«Es gibt keine andere Richtung»: Die Elektromobilität rollt an – grüne Wolken am Himmel der Schweizer Garagisten

Die Autos in der Schweiz sollen ökologischer werden. Für die Garagisten könnte das alles verändern. Was macht das mit ihnen selbst?

Dominic Wirth
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Das Geschäftsmodell vieler Schweizer Garagen funktioniert vielleicht bald nicht mehr. (Bild: Nana Do Carmo)

Das Geschäftsmodell vieler Schweizer Garagen funktioniert vielleicht bald nicht mehr. (Bild: Nana Do Carmo)

In der Garage von Auderset Cars, Industriestrasse 4, 2552 Selzach, steht ein Stapel Reifen an einer Wand und eine Werkbank an einer anderen. Und über allem hängt dieser Geruch nach Benzin und Öl, so, wie er das in den allermeisten Garagen im Land tut. Die Frage ist nur, wie lange noch. Und was das heisst für die Garagisten, Männer wie Kevin Auderset, breite Schultern, Dreitagebart, das Benzin im Blut.

Die Schweiz ist ein Land der Autos, auf 8,5 Millionen Menschen kamen Ende 2018 über 4,6 Millionen Personenwagen. Nur ein Bruchteil von ihnen – etwas über 19'000 – waren reine Elektrofahrzeuge. Doch das soll sich ändern, denn der Verkehr ist auch der grösste Klimasünder im Land. Er verursacht ein Drittel aller CO2-Emissionen, und es ist seit 1990 mehr geworden, nicht weniger.

Kein Wunder, geraten die Autos ins Visier der Politik. Es gibt eine Roadmap zur Elektrifizierung des Verkehrs. Es gibt das neue CO2-Gesetz. Der Ständerat berät es diese Woche und wird voraussichtlich vorschlagen, dass das Benzin künftig teurer werden soll.

Und es gibt die Vision Netto-Null bis 2050, also: keine Emissionen mehr, auch nicht von den Autos. Die Welt der Garagisten könnte das alles auf den Kopf stellen.

Der Titanic-Moment der Schweizer Garagisten?

Kevin Auderset hat in einer Industriezone bei Solothurn eine Halle gemietet. Früher arbeitete er in einer grossen Garage, doch irgendwann tat er sich schwer damit, wie die Kunden dort abgefertigt wurden. «Ich finde, man muss sich Zeit nehmen, den Kontakt pflegen, auf die Leute eingehen», sagt er. Seit 2016 macht er nun sein eigenes Ding. Er hat sich auf die Fahrzeugdiagnostik spezialisiert, erledigt aber auch konventionelle Garagenarbeiten, den Service zum Beispiel oder die Bremsen.

In der Branche nennen sie dieses Geschäft Aftersales, und laut dem Autogewerbeverband Schweiz verdient mehr als die Hälfte der rund 5000 Garagisten ihr Geld hauptsächlich damit. Doch der Trend zum elektrischen Antrieb gefährdet dieses Geschäftsmodell. Denn das Innere der Elektroautos besteht aus weniger Einzelteilen als solche mit Verbrennungsmotor; sie sind deshalb weniger wartungsintensiv. Das könnte für Aftersales-Garagisten zum Problem werden. Aber auch für jene, die das Werkstatt-Geschäft mit dem Autohandel verknüpfen. Denn die höheren Margen wirft die Werkstatt ab.

Auf einem Messegelände am Rand von Bern trafen sich letzte Woche über 700 Personen, um sich an der Mobilitätsarena mit der Zukunft des Verkehrs auseinanderzusetzen. Jörg Beckmann war der Mann, der nach Bern lud. Er leitet die Mobilitätsakademie des TCS, die so etwas wie ein Labor für den Verkehr von morgen ist. Beckmann beschäftigt sich tagein, tagaus damit, wie wir uns dereinst fortbewegen werden. Und er ist überzeugt davon, dass der Antrieb der Zukunft elektrisch sein wird:

«Es gibt keine andere Richtung, das zeigen die Pläne der Autoindustrie und die Entscheide in der Politik.»

Wenn Beckmann über die Schweizer Garagisten spricht, dann erzählt er die Geschichte des Matrosen, der an Bord der Titanic sass und schon früh vor dem Eisberg warnte, der am Horizont auftauchte. Das Problem war nur, dass niemand auf ihn hörte. Wie die Geschichte ausging, ist bekannt. «Die Schweizer Garagisten müssen daraus lernen», sagt Beckmann, «und sich schon heute überlegen: Wie verdienen wir in Zukunft unser Geld?»

«Heute wird der Diesel verteufelt»

Kevin Auderset hat gerade drei Fahrzeuge in seiner Garage stehen, und sie haben eines gemeinsam: den Verbrennungsmotor. Der 33-Jährige hat zwar zwei Tesla-Fahrer in seinem Kundenstamm, doch für die wechselt er nur die Reifen. Er hört zwar immer wieder viel darüber, dass die Elektromobilität vor der Türe stehe. Doch in seiner Garage spürt er das noch kaum. Und er ist sich auch nicht sicher, ob sich das ändert. «Als ich in der Lehre war, sprachen alle darüber, dass die Zukunft dem Diesel gehöre. Heute wird er verteufelt», sagt Auderset.

Er hat sich einen Motor auf seinen Unterarm tätowieren lassen und sagt von sich, er sei «schon ein Benziner». Auderset betont, dass er nichts gegen Elektroautos habe. Aber er findet auch, dass gerade zu viel über die Vorteile gesprochen wird. Und zu wenig darüber, dass auch die Batterien der Elektromobile die Umwelt belasten. Er macht vorerst weiter, wie er es bisher getan hat, «ich kann ja gar nicht anders», sagt er. Und was die Zukunft bringe, wisse man ohnehin nie.

Neuzulassungen: Die grüne Welle rollt an

Wer sich in der Branche umhört, hört solche Stimmen oft. Der technologische Wandel ist dann etwas, das sich zwar ankündigt, durchaus bedrohlich. Doch oft schwingt die Hoffnung mit, dass es doch nicht so schlimm kommt. Urs Wernli glaubt, dass am «Ende nicht alles so heiss gegessen wird, wie es derzeit gekocht wird». Der Präsident des Autogewerbeverbands Schweiz sagt, die Umstellung brauche «sehr viel Zeit». Bei den Autokäufern seien zudem noch viele Vorbehalte gegenüber der Elektromobilität zu spüren. «Die meisten werden noch für einige Zeit Fahrzeugen mit herkömmlichem Antrieb den Vorzug geben», sagt Wernli. Er glaubt zudem, dass künftig Hybrid- und Gas-Fahrzeuge eine wichtige Rolle spielen werden, also solche, die auch mit einem Verbrennungsmotor ausgerüstet sind. Und den Garagisten deshalb mehr zu tun geben.

Für Jörg Beckmann sind Hybride allerdings nur eine Übergangstechnologie. Er warnt die Garagisten davor, zu lange am alten Geschäftsmodell festzuhalten. Und stattdessen «die Chancen der Elektromobilität zu nutzen und Wissen aufzubauen». Ein Zukunftsrezept könnte sein, dass Garagen Ladeinfrastrukturen aufbauen. Oder dass sie zum Carsharing-Standort werden.

All das ist noch Zukunftsmusik, doch sie wird lauter, das zeigen die neu zugelassenen Autos im Jahr 2019. Der Anteil der Elektrofahrzeuge ist auf fünf Prozent gestiegen, mehr als je zuvor. Vielleicht rollt da gerade eine grüne Welle an.