«Eric, nicht dribbeln!»

Kickende Parlamentarier

Tobias Bär
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«Taktik? Das kannst du mit denen nicht machen.» Roger Hegi hat als Trainer den FC St. Gallen in den Cupfinal geführt. Heute dirigiert er die Spieler des FC Nationalrat. Hegi weiss, dass er seinen Feierabendfussballern nicht mit Gegenpressing und schnellem Umschaltspiel kommen muss. Deshalb: keine Taktik, einfach spielen lassen. «Wichtig ist, dass alle Spass haben. Auch der Gegner», sagt Hegi. Der Gegner, das ist im ersten Spiel des laufenden Jahres das Team Kultur-Legi, bestehend aus Männern und Frauen. Wo sind eure Frauen, Herr Nussbaumer? «Wenn wir informiert werden, dass der Gegner mit einem gemischten Team antritt, dann kontaktieren wir National- und Ständerätinnen», sagt der Baselbieter SP-Nationalrat, seit fünf Jahren Captain der kickenden Parlamentarier. Dies sei leider nicht der Fall gewesen. Dabei wären die fussballaffinen Politikerinnen an diesem Abend durchaus willkommen, hat doch der parteilose Ständerat und Frauenfussball-Gegner Thomas Minder («Mixed-Fussball macht keinen Spass») kurzfristig abgesagt.

So stehen also elf Männer auf dem Feld, und wer sie aus dem politischen Alltag kennt, dem scheint, sie stünden falsch. Der politische Rechtsaussen Pirmin Schwander beackert die linke Flanke. Sein SVP-Parteikollege Hannes Germann, im Ständerat für seine bedächtigen Voten bekannt, soll als einzige Sturmspitze Unruhe stiften. Regie im Mittelfeld führen Marco Romano (CVP) und Jonas Fricker (Grüne), die unter der Bundeshauskuppel selten matchentscheidende Pässe schlagen. Am ehesten wiederzuerkennen ist der Gewerkschafter Corrado Pardini, der mit zündrotem Kopf den Abräumer gibt. Die parteipolitische Zusammensetzung der Mannschaft entspricht in etwa den Stärkeverhältnissen im Parlament, die Konkordanz wird auch beim Fussball hochgehalten. «Der FC Nationalrat verbindet die Mitglieder der eidgenössischen Räte über sachpolitische Differenzen hinweg» – so beschreibt sich das Team selber. Das seien keine leeren Worte, versichert Eric Nussbaumer. Auf dem Fussballplatz lerne man die Ratskollegen von einer anderen Seite kennen und schätzen, was die politische Lösungssuche erleichtern könne.

Ob die Kollegen Nussbaumers fussballerische Risikofreude schätzen, ist hingegen fraglich. Als letzter Mann will er den gegnerischen Stürmer austanzen, Hegi schreit: «Eric, nicht dribbeln!» Ansonsten massregelt der Trainer seine Spieler selten. Er hat auch kaum Grund dazu, das Spiel des FC Nationalrat auf dem Kunstrasenteppich im Berner Stade de Suisse ist durchaus gepflegt. Dabei fehlt mit Marcel Dobler der Beste. Der St. Galler FDP-Nationalrat hat im vergangenen Jahr in acht Partien sagenhafte 17 Tore erzielt, die Kollegen sind voll des Lobes. Inzwischen setzt Dobler aber voll auf den Bobsport, Ziel ist die Teilnahme an den Olympischen Winterspielen 2018 in Südkorea. «Die Fussballeinsätze passen nicht in mein professionelles Trainingsprogramm, und das Verletzungsrisiko ist mir zu hoch.»

Anfänglich vermag niemand in Doblers Fussstapfen zu treten. Die Parlamentarier brauchen die Hilfe von zwei eingewechselten Externen. Der erste Treffe geht auf das Konto eines Lobbyisten, den zweiten erzielt der ehemalige Spitzenleichtathlet Mathias Rusterholz. Dann trifft GLP-Nationalrat Jürg Grossen zum 3:1, und der Mist scheint geführt. Das denkt auch Roger Hegi. Der Trainer fragt seinen Abwehrpatron Damian Müller ganz freundlich, ob er sich denn auch einmal auswechseln lassen wolle. Der FDP-Ständerat, mit 32 Jahren im besten Fussballeralter, ignoriert dies geflissentlich. Trotzdem geraten die Politiker am Ende noch ins Schwimmen, nur dank eines satten Weitschusses von Jonas Fricker gewinnen sie mit 4:3. «In der Frühjahrssession 2018 werde ich zurückkehren», sagt Marcel Dobler. Das muss er auch, wollen die Herren National- und Ständeräte gegen die Bundeshausjournalisten bestehen. Diese stehen für das kommende Jahr auf der Liste der Gegner.

Tobias Bär