Erneut mehr EU-Arbeitskräfte

Trotz Frankenschock: 2015 fanden mehr Erwerbstätige aus der EU und der Efta eine Stelle auf dem Schweizer Arbeitsmarkt als im Jahr zuvor.

Denise Lachat/Dominic Wirth
Drucken
Teilen
Im Jahr 2015 kamen aus dem EU/Efta-Raum fast 4000 Arbeitskräfte mehr in die Schweiz als noch 2014. (Bild: fotolia)

Im Jahr 2015 kamen aus dem EU/Efta-Raum fast 4000 Arbeitskräfte mehr in die Schweiz als noch 2014. (Bild: fotolia)

Sie ging im Schatten der Diskussion um Asylsuchende fast etwas unter. Dabei zeigt die Ausländerstatistik 2015, die gestern vom Staatssekretariat für Migration (SEM) gleichzeitig mit der Asylstatistik (siehe Text und Grafiken unten) publiziert worden ist, eine interessante Entwicklung auf: Auch zwei Jahre nach der Annahme der Masseneinwanderungs-Initiative geht die Einwanderung in den Schweizer Arbeitsmarkt nicht zurück. Im Gegenteil: Trotz des Frankenschocks nahm die Zahl der Arbeitnehmenden aus Europa sogar zu.

120 254 Personen aus den EU- und den Efta-Ländern kamen letztes Jahr zum Arbeiten in die Schweiz, fast 4000 mehr als im Jahr zuvor; 2014 waren es noch 116 338. SEM-Direktor Mario Gattiker erklärt dies auf Nachfrage damit, dass die Personenfreizügigkeit (PFZ) mit der EU unverändert gelte. Zudem seien die Folgen einer abgeschwächten Konjunktur in der Regel erst mit zeitlicher Verzögerung auf dem Arbeitsmarkt zu spüren.

Rekrutieren die Firmen auf Vorrat?

Ähnlich argumentiert auch Roland Müller, der Direktor des Arbeitgeberverbandes. «Es ist nicht überraschend, dass sich die Auswirkungen des Frankenschocks bei den Zuwanderungszahlen noch nicht so stark zeigen. Man sieht auch bei den Arbeitslosenzahlen, dass diese Wirkung erst später einsetzt.» Barbara Gysi, St. Galler SP-Nationalrätin, hat allerdings noch eine andere Vermutung, weshalb im vergangenen Jahr sogar noch mehr Arbeitskräfte aus dem EU-Raum in die Schweiz kamen als 2014. Die SP-Vizepräsidentin glaubt, dass die Unternehmen derzeit auch an die Zukunft denken. «Die Firmen versuchen wohl, die Arbeitskräfte noch zu rekrutieren, solange das möglich ist. Die Unsicherheit im Zusammenhang mit der Umsetzung der Zuwanderungs-Initiative spielt hier bestimmt eine Rolle.» Roland Müller vom Arbeitgeberverband will davon allerdings nichts wissen: «Es gibt keine Firma, die Leute auf Vorrat anstellen kann. Dieser Vorwurf greift zu kurz.»

Wirtschaft fordert Geduld

Ein schlechtes Signal sind die aktuellen Zahlen für Volkswirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann und seine oft kritisierten Versuche, das Potenzial der Arbeitskräfte im Inland besser zu nutzen. «Die Frage, ob man die Wirtschaft mit runden Tischen in die Pflicht nehmen kann, haben wir immer gestellt», sagt SP-Nationalrätin Gysi. «Jetzt zeigt sich: Die Freiwilligkeit funktioniert hier nicht.»

Der Wirtschaftsvertreter Roland Müller plädiert derweil dafür, etwas mehr Geduld aufzubringen; das Inländerpotenzial könne nicht so schnell genutzt werden. «Es ist eine Frage der Zeit, bis diese Massnahmen greifen. Man kann die Zuwanderung nicht von heute auf morgen zurückfahren. Die Wirtschaft ist aber sensibilisiert für die Thematik.» Karin Keller-Sutter, St. Galler FDP-Ständerätin, glaubt ebenfalls, dass die Nutzung des Inländerpotenzials nicht vom Staat erzwungen werden kann. «Es wird eine Anpassung geben, aber das braucht noch ein wenig Zeit. Der Bund kann das nur bedingt steuern.»

SVP sieht sich bestätigt

Albert Rösti, Nationalrat aus Bern und designierter Nachfolger von Toni Brunner als SVP-Präsident, sieht sich und die Anliegen seiner Partei durch die neusten Zuwanderungszahlen derweil bestätigt. «Die Arbeitslosigkeit steigt, und gleichzeitig kommen mehr Arbeitskräfte aus der EU als 2014. Das zeigt, wie sehr es die Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative mit dem Inländervorrang braucht.»

Gesamthaft wanderten im vergangenen Jahr trotz der stärkeren EU-Zuwanderung in den Arbeitsmarkt etwas weniger Ausländerinnen und Ausländer in die Schweiz ein. Es waren 150 459, also 1,1 Prozent weniger als 2014. Und da gleichzeitig 6,1 Prozent mehr Menschen die Schweiz wieder verliessen, ging die Nettozuwanderung letztes Jahr um 9,4 Prozent zurück, von 78 902 auf 71 495 Personen.

SVP-Nationalrat Albert Rösti will von einer Entspannung der Zuwanderungssituation allerdings trotz dieser Zahlen nichts wissen. «Man muss auch die Rahmenbedingungen anschauen, den starken Franken etwa. Und trotzdem sind so viele Menschen eingewandert. Es gibt überhaupt keine Trendwende.» Dem Berner sind auch die Asylzahlen, die im vergangenen Jahr so hoch waren wie seit 1999 nicht mehr, ein Dorn im Auge. «Wenn wir diese Zahlen noch dazuzählen, haben wir erneut eine sehr grosse Zuwanderung.»

Viele Franzosen gekommen

Verlassen haben die Schweiz derweil vor allem Menschen aus Serbien (-4489), gefolgt von Kroaten, Türken und Bosniern. Am stärksten gestiegen ist die Zahl der Franzosen, nämlich um 6241 Personen. Zu den Gründen für diese Entwicklung kann das SEM keine Angaben machen.

Am stärksten rekrutiert hat übrigens die Landwirtschaft, und zwar nicht in Form von Kurzzeitbewilligungen. Vielmehr hat die ständige ausländische Wohnbevölkerung in dieser Branche um gut 9 Prozent zugenommen, während sie in den Sektoren Industrie und Handwerk und im Dienstleistungssektor abgenommen hat.

Aktuelle Nachrichten