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ERNÄHRUNG: Was Zucker mit unserem Gehirn anstellt

Süssigkeiten sind nicht nur schlecht für Zähne und Figur, sondern auch für das Gehirn. Neue Studien zeigen: Zu viel Zucker kann depressiv und vergesslich machen.
Michael Baumann
Verführerisch süss, aber unter Umständen verheerend für Körper und Psyche: Zucker. (Bild: Boris Bürgisser (5. September 2017))

Verführerisch süss, aber unter Umständen verheerend für Körper und Psyche: Zucker. (Bild: Boris Bürgisser (5. September 2017))

Michael Baumann

Das menschliche Gehirn hat eine spezielle Beziehung zu Zucker. Es meldet sich, noch bevor wir uns ein Bonbon oder ein Stück Schokolade in den Mund gesteckt haben. Denn bereits der Anblick von Süssem aktiviert das so genannte Belohnungszentrum im Gehirn. Dieses teilt mit: «Eine hervorragende Wahl, rein damit!» Landet die Süssigkeit dann auf der Zungenspitze, beginnen die Sinnesrezeptoren, ihre Signale ins Gehirn zu feuern. Dieses belohnt uns für den süssen Happen mit Glücksgefühlen. Und es fordert: «Mehr davon!»

So schöne Momente uns Süsses beschert – auf lange Sicht leiden nicht nur Figur und Zähne, sondern auch die geistige Gesundheit. Das zeigt eine Studie, die letzten Monat veröffentlicht wurde: Wissenschafter vom Londoner University College belegen einen Zusammenhang zwischen dem Zuckerkonsum und der Entstehung psychischer Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen. Grundlage für diesen Schluss waren Befragungen von über 8000 Studienteilnehmern zu ihrem Zuckerkonsum und ihrem psychischen Wohlbefinden. Die Befragungen wurden über einen Zeitraum von über 20 Jahren regelmässig wiederholt. Besonders bei Männern zeigte sich ein Zusammenhang: Jene, die täglich mehr als 67 Gramm Zucker durch Süssgetränke und Snacks zu sich nahmen, hatten fünf Jahre nach der ersten Befragung ein um 23 Prozent höheres Risiko, an einer mentalen Störung zu erkranken als Probanden, die täglich weniger als 40 Gramm Süsses assen.

Die britischen Forscher glauben, dass tatsächlich der Zuckerkonsum zur Schädigung des Gehirns führt und nicht umgekehrt. Denn wer schon zu Beginn der Studie an einer mentalen Störung litt, konsumierte fünf Jahre später nicht mehr Zucker als vorher.

Korrelation zwischen Blutzucker und Demenz

Den negativen Einfluss des Zuckerkonsums auf das menschliche Gehirn legten schon frühere Untersuchungen nahe. So fanden US-amerikanische Forscher im Jahr 2013, dass Menschen mit einem erhöhten Blutzuckerspiegel eher an Demenz erkranken. Und in einer weiteren Studie aus demselben Jahr massen deutsche Wissenschafter den Blutzucker von 141 gesunden Senioren und liessen sie danach zum Gedächtnistest antreten. Die Probanden mussten sich 15 Wörter einprägen. Eine halbe Stunde später wurden sie abgefragt. Wiederum schnitten jene Probanden schlechter ab, die erhöhte Blutzuckerwerte hatten: Sie erinnerten sich durchschnittlich an zwei Wörter weniger als ihre Kollegen mit normalen Blutwerten. Und die Untersuchung ihres Hippocampus – des Hirnareals, das hilft, Gelerntes abzuspeichern – zeigte, dass dieser kleiner und schlechter strukturiert war als bei den Teilnehmern mit tieferem Blutzucker.

Es scheint paradox: Zucker soll langfristig schädlich für unser Gehirn sein, und dennoch belohnt es uns für jede Leckerei mit Glückshormonen. «Unser Gehirn tut nichts Falsches», sagt Matthias Wyss, der am Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Zürich den Zuckerstoffwechsel des Menschen erforscht. «Zucker ist für das Gehirn absolut lebensnotwendig.» In Form von Glukose versorgt er unser zentrales Denkorgan mit Energie. Und davon braucht es mehr als jedes andere Organ in unserem Körper. Jeden Tag verarbeitet es etwa 120 Gramm des süssen Stoffes – das entspricht 30 Zuckerwürfeln. «Um einen ausreichenden Blutzuckerspiegel zu haben, brauchen wir aber keine Süssigkeiten zu essen», sagt Wyss. Denn auch in kohlenhydratreichen Lebensmitteln sind lange Ketten von Zucker enthalten – etwa in Brot, Reis und Teigwaren. Diese langen Ketten spaltet unser Verdauungssystem in einzelne Glukosemoleküle, die dann ins Blut aufgenommen werden. Und wenn der Blutzucker zwischen zwei Mahlzeiten absinkt, kann ihn der Körper sogar selbst herstellen: Er wandelt hauptsächlich in der Leber Abbauprodukte von Proteinen in Glukose um.

Die Komplizen des Zuckers

Obschon gemäss mehreren Untersuchungen ein Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und mentalen Störungen besteht, sagt Wyss: «Der Zucker selbst ist nicht schädlich für die Gehirnzellen.» Vielmehr macht er verschiedene indirekte Folgen des Zuckers für Probleme wie Depressionen oder schwächere Gedächtnisleistung verantwortlich. Beispielsweise das Fett, das der Körper aus überflüssigem Zucker herstellt. «Dieses führt zu Veränderungen der Gefässe und damit zu Durchblutungsstörungen im Gehirn, was eine schlechtere Gedächtnisleistung erklären kann», sagt Wyss. Als weiteren möglichen Schuldigen nennt er das Insulin. Dieses Hormon wird von der Bauchspeicheldrüse ausgeschüttet, wenn der Blutzuckerspiegel steigt. Es sorgt dafür, dass die Zellen im Gewebe den Zucker aufnehmen. Im Gehirn hat es aber weitere Funktionen: Es ist an Denkprozessen beteiligt und spielt eine Rolle beim Erinnerungsvermögen. Isst jemand viel Süsses, hat er einen konstant hohen Insulinspiegel. Das führt zu einer Gewöhnung – das Gehirn spricht nicht mehr richtig auf die Signale an. Zumindest in Tierversuchen führt dies zu schwächerer geistiger Leistung. «Es ist gut vorstellbar, dass derselbe Effekt auch bei Menschen eintritt», sagt der Zürcher Forscher.

Bis man verstanden habe, was der Zucker in unserem Körper genau anstelle, brauche es weitere Forschung, sagt Wyss. Und er selbst werde vorderhand dem süssen Stoff nicht abgeneigt sein. Denn der Zucker hat – im Mass genossen – auch seine guten Seiten: «Kurzfristig kickt ein Stück Schokolade nämlich die Gedächtnisleistung an», sagt Wyss. Also: eine hervorragende Wahl, rein damit!

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