«Es braucht den Energiemix»

Ein Atomausstieg sei zwar realistisch, meint Marianne Zünd vom Bundesamt für Energie. Doch ein solcher Ausstieg habe eben auch seine Tücken.

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Auch die Windenergie und die Photovoltaik sind für den Energiemix wichtig. (Bild: ap/Mel Evans)

Auch die Windenergie und die Photovoltaik sind für den Energiemix wichtig. (Bild: ap/Mel Evans)

Frau Zünd, aufgrund der Ereignisse in Japan prüfen Sie, unter welchen Umständen in der Schweiz ein Atomausstieg möglich wäre. Heute beziehen wir 40 Prozent unseres Stroms aus der Kernenergie. Ist es denn überhaupt realistisch, darauf verzichten zu wollen?

Marianne Zünd: Das ist durchaus realistisch. Die Entwicklung der erneuerbaren Energien geht weiter, die einzelnen Technologien erzielen immer bessere Wirkungsgrade. Und vor allem setzen wir sehr stark auf Energieeffizienz.

Das Ziel ist, dass der Stromverbrauch künftig trotz steigender Bevölkerungszahl zumindest stabil bleibt oder besser gar sinkt. Denn Energieeffizienz ist die beste Energiequelle. Die Frage ist allerdings: Wie schnell können wir erneuerbare Energie zubauen, wie schnell können wir die Energieeffizienz verbessern, und wie schnell können wir Strom importieren? Klar am schnellsten realisierbar wäre es, Strom zu importieren, aber dann würde er wesentlich teurer, und die Wertschöpfung fände nur im Ausland statt.

Wo sehen Sie am meisten Potenzial bei der Energieeffizienz?

Zünd: Sicher bei den industriellen Anlagen und Geräten, die effizienter gemacht werden können. Auch in der IT wird die Technologie immer besser. Aber wenn eine neue Technologie kommt, dauert es immer ein paar Jahre, bis sie den Markt durchdringt. Hier müssen wir versuchen, diese Fristen kürzer zu machen – unter anderem mit neuen Vorschriften.

Zum Beispiel so, dass ein Unternehmen, das ein neues Rechenzentrum baut, nur Technologien einsetzen darf, die dem neusten Stand der Energieeffizienz entsprechen.

Wie sinnvoll ist es überhaupt, wenn die Schweiz auf Atomkraftwerke verzichtet, unser Nachbarland Frankreich, das zu fast 80 Prozent von eigenem Atomstrom lebt, unbeirrt auf Kernkraft setzt?

Zünd: Das ist eine gesellschaftspolitische Frage.

Aufgabe des Bundesamtes für Energie ist es, die Energiesicherheit für unser Land zu gewährleisten und die dazu nötigen Rahmenbedingungen bereitzustellen. Wollen wir also unsere Kernkraftwerke abschalten, stellt sich für uns primär die Frage, wie wir diese Strommenge ersetzen können.

Braucht es eine gemeinsame Strategie aller europäischen Länder?

Zünd: So ist es, es braucht eine solche.

Das ist auch der Grund, warum wir mit der EU ein neues Energieabkommen anstreben: Wir sind darauf angewiesen, perfekt ans europäische Stromnetz angeschlossen zu sein, wenn wir dereinst im grösseren Stil Strom aus norddeutscher Windkraft-Produktion zu uns in die Schweiz holen wollen.

Welche erneuerbaren Energien kommen in unserem Land als Alternative zum Atomstrom hauptsächlich in Frage?

Zünd: Ganz viele Möglichkeiten bieten sich bei der Photovoltaik. Am besten wäre ein Obligatorium für Anlagen auf möglichst allen Dächern.

Potenzial sehe ich zudem bei der Windkraft. Eine grosse Hoffnung für die Zukunft ist zudem die Geothermie. Und wir können erneuerbaren Strom aus Biomasse und aus Holz erzeugen.

Die Schweiz ist das Wasserschloss Europas. Wie kann dieses Potenzial weiter genutzt werden – ohne dass ganze Täler für neue Stauseen geflutet werden müssen?

Zünd: Es ist so, die grossen Stauseen sind gebaut, neue zu realisieren, ist nicht mehr möglich.

Aber man kann bei den bestehenden Wasserkraftwerken noch etwas herausholen, etwa bei den Grimsel-Werken, wo die Mauern erhöht werden, damit die produzierbare Strommenge grösser wird.

Im Luzerner Seetal ist ein Windpark in Planung, der Strom für 1000 Haushalte liefern soll. Sind solche Projekte mehr als nur ein Tropfen auf den heissen Stein?

