«Es gibt kein Recht auf Adoption»

Immer stärker setze sich die Einstellung durch, wer genügend zahle, habe Anrecht auf ein gesundes, junges Adoptions-Kind, kritisiert Marlène Hofstetter. Wirklich bedürftige Kinder seien schwer vermittelbar. Die Adoptionsspezialistin von Terre des Hommes fordert ein Verbot privater Adoptionen.

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Marlène Hofstetter vermittelt seit 21 Jahren Adoptionen für das Hilfswerk Terre des Hommes. Darüber hinaus leistet sie Aufklärungsarbeit. (Bild: Franziska Scheidegger)

Marlène Hofstetter vermittelt seit 21 Jahren Adoptionen für das Hilfswerk Terre des Hommes. Darüber hinaus leistet sie Aufklärungsarbeit. (Bild: Franziska Scheidegger)

Muss man Respekt haben vor Adoptiveltern, weil sie eine grosse Aufgabe übernehmen – oder sind sie Egoisten, die ihren Kinderwunsch erfüllen wollen?

Marlène Hofstetter: Der Idealfall liegt dazwischen. Die meisten Paare adoptieren sicher nicht aus Altruismus. Der Kinderwunsch muss da sein, und dieser Wunsch ist ein egoistischer. Ideal ist, wenn sich die Eltern überlegen, welche Kinder eine internationale Adoption nötig haben, und ihre Wünsche anpassen.

Also nicht unbedingt ein Kind weisser Hautfarbe?

Hofstetter: Ja, und nicht unbedingt ein ganz junges Baby. Dieser Wunsch ist zwar nachvollziehbar und zu respektieren. Dabei bleiben aber viele andere Kinder auf der Strecke.

Wie meinen Sie das?

Hofstetter: Es wird immer schwieriger, ältere Kinder zu plazieren oder solche, die von einer Krankheit gezeichnet sind. Wir sehen das bei unserer eigenen Arbeit. Jährlich vermitteln wir etwa 15 Kinder.

Wie erklären Sie sich die gestiegenen Ansprüche?

Hofstetter: Das Angebot an Kindern hat sich verringert. Dadurch wird Adoption immer stärker zum Handel. Je besser man zahlt, umso grösser ist das Anrecht auf gute Ware. Das ist wie beim Autohandel. In den USA herrscht diese Einstellung schon länger vor und sie breitet sich bei uns aus.

Gleichzeitig ist die Zahl der Adoptionen gesunken. Immer mehr Kinder werden auf private Initiative adoptiert – warum wollen Sie diese Adoptionen verbieten?

Hofstetter: Kinder, die so in die Schweiz gelangen, stammen aus Ländern, wo es kaum Kontrollen gibt: Haiti, Nepal oder Vietnam etwa. Niemand weiss, woher diese Kinder kommen.

Man liest immer wieder schlimme Geschichten von Kindsentführung und Kinderhandel.

Hofstetter: Es gibt verschiedene Register: von der Entführung bis zur Bezahlung der Eltern, was ebenfalls illegal ist. Der Prozentsatz der Eltern, die ihr Kind für Geld weggeben, ist aber klein. Viel häufiger sind Fälle, wo die Eltern übers Ohr gehauen werden.

Wie denn?

Hofstetter: Ich komme eben aus Nepal zurück, wo es eine lange Tradition gibt, Kinder armer Eltern in speziellen Institutionen zu erziehen. 15 000 Kinder leben in solchen Kinder-Zentren in Nepal. Immer wieder werden solche Kinder in einer Zeitung als verlassen ausgeschrieben. Melden sich die Eltern nicht – oft sind diese Analphabeten, die weitab in den Bergen wohnen –, wird das Kind gegen Geld zur Adoption freigegeben. Wenn die Eltern das Kind wieder holen wollen, ist es nicht mehr da.

In ukrainischen Spitälern sollen neugeborene Kinder für tot erklärt worden sein. Die Mütter bekamen die angeblich toten Kinder aber nie zu Gesicht.

Hofstetter: Das ist ein beliebter Trick von Kinderhändlern. Auch in Guatemala war das früher gang und gäbe. Wo die Adoptionskontrolle nicht genügend gross ist, breiten sich solche Praktiken aus. Wird ein sechsmonatiges Baby gewünscht, ziehen in Haiti sogenannte Vermittler durch die Dörfer. Sie fragen die Eltern, ob sie ihre Kinder für eine gute Erziehung abgeben wollen. Eine Volladoption, wie wir sie kennen, gibt es in Haiti nicht. Die Eltern wissen nicht, worauf sie sich einlassen. Man sagt ihnen, die Kinder kämen wieder zurück.

Wird es mit der Öffnung der Grenzen häufiger vorkommen, dass Rumäninnen oder Bulgarinnen hier in der Schweiz gebären, um ihre Kinder aus finanziellen Gründen gleich zur Adoption freizugeben?

Hofstetter: Ich kann nur sagen, dass es das schon bisher immer wieder gegeben hat. Kürzlich wurde ein Fall in Griechenland publik, wo systematisch schwangere Frauen aus Bulgarien entbunden wurden. Nach der Geburt kamen die Säuglinge direkt in die Hände griechischer Paare und wurden als deren Kinder registriert.

Diese Frauen werden für ihre Dienste bezahlt?

Hofstetter: Ja, natürlich, die bekommen Geld. Für ihre Verhältnisse meist sehr viel Geld.

Viele Paare haben einen ausgeprägten Kinderwunsch, können selber aber keine Kinder mehr kriegen. Wie und wo können sie noch mit gutem Gewissen Kinder adoptieren?

Hofstetter: Es gibt unterdessen viele Länder, die Adoptionen nach dem Haager Abkommen machen. Dort ist eine Adoption unbedenklich. Die Wartezeiten sind allerdings bis drei, vier Jahre lang.

Was ist das für ein Abkommen?

Hofstetter: Es verlangt, dass zuerst im Heimatland nach Adoptiveltern gesucht wird. Die Mutter des Kindes darf nicht unter Druck gesetzt oder bezahlt werden und die Adoption muss überwacht werden und rückverfolgbar sein. Unterdessen haben etwa 70 Länder dieses Abkommen unterschrieben.

Und das Angebot an Kindern aus solchen Ländern ist genügend gross?

Hofstetter: Nein, das Angebot an Kindern aus den Unterzeichnerländern wird immer kleiner, weil die Kinder dank den Bestimmungen des Haager Abkommens häufiger in ihrem Land einen Platz finden. Ein gutes Beispiel ist Indien. Ich bereise das Land für Terre des Hommes seit 18 Jahren. Zu Beginn meiner Tätigkeit war nationale Adoption in Indien kein Thema. Heute finden drei Viertel aller Kinder einen Platz in ihrer Heimat.

Interview: Christian von Burg