ENTFÜHRUNG: Nicht ohne meinen Sohn

Der Ex-Mann verschleppt ihren Sohn 1981 nach Indien. Beatrix Smit mobilisiert alle Kräfte, um Simon in die Schweiz zurückzuholen. Ein aktueller Artikel über Kindsentführungen wühlt sie auf.

Kari Kälin
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Eine filmreife Nummer: Beatrix Smit riskierte viel, um ihren Sohn Simon wiederzusehen. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 23. Mai 2017))

Eine filmreife Nummer: Beatrix Smit riskierte viel, um ihren Sohn Simon wiederzusehen. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 23. Mai 2017))

Kari Kälin

Das schönste Kompliment, das Beatrix Smit (64) erhalten hat, stammt von ihrem Sohn. «Ich bin dankbar und beeindruckt», sagt Simon Smit (38). In der Tat zog seine Mutter eine abenteuerliche Nummer durch. Mit Hilfe von zwei Privatdetektiven holte sie ihren Simon im Sommer 1983 von Indien zurück in die Schweiz. Ex-Mann Anil hatte ihn im November 1981 nach Bombay verschleppt. Ein Artikel in der «Ostschweiz am Sonntag» über die Zunahme von Kindsentführungen wühlt Smit auf. Sie meldet sich bei unserer Zeitung, erzählt ihre Geschichte, weil sie Betroffene ermuntern will, für ihre Kinder zu kämpfen. Koste es, was es wolle. In ihrer Wohnung in Luzern erinnert sie sich an das filmreife Drama, als wäre es gestern passiert.

Smit wächst in der Flower-Power-Epoche auf, freie Liebe und Partnerwechsel prägen den Zeitgeist. Die Kauffrau ist 24-jährig, als sie 1977 zu einer spirituellen Reise nach Indien aufbricht und in Bombay Anil begegnet, dem Sohn einer wohlhabenden Familie, der Smit bieten kann, wonach sie sich sehnt: Eine stabile Beziehung und das Versprechen, eine Familie zu gründen. Wenige Monate später, im Juli 1977, heiraten die beiden in Bombay. 4000 Gäste sind eingeladen zum dreitägigen, pompösen Hochzeitsfest nach indischem Brauch. Anils Familie empfängt Smit mit offenen Armen. «Damals stimmte es», sagt sie. Das Paar zieht Ende 1977 nach Zug.

Zu Beginn funktioniert die Ehe. Im März 1979 kommt Asheesh, der später Simon heisst, auf die Welt. Das Leben in der Schweiz bereitet Anil Mühe, die kulturellen Unterschiede sind gross. Als Angehöriger der obersten Kaste geniesst er in Indien Chefstatus. In der Schweiz sieht er sich degradiert zum Hilfsarbeiter, der mal an einer Tankstelle oder bei einer Elektrofirma einen Job findet. Anil fängt an zu trinken, umgibt sich mit falschen Freunden, verjubelt beim Spielen Monatslöhne, eröffnet ein unrentables Kleidergeschäft. Den dazu nötigen Bankkredit erschleicht er sich mit der gefälschten Unterschrift seiner Frau. Im November 1980 scheidet sich das Paar. Die Mutter erhält das Sorge- und der Vater ein Besuchsrecht. Beatrix Smit spürt, dass Anil Heimweh plagt – und hat Angst, er könnte mit Asheesh in einer Nacht-und-Nebel-Aktion durchbrennen. Sie kontaktiert Mütter, deren Kind vom Ex-Mann entführt wurde, zum Beispiel Irene Salah Hiltbrunner. Die damals 34-jährige Bielerin tritt am 24. November 1981 in einen Hungerstreik. Sie kämpft für ihre Söhne, die der jordanische Ex-Mann nach Ägypten verschleppt hat. Bloss vier später Tage ist Smit Leidensgenossin.

Mahnwache und ein Brief an Bundesrat Furgler

Im besseren Fall, denkt sie sich am Abend des 28. Novembers, sind ihr Ex und ihr Sohn mit dem Töffli in einem Graben gelandet und haben nur Verspätung. Es tritt das schlechtere Szenario ein. In Italien hat Anil für Asheesh heimlich einen gefälschten Pass besorgt. Die beiden befinden sich auf dem Flug von Genf nach Bombay. Smit schaltet am 29. November die Polizei ein. Erst nach einigen Tagen erfährt sie, dass ihr Ex mit dem Kind bei den Schwiegereltern lebt.