Zünd: Das ist genau das Problem.

Wenn man diese Zahl isoliert anschaut, ist sie im Vergleich zu einem AKW tatsächlich nicht mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein. Trotzdem müssen wir auch solches Potenzial nutzen. Wir brauchen einen gescheiten Energiemix. Deshalb wird es auch nicht mehr gehen, dass gegen jeden Windpark dermassen Opposition betrieben wird, wie das jetzt noch der Fall ist. An guten Standorten müssen wir den Kompromiss zwischen Landschaftsschutz und Nutzung finden.

Könnte die Schweiz überhaupt ausschliesslich mit inländisch erzeugter erneuerbarer Energie die Stromproduktion aus Kernkraft ersetzen?

Zünd: Nein. Dafür ist das Potenzial zu klein.

Ein Atomausstieg wäre also nur möglich, wenn wir Energie aus dem Ausland importieren?

Zünd: Richtig. Und hier müssen wir uns entscheiden, ob wir 100 Prozent erneuerbare Energie wollen oder auch fossile Energie, zum Beispiel von Gaskraftwerken, nutzen wollen.

Wäre es nicht realistischer, statt eines völligen Atomausstieges das Ziel zu verfolgen, den Anteil Atomenergie zu senken, beispielsweise von jetzt 40 auf rund 30 Prozent wie Japan, das ebenfalls ein rohstoffarmes Land ist?

Zünd: Das wäre sicher die einfachere, bequemere Lösung. Die Frage ist bei uns in der Schweiz aber, was die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger wollen. Sie haben ja das letzte Wort, wenn es um Kernenergie geht.

Man könnte in der Schweiz doch statt auf Kernkraftwerke auf Gas-Kombi-Kraftwerke setzen.

Zünd: Sie wären eine Möglichkeit als Übergangslösung bis zu einem Atomausstieg. Ein Gas-Kombi-Kraftwerk wäre innert zweier Jahre gebaut und könnte während 15 Jahren Strom produzieren. Der grosse Nachteil ist natürlich, dass es CO2 ausstösst. Auch dies ist nun wieder eine politische Frage: Wollen wir dies in Kauf nehmen oder nicht?

Gegner des Atomausstiegs monieren schon heute, man dürfe sich in Sachen Energie nicht vom Ausland abhängig machen. Wie beurteilen Sie das Risiko, dass plötzlich ein ausländischer Energieerzeuger eine vertraglich abgemachte Strommenge nicht mehr liefert?

Zünd: Unzuverlässigkeit können wir unseren Partnern im Ausland sicher nicht unterstellen. Das Problem wird vielmehr sein, ob künftig auch genug Strom vorhanden sein wird, den wir importieren könnten. Im Moment ist das zwar noch der Fall, aber das wird nicht mehr lange so sein.

Denn auch im Ausland steigt der Strombedarf stetig, und auch im Ausland müssen alte AKW und andere Kraftwerke ersetzt werden. Das macht es für die Schweiz künftig schwieriger, Strom einzukaufen.

Und der Strom würde zudem auch teurer.

Zünd: Ja, aber der Strom wird in Zukunft sowieso tendenziell teurer. Das Angebot wird knapper, und es müssen viele Anlagen erneuert werden. Auch die Stromleitungen müssen ausgebaut werden. Dazu kommen neue Abgaben auf Strom.

Und wenn wir Strom importieren, kommen Zusatzkosten für die Nutzung der Grenzleitungen dazu.

Wenn der Strom teurer wird, leidet die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft. Droht der Atomausstieg am Ende an diesem Problem zu scheitern?

Zünd: Genau deshalb braucht es eine europäische Lösung. Wenn wir eine europäische Lösung haben, herrschen für alle wieder dieselben Voraussetzungen. Europa ist auf dem Weg dazu.

Es geht zwar nicht um einen radikalen Atomausstieg, aber man setzt sich ambitionierte Ziele, um den Anteil erneuerbarer Energien zu erhöhen. Wesentlich wird sein, welchen Einfluss die Erkenntnisse aus Japan auf längere Sicht auf die europäische Energiepolitik haben werden. Die richtige Richtung jedenfalls ist eingeschlagen.

Interview: Martin Messmer

Marianne Zünd ist beim Bundesamt für Energie für die Kommunikation zuständig. (Bild: Quelle)

Marianne Zünd ist beim Bundesamt für Energie für die Kommunikation zuständig. (Bild: Quelle)