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Er verliert kaum je die Fassung

Wenn der Nationalrat heute für mehr Rechte der Versicherten eintritt, tut er das auch dank Martin Lorenzon. Der Ombudsmann der Privatversicherer schreckte nicht davor zurück, die eigene Branche zu kritisieren.
Andrea Tedeschi
Ein unaufdringlicher Schaffer: Martin Lorenzon. (Bild: Colin Frei)

Ein unaufdringlicher Schaffer: Martin Lorenzon. (Bild: Colin Frei)

Er hat eine fröhliche Stimme, redet mehr als erwartet und tritt selbstbewusster auf als vermutet. Martin Lorenzon wird aus seinem Umfeld als Schaffer beschrieben, der sich lieber den juristischen Details widmet als seiner Inszenierung. Mit dunklem Anzug, Krawatte und Brille fügt er sich unaufdringlich ein in die Versicherungswelt, die vielen zu grau und trocken ist. Und wie sieht sich der 56-jährige Ombudsmann der Privatversicherungen und der Suva selbst? «Ich bin neutral.»

Das wird von ihm auch erwartet. Lorenzon schlichtet, vermittelt, rät, argumentiert und darf keine Seite bevorzugen. Zu ihm kommen Kunden, die mit ihren Versicherungen um Recht und Geld ringen. Der Schweizerische Versicherungsverband (SVV), der für die Branche lobbyiert, gründete die Stiftung in den Siebzigern und finanziert sie mit 1,4 Millionen Franken. Direktor Thomas Helbling sagt, die Ombudsstelle sei ein Zeichen dafür, wie wichtig den Versicherern die Rechte der Konsumenten seien. Als «Feigenblatt der Versicherer» sehen sie Konsumentenschützer. An Lorenzon prallt beides ab. «Ich muss neutral, aber gerecht bleiben.» Der Solothurner gehört keiner politischen Partei an. Er bleibt auch hier ein Mann der Mitte und unangreifbar. Es mag darum überraschen, dass er sich laut gegen die Forderung der Versicherungsbranche engagierte und sich auf eine Seite schlug.

Im letzten November wurde er wütend

Gelassen und ruhig wie Lorenzon an diesem Morgen dasitzt, glaubt man ihm, wenn er sagt: «Ich werde selten wütend.» So wie letzten November. Leicht aufgebracht redete er damals am Telefon über das revidierte Versicherungsvertragsgesetz (VVG), am längsten über den Artikel 35, der einer der schlimmsten Gesetzesartikel überhaupt sei. Dass Versicherer künftig Vertragsbedingungen jederzeit einseitig ändern dürfen und damit Konsumentenrechte geschwächt werden, quittierte er in der «NZZ» mit einem Rat an die Politiker: «Artikel 35 ersatzlos streichen.»

Kurz zuvor hatte sich eine bürgerliche Mehrheit der Wirtschaftskommission des Nationalrates zum zweiten Mal für den Artikel ausgesprochen - ausschliesslich Vertreter der FDP und SVP. Die über Monate andauernde und heftige Kritik von Rechtsexperten, Konsumentenschützern und Linken hatte die Parlamentarier kalt gelassen.

Kritik vom Konsumentenschutz

Lorenzon sagt, dass sein Sinn für Gerechtigkeit ihn angetrieben habe. Übel wird man ihm seine für einmal klaren Worte kaum nehmen. Von Links sowieso nicht. «Es war mutig, dass er sich kritisch zum Artikel geäussert hat. Er hat damit korrekt Stellung für die Versicherten bezogen», sagt Silva Semadeni, SP-Nationalrätin und Stiftungsrätin der Ombudsstelle. Dass die FDP offiziell nun eine Kehrtwende macht und der SVV nicht mehr am umstrittenen Artikel festhält, will sich Lorenzon nicht selbst zuschreiben. «Es gab da andere», sagt er. Fast beiläufig erwähnt er, dass der Verband ihn nach seiner Kritik kontaktierte. Er will es jedoch nicht als Einmischung sehen. «Thomas Helbling wollte mit mir diskutieren. Soweit aber jemand nicht überzeugt ist, kann man ihn ja noch überzeugen.» Helbling selbst sagt, er habe verstehen wollen, wieso ein Praktiker wie Lorenzon dem Vorschlag des Bundesrates nicht folge.

Für Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung Konsumentenschutz, ist lediglich der Zeitpunkt für den bürgerlichen Rückzug massgebend: «Nach unserem Dafürhalten sind die nahen Wahlen das Druckmittel. Kein Volksvertreter will mit einem solch unpopulären Entscheid im Herbst die Wiederwahl gefährden.» Über die Ombudsstelle sagt sie, dass sie im Gegensatz zu anderen zu wenig unabhängig sei und zu wenig bekannt. Die gesetzliche Grundlage und Kontrolle fehlten. Es ist nicht das erste Mal, dass man Lorenzon Befangenheit vorwirft. Er winkt ab. «Unsere Erfolgsquote liegt bei fast 70 Prozent. Wir sind eine Schlichtungsstelle und kein Gericht.» Dort dauert ein Fall wesentlicher länger und kostet.

Die Kritik der Konsumentenschützer trifft ihn persönlich mehr. «Ich muss doch das Machtgefälle ausgleichen. Ich helfe den Versicherten und nicht den Versicherungen.» Im letzten Jahr bearbeiteten er und seine fünf Mitarbeiter, Juristen wie er, rund 3200 Fälle bei 20 Millionen Versicherungsverträgen. «Das ist nur ein kleiner Teil», sagt er. Bekannter muss die Ombudsstelle für ihn dennoch nicht sein. Er glaubt, dass die Versicherer die Kunden mehr brauchen als früher und besser mit ihnen umgingen. «Sonst wäre ihr Image in der Bevölkerung viel schlimmer.»

Die prägende Erfahrung am Bezirksgericht

Dass Martin Lorenzon seit 18 Jahren bei er Ombudsstelle arbeitet, hat eine Menge mit seiner Persönlichkeit zu tun. Er merkte rasch, dass ihm das Versöhnliche mehr liegt als das Konfrontative. Nach dem Studium an der HSG in St. Gallen und dem Anwaltspatent machte er ein Praktikum am Lenzburger Bezirksgericht und erlebte viele Ehepaare, die sich bekriegten. Er wusste bald, dass er bestimmt nicht Scheidungsanwalt wird, auch nicht Staatsanwalt oder Strafverteidiger. «Ich will Menschen lieber helfen als sie verurteilen.» Dass er zur zuerst zur Rechtsschutzversicherung ging und später zu Ombudsstelle, hat nicht nur mit der Vielfalt der Themen zu tun. Er ist freier darin, wie er argumentieren, verhandeln, abwägen und überzeugen kann.

Auch wenn die Neutralität diese Freiheit ein wenig einschränkt.

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