Smit startet zu einem Marsch durch die Behörden, klopft bei wohltätigen Institutionen an, organisiert an Weihnachten 1981 mit anderen betroffenen Müttern eine Mahnwache vor der Hofkirche in Luzern. Später beklagt sie sich in einem Brief an Bundesrat Kurt Furgler, das Recht auf ihr Kind höre offenbar an der Schweizer Grenze auf. In der Tat versagen die offiziellen Kanäle. Es gibt kein Abkommen mit Indien, das es ermöglichen würde, Asheesh der Mutter zurückzugeben. Smit ist gesundheitlich angeschlagen, verliert ihren Job, mobilisiert aber alle Kräfte, um ihren Sohn wieder in die Arme schliessen zu können.

Das Thema Kindsentführung, auch Smits Fall, schlägt damals medial hohe Wellen. Das ist auch das Verdienst der im Januar 1982 gegründeten «Schweizer Gruppe gegen Entführungen von Kindern». Die Fäden laufen in Biel im Café Brésil von Monique Werro zusammen. Eine ihrer Gäste ist Irene Salah. Werro realisiert, wie machtlos Mütter bei Kindsentführungen sind, hinter denen meistens die ausländischen Väter stecken. Werro engagiert Privatdetektive, welche die verschleppten Kinder zurückbringen. Sie brechen nur dann zu ihrer Mission auf, wenn ein Schweizer Gericht dem allein zurückgelassenen Elternteil das Sorgerecht zugesprochen hat.

Werros Organisation ist Smits letzter Strohhalm. Die Operation Rückentführung ist aber ein teures Unterfangen. Smit muss 20000 Franken auftreiben, damit die Privatdetektive Willy Kantorik und Vladimir Vostrel überhaupt in Aktion treten. Einen grossen Teil der Summe bettelt sie von Haustür zu Haustür zusammen, quasi mit Crowdfunding im Vor-Internet-Zeitalter. Am 14. August 1983 fliegt das Trio nach Bombay.

Kantorik ist eine schillernde Figur. Seinen Widerstand gegen die russische Armee beim Prager Frühling büsst der tschechische Luftwaffenoffizier mit der Deportation in den Gulag, aus dem er spektakulär entkommt. 1974 flieht er in die Schweiz und eröffnet ein Elektrogeschäft. Nebenbei schleust er Menschen durch den Eisernen Vorhang in den Westen. In seiner Karriere als Kindsrückentführer holt er gegen 300 Kinder in die Schweiz zurück. Den Kettenraucher mit exorbitantem Coca-Cola- und Espressokonsum zeichnen Schlauheit und kühles Blut aus – Eigenschaften, die in Indien matchentscheidend sind. Bei Asheeshs Rückentführung stellen sich immer wieder neue Hindernisse in den Weg.

Die Probleme beginnen am indischen Zoll. Die Wärter händigen den Detektiven den Fiat 132 nicht aus, den sie von der Schweiz nach Indien verschifft haben. Vladimir fliegt zurück, beschafft die nötigen Papiere. Ein eigenes Fluchtfahrzeug ist unerlässlich. Anils Vater ist als Politiker im Bundesstaat Maharashtra für den Verkehr verantwortlich. Er könnte Ausreisesperren verhängen, wenn Anil ahnt, dass Beatrix Smit Asheesh heimlich in die Schweiz zurückschleust. Smit und die Detektive werden deshalb mit Asheesh nach Sri Lanka fahren müssen. Ein Mietfahrzeug kommt nicht in Frage. Damals durfte man in Indien Autos nur samt Chauffeur buchen. Einen unbekannten Einheimischen in den kühnen Plan einzuweihen, ist zu riskant.

Der Sohn erkennt seine Mutter sofort wieder

Zuerst heisst es einige Tage warten. Smit und die Privatdetektive logieren in einem Hotel. Doch wie soll sie den Kontakt zu ihrem Sohn herstellen? Bruder Zufall eilt zu Hilfe. Auf dem Schweizer Konsulat in Bombay begegnet Smit völlig unerwartet ihrem Ex-Mann. Es ist ein Schreckmoment. Fliegt jetzt alles auf? Kantorik reagiert geistesgegenwärtig. Er zückt ein Kärtchen, das ihn als Arzt von Kalkutta ausweist. Smit helfe ihm beim Transport von medizinischen Geräten von der Schweiz nach Indien, gaukelt er vor. Anil schöpft keinen Verdacht, lädt Beatrix ein, bei seiner Familie zu wohnen. Nach mehr als eineinhalb Jahren sieht sie endlich wieder ihren Sohn Asheesh. Er spielt mit einem Holz an einem Bächlein, als er seine Mutter von weitem erblickt und sich zunächst hinter dem Sofa in der Stube verkriecht.

Doch Beatrix ist erleichtert. Sie realisiert sofort: Asheesh, der nur noch Hindi und Englisch spricht, hat sie wiedererkannt. Anfänglich scheu, findet er rasch den Draht zu seiner Mutter. Diese macht im Haus ihrer Ex-Schwiegereltern nun gute Miene zum bösen Spiel. Sie mimt die Wiederverliebte, die Anil zurückgewinnen möchte. Die Nervenprobe ist der reinste Horror. Ständig in Alarmbereitschaft, schläft Smit auf ihrer Handtasche, in der sie mehrere vorgefertigte Pässe versteckt. Ihr Ex-Mann darf sie keinesfalls entdecken. Wenn der Plan auffliegt, sind auch die Detektive in Gefahr.

Schlafmittel für die Grenzübergänge

Doch wie organisiert man, ohne Mobiltelefon, eine Flucht von Indien in die srilankische Hauptstadt Colombo? Mit den Detektiven vereinbart Smit, dass sie jeden Tag zur gleichen Zeit am gleichen Ort mit Asheesh auftaucht. Es ist ein Kiosk in der Nähe von Anils Elternhaus. Selbst bei Monsunregen verlassen Mutter und Sohn das Haus –zur Verwunderung der Ex-Schwiegereltern. Den Braten riechen sie dennoch nicht. Zehn Tage nach dem Wiedersehen mit ihrem Sohn ist es so weit. Die Detektive warten mit dem Auto am vereinbarten Ort. Jetzt beginnt die Flucht, eine dreitägige, mehr als 2000 Kilometer lange Fahrt über Sandstrassen. Die Detektive verabreichen Asheesh Schlafmittel, bevor sie die Grenze eines Bundesstaates überqueren. Es würde auffallen, wenn ein Bub in einem Auto mit Schweizer Kennzeichen Hindu redet. Das Quartett übernachtet in teuren Hotels, um nicht aufzufallen.

Als es endlich das Schiff nach Sri Lanka erreicht, ist es ausgebucht. Jetzt hilft nur noch Geld. Die Detektive schmieren den Fährmann mit einem Jahreslohn. Beim Grenzübergang lenkt Kantorik die Grenzwächter ab und gibt Beatrix und Asheesh das Signal: «Lauft unter dem Schlagbaum durch.» Dann befinden sich Mutter und Sohn auf sri-lankischem Boden. Jetzt können sie aufatmen: Die generalstabsmässig geplante Rückentführung ist geglückt.

Am 13. September kehrt Smit mit ihrem Sohn, der fortan Simon heisst, mit einem Flug von Colomba zurück in die Schweiz. Die lokale Presse schildert den waghalsigen Coup mit vielen Details. Smit will sensibilisieren. Kämpft dafür, dass das Thema Kindsentführungen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit eindringt. Vorerst finden Smit und Simon Unterschlupf im Haus Bernarda bei den Menzinger Schwestern in Luzern. Smit ist dankbar, dass sie dort ein Jahr lang für Kost und Logis arbeiten darf.

Simon lässt sie nicht mehr aus den Augen. Bis er erwachsen wird, lebt sie in ständiger Angst, er könnte ihr wieder gestohlen werden. Die Furcht ist berechtigt. Eigentlich möchte Smit einen normalen Kontakt zu Anil wahren. Doch ihr Ex-Mann kündigt am Telefon an, in die Schweiz zu fliegen und alle umzubringen. Die Drohungen lassen im Verlauf der Zeit nach, doch die Rache des düpierten Vaters schwebt wie ein Damoklesschwert permanent in der Luft. 1984 zieht Smit mit Simon nach Zürich und nimmt eine Stelle bei der ABB an. Die Behörden erlauben ihr einen Namenswechsel. Wegen ihrer Sicherheit. Beatrix und Simon heissen jetzt Meyer.

Die Rückholaktion verschlingt insgesamt 89 000 Franken. Bis auf den letzten Rappen stottert die alleinerziehende Mutter mit knappen Budget die Schulden in den kommenden Jahren ab. Rund 25 000 Franken stammen aus Spenden von Privatpersonen, aber auch von ehemaligen Arbeitgebern und kirchlichen Kreisen. Ihren Ex-Mann hat Smit direkt nach der Flucht kontaktiert. Sie informiert ihn regelmässig über Simon. Der Bub, der anfänglich im Tram noch versteht, worüber indische Touristen sprechen, findet sich in der Schweiz schnell zurecht. Er kickt beim FC Unterstrasse, fühlt sich wohl im Hort, unternimmt viel mit den Grosseltern und seinen Cousins und Cousinen, erlebt eine glückliche Kindheit. Simon absolviert eine Lehre als Koch, holt später die Matura nach und studiert an der Fachhochschule Winterthur Kommunikation. Heute ist er erfolgreicher Werbetexter. Seit einem Jahr ist er verheiratet.

Elisabeth Kopp legitimiert die Rückholaktionen

Während Beatrix Smit und Simon in der Schweiz wieder Fuss fassen, sieht sich der Bundesrat zum Handeln gezwungen. Auch wegen Werros «Schweizer Gruppe gegen die Entführung von Kindern», welche Kindsentführungen unermüdlich öffentlich anprangert. Der Bundesrat beschleunigt die Ratifizierung der Haager Vereinbarung zu Kindsentführungen. Das Abkommen tritt am 1. Januar 1984 in Kraft. Der Bundesrat verweigert Werros Organisation finanzielle Unterstützung, weil bei Gegenentführungen regelmässig das Recht anderer Länder verletzt werde. Im März 1987 legitimiert aber die damalige Justizministerin Elisabeth Kopp indirekt die waghalsigen Rückholaktionen der Gruppe: «Wahrscheinlich würde ich in einer ähnlichen Situation auch die Hilfe einer solchen Organisation in Anspruch nehmen, wenn es mir sonst nicht möglich wäre, auf rechtlichem Weg zu meinem Kind zu kommen.»

Tatsächlich führt in vielen Fällen nur der Weg über Werros Organisation zum Erfolg. Detektiv Kantorik operiert in den 1980er-Jahren vor allem in Italien und Spanien. 1986 schreibt er unter dem Pseudonym Josef Melnik zusammen mit dem Bieler Journalisten Paul Coudret ein Buch über seine Husarenstücke. «In entscheidenden Momenten fallen mir Dinge ein, die Menschen mit Panik nicht in den Sinn kommen», sagt er. Kantorik kommt 2002 mit 61 Jahren unter mysteriösen Umständen in Prag ums Leben. Vor einem Friedhof wird er in seinem Auto tot aufgefunden, mit einer Kugel im Kopf. Die tschechischen Behörden haken den Fall nach einem Jahr erfolgloser Ermittlungen als Suizid ab. Bekannte Kantoriks wie Monique Werro trauen dieser Version nicht, sie glauben an einen Mord. Werro löst ihre Anti-Entführungsgruppe im Jahr 2000 auf. «Das Geld ist uns ausgegangen», sagt die 79-Jährige, die heute in Brienz das Seehotel Bären führt und öffentlich für ein nationales Burkaverbot kämpft.

1998 stirbt Anil. Während in Indien das Begräbnis stattfindet, veranstaltet Smit in der Schweiz zeitgleich eine Abschiedsfeier. Trotz allem ist Anil der Mann, den sie einmal geliebt hat. Sie hätte ihm ein schöneres Leben gegönnt. Aber er habe sich selber in seine missliche Lage manövriert. Der Entscheid, Simon zurückzuholen, fiel ihr nicht leicht. Sie fürchtete, er könnte Schaden nehmen, wenn sie ihn aus seiner Umgebung in Indien herausreisst. Die Sehnsucht nach Simon wischen die Zweifel weg. Smits Botschaft an die heute jährlich rund 100 Mütter und Väter, die von Kindsentführungen betroffen sind, lautet: «Wenn der Entschluss gefasst ist, das Kind zurückzuholen, muss man das durchziehen.»

Simon Smit, damals 4,5-jährig, erinnert sich an die spektakuläre Rückentführung. Dass sie ihm ihre Pistolen zeigten. Dass sie mit ihm herumgealbert haben. Dass sie das Fluchtauto in Sri Lanka im Meer versenkten, weil es ihnen niemand abkaufen wollte. In der Schweiz verspürt er nie den Drang, seinen Vater zu treffen. Schliesslich war er es, der ihn seiner Mutter entriss. Und schuld daran, dass er Simon Meyer heisst. Ein Name, den er uncool findet. Im Teenageralter wechseln sie zu Smit, zu Beatrix’ Ledignamen zurück. Seiner Mutter zollt Simon riesigen Respekt: «Sie hat etwas geleistet, zu dem nur die wenigsten Menschen den Mut hätten.»