind im Parlament wieder Vorstösse traktandiert, die eine Verschärfung beim Umgang mit Eritreern fordern.

Fana Asefaw, die eritreische Diaspora in der Schweiz ist in den letzten Jahren stark gewachsen, doch richtig angekommen scheint sie noch nicht im Land. Wie beurteilen Sie das?

Fana Asefaw.

Fana Asefaw.

Es gibt einige, denen die Integration ­gelingt. Doch man muss auch klar sagen: Die meisten Eritreer sind immer noch auf der Suche nach ihrem Platz in der Schweiz. Ich erlebe viele der Geflüchteten als verloren und orientierungslos.

Woran liegt das?

Das sind junge Leute, die ohne konkreten Plan in die Schweiz fliehen, aber mit Vorstellungen, die wenig mit der Realität zu tun haben – etwa bezüglich der Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt. Und sie kommen oft mit einer hohen Verletzlichkeit, verletzt durch die Zeit in der Heimat, aber auch die schlimmen Erlebnisse auf der Flucht.

Sie sind Psychiaterin, betreuen viele eritreische Flüchtlinge. Womit sind Sie konfrontiert?

Ich betreue Menschen, die plötzlich ohnmächtig werden, weil sie ein Trauma erlitten haben. Andere kämpfen mit ­aggressiven Störungen. Verantwortlich dafür ist oft ihre Situation in der Schweiz, die Perspektivlosigkeit. Bei der Verarbeitung von Erlebtem spielt die Zukunft eine wichtige Rolle. Man kann die Vergangenheit ruhen lassen, wenn die Zukunft gut ist. Auf der Flucht treibt das die Leute an. Wenn sie hier ankommen, geht es nicht mehr voran, insbesondere bei der Arbeitssuche. Die Gedanken wenden sich irgendwann der Vergangenheit zu. Als Folge wächst der postmigratorische Stress. Das betrifft jene, die auf ihren Asylbescheid warten, genauso wie jene, die eine Arbeit suchen.

Wie hoch ist der Anteil der Geflüchteten, die mit diesem postmigratorischen Stress zu kämpfen haben?

Das ist schwierig zu sagen, aber wir gehen davon aus, dass es ungefähr die Hälfte ist. Ein zentraler Faktor ist dabei die aktuelle Situation. Wer bessere Bedingungen hat, einen strukturierten Alltag, der hat mit weniger psychischen Problemen zu kämpfen. Das zeigt vor allem eines, und das liegt mir sehr am Herzen: Viele Menschen, die zu mir kommen, brauchen eigentlich keinen Psychiater.

Sondern?

Einfach jemanden, der ihnen bei der Integration hilft. Sie wollen nicht in erster Linie über die Vergangenheit sprechen. Es geht ihnen meist um das Hier und Jetzt, um den Alltag in der Schweiz.

Das wirft kein gutes Licht auf den Integrationsprozess in der Schweiz.

Ich glaube, dass im Moment viele Ressourcen nicht zielführend eingesetzt werden. Es gibt zwar Fachpersonen, die sehr engagiert sind. Doch das System ist nicht richtig ausgerichtet. Ich höre von Flüchtlingsbeiständen, die mir erzählen, ihr Schützling komme nur, wenn er Geld brauche. Wir müssen andere Anreize setzen.

Integration kann aber nicht nur auf Anreizen basieren. Gefragt ist auch Eigeninitiative.

Natürlich. Aber die Bedingungen müssen machbar sein. Der Integrationsprozess überfordert viele. Das sind oft junge Menschen, die ohne Eltern ins Land kommen. Natürlich schlafen sie gerne den ganzen Tag, wenn man sie lässt. Das konnten sie früher nicht. Man muss Anforderungen stellen, klare Bedingungen, verbunden mit Konsequenzen. Wenn man arbeitet, wenn man beim Deutschkurs nicht fehlt, wenn man die Sprache lernt, dann bekommt man etwas zurück. Einen sicheren Status zum Beispiel. Eine bessere Wohnsituation. Oder Familiennachzug. Für eine Leistung gibt es eine Gegenleistung. Das passiert in meinen Augen viel zu wenig.

Welche Massnahmen braucht es?

Das eine sind die klaren Bedingungen. Dazu braucht es Brückenbauer, die übersetzen, die klarmachen, welche Werte wichtig sind in der Schweiz. Die Eritreer brauchen jemanden, der sie an der Hand nimmt. Dennoch gibt es viele Missverständnisse, viele kulturelle Barrieren. Das ist das grösste Problem.

Wo unterscheidet sich die eritreische Kultur von der schweizerischen?

In Eritrea geht es zu wie in der Schweiz vor 100 Jahren: Autoritäten zählen, es gibt patriarchale Strukturen. Nicht der eigene Wunsch zählt, sondern jener der Familie. Tradition und Religion sind wichtig. Die Jungen hören auf die Alten. Individualismus ist unerwünscht. Das führt zu grossen Problemen bei der ­Ankunft in der Schweiz. Hier muss man sofort individualistisch denken und fühlen. Man hat keine Zeit, anzukommen, man muss gleich funktionieren. Dabei braucht Integration Zeit. Und Austausch zwischen den Kulturen. Doch davon ist wenig zu sehen. Wir haben viele Berührungsängste, auf beiden Seiten.

Die Schweiz hat den Umgang mit ­eritreischen Flüchtlingen zuletzt verschärft. Welche Spuren hinterlässt das in der Diaspora?

Das schürt viele Ängste, und auch hier zeigen sich die kulturellen Barrieren. Wer einen Brief vom Amt erhält, weil etwa seine vorläufige Aufnahme überprüft wird, gerät in Panik. Ich habe Patienten, die ihre Briefe zu mir in die Therapie mitbringen.

Nur Teillohn für Flüchtlinge

Bei der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen gibt es in der Schweiz noch Luft nach oben gibt. Das zeigt etwa die Erwerbsquote von Personen aus Eritrea, dem seit Jahren wichtigsten Herkunftsland: Ende August betrug sie 26,3 Prozent bei den anerkannten Flüchtlingen (Ausweis B) und 28,4 Prozent bei den vorläufig Aufgenommenen. Gemäss dem Leiter des Staatssekretariats für Migration (SEM), Mario Gattiker, wären aber sieben von zehn Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen «ausbildungs- und arbeitsmarktfähig» und hoch motiviert. Wo also hapert es? Dies herauszufinden war Aufgabe des ehemaligen Sonderbotschafters für Migrationsfragen, Eduard Gnesa. Er hat sich im Auftrag des SEM unter anderem bei Schweizer Arbeitgebern umgehört, welche Hürden einer Anstellung von Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen im Weg stehen. Gestern hat Gnesa seine Erkenntnisse präsentiert. Demnach nannten die Arbeitgeber neben mangelnden Sprachkenntnissen und Qualifikationen unter anderem die Unsicherheit bezüglich Anstellungsbedingungen, den Aufwand für die Rekrutierung und die Betreuung sowie die starren Lohnbedingungen als Hindernisse. Abhilfe könnte gemäss Gnesa eine Internetplattform schaffen, auf der die Firmen Leitfäden sowie eine Liste mit kantonalen Ansprechpersonen finden. Weiter empfiehlt er, das Potenzial der aufgenommenen Personen möglichst früh abzuklären und ihnen einen Job-Coach zur Seite zu stellen. Damit rennt Gnesa offene Türen ein: In der Integrationsagenda, die der Bund und die Kantone im Frühling vorgestellt haben, ist eine vertiefte Potenzialabklärung und eine individuelle Beratung bereits enthalten. Gemäss Gattiker soll die Agenda ab Mai 2019 umgesetzt werden.

Als Kompensation für die längere Einarbeitungszeit von Flüchtlingen bringt Gnesa zudem Zuschüsse für die Arbeitgeber ins Spiel sowie die Möglichkeit eines Teillohnmodells. In einzelnen Kantonen – etwa Luzern – besteht bereits die Möglichkeit, bei der Anstellung von Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen die üblichen Lohnbedingungen zu unterschreiten. Der Arbeitgeberverband begrüsse diesen Vorschlag, sagt Geschäftsleitungsmitglied Daniella Lützelschwab – dies nach dem Motto: «Wer noch nicht die volle Leistung bringen kann, bekommt nicht den vollen Lohn.» Teillohnmodelle kämen aber immer nur zeitlich befristet in Frage, um der Gefahr von Lohndumping vorzubeugen. Lützelschwab verweist auf einen Normvertrag, den die Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz und der Gewerbeverband Luzern zusammen mit dem Kanton und den Gewerkschaften entworfen haben. Demnach muss spätestens zweieinhalb Jahre nach der Anstellung der orts- und branchenübliche Lohn bezahlt werden. Der Gewerkschaftsdachverband Travail Suisse warnt, das Teillohnsystem könnte zu zwei Kategorien von Arbeitgebern führen und sei nur unter der Aufsicht von paritätischen Kommissionen in GAV-Branchen denkbar. Die Aufgabe, schutzsuchende Personen zu integrieren, wird nicht kleiner. Vielmehr gewinne das Thema an Bedeutung, sagte Mario Gattiker gestern. Zwar geht die Zahl der Asylgesuche seit 2015 kontinuierlich zurück. Gleichzeitig erhielten im vergangenen Jahr mehr Menschen Asyl oder eine vorläufige Aufnahme als in den beiden Vorjahren, weil der Anteil der unbegründeten Gesuche abgenommen hat. (bär)

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