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ENGAGEMENT: Milizsystem unter Druck

Wer ein Milizamt bekleidet, erhält in vielen Unternehmen in der Schweiz Unterstützung. Dennoch scheint die Begeisterung für nebenberufliches Engagement nicht zu wachsen.

Wer in den Gemeinderat, die Schulpflege oder die Einbürgerungskommission will, hat in den meisten Orten der Schweiz keine grosse Konkurrenz zu befürchten. Im Gegenteil: Die Hälfte der Gemeinden haben Mühe oder grosse Mühe, genügend Leute für solche Ämter zu finden, wie erste Ergebnisse der jüngsten Gemeindeschreiberbefragung der Universitäten Bern und Lausanne zeigen.

Das Milizsystem wird immer wieder gelobt als Säule der Schweizer Demokratie. Doch in der Praxis fehlen vielerorts Personen, die sich für ein Amt zur Verfügung stellen. Viele Angefragte begründen ihre Absage mit fehlender Zeit und der zu hohen beruflichen Belastung. Dabei bieten viele Unternehmen spezielle Regelungen an für Angestellte, die ein öffentliches Amt übernehmen wollen. Eine Umfrage unserer Zeitung unter 16 der grössten Arbeitgeber der Schweiz gibt eine Übersicht. Ein verbreitetes Instrument sind flexible Arbeitszeiten: Wer im Gemeinