Erbschaftssteuer trifft auch Mittelstand

Die Initiative für eine nationale Erbschaftssteuer sieht eine Freigrenze von 2 Millionen Franken vor. Mittelstandsfamilien erreichen diesen Betrag schnell einmal – ein Beispiel.

Rainer Rickenbach
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Bild: RAINER RICKENBACH

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Es ist ein Klassiker bei den Mittelstandsfamilien: Ein 67jähriger Witwer besitzt ein Haus im Wert von 1,4 Millionen Franken, zum Beispiel in der Stadt Luzern. Er hat fleissig abbezahlt, der Hypothekarkredit summiert sich auf bescheidene 200 000 Franken. Wegen seines schlechten Gesundheitszustandes hatte sich der Luzerner das gesamte Pensionskassenkapital von 800 000 Franken auszahlen lassen, als er in Rente ging. Der Steuerwert des Hauses, des Bargeldes und der Wertschriften summiert sich auf ein Vermögen von 1,9 Millionen Franken. Die Summe liegt also knapp unter der Schwelle von 2 Millionen Franken, bei der die nationale Erbschaftssteuer zu greifen begänne. Der Mann vermacht das gesamte Vermögen seinen drei Söhnen, die ebenfalls in der Stadt Luzern wohnen.

Es gilt höherer Immobilienwert

Die drei erleben beim Erbantritt aber eine Überraschung, falls die schweizweit einheitliche Erbschaftssteuer Tatsache wird. Denn mit dem Volksbegehren werden die Immobilien nicht zum heute üblichen günstigeren Steuerwert, sondern zum höheren Verkehrswert bewertet. Er sagt aus, wie hoch der handelsübliche Preis für das Haus und seine Lage beim Todestag des Vaters tatsächlich war. Das kann in Luzern eine halbe Million Franken Unterschied ausmachen. Das Erbvermögen macht dann einen Sprung auf 2,4 Millionen. Davon sind 2 Millionen Franken steuerfrei, die übrigen 400 000 Franken aber nicht zum Tarif von 2 Prozent, sondern zu 20 Prozent zu versteuern. Macht für die drei Nachkommen insgesamt 80 000 Franken. Was geblieben ist, ist der volle Abzug des Hypothekarkredites. Er ist auch im neuen Erbschaftssteuerregime vorgesehen.

Nach heute gültiger Erbschaftssteuer müssten die drei Brüder dank des tieferen Steuerwerts und -tarifs für das geerbte Haus 48 000 Franken bezahlen. Hätte ihr Vater zudem nicht in der Stadt Luzern, sondern in einem andern Zentralschweizer Kanton gewohnt, kämen sie als direkte Nachkommen sogar ganz steuerfrei weg. Denn die grosse Mehrheit der Kantone und Gemeinden der Schweiz kennt für direkte Nachkommen keine Erbschaftssteuer. «Viele glauben, 2 Millionen Franken sei ein Betrag, der bloss für reiche Familien eine Rolle spiele», sagt die Steuerberaterin Ruth Stadelmann. «Doch sobald Immobilien und ausbezahlte Pensionskassenersparnisse in der Erbmasse sind, erreichen auch Familien aus dem Mittelstand schnell einmal diesen Steuerfreibetrag.»

In Toplagen noch ausgeprägter

Die drei Erben in unserem Beispiel sind in der Lage, eine doppelt so hohe Steuer zu begleichen. Denn der Vater hatte immerhin 800 000 Franken auf der hohen Kante. Sparsamkeit werde mit der nationalen Erbschaftssteuer bestraft, kritisieren die Gegner der Initiative. Der Mittelstand komme mit seinem Steuerregime für Erben nicht schlechter, in Gemeinden und Kantonen mit Nachkommenerbschaftssteuern sogar besser weg, halten die Initianten dagegen.

Eine schlüssige Antwort liefert das Beispiel nicht. Hätte sich der Vater beim Renteneintritt topfit gefühlt, wäre vermutlich ein schöner Teil seines Sparkapitals in der Pensionskasse geblieben und in monatlichen Renten ausbezahlt worden. Der Fiskus wäre bei den Ersparnissen in der zweiten Säule leer ausgegangen.

Es hätte steuertechnisch für die Nachkommen aber noch viel schlimmer kommen können: Nämlich dann, wenn die Lage der Immobilie begehrt ist und die letzte Katasterschätzung schon lange zurückliegt. Dass sich der Verkehrswert des Grundstückes in zehn bis zwanzig Jahren verdoppelt oder gar verdreifacht, ist bei gut gelegenen Grundstücken nach einem Immobilienboom nicht ungewöhnlich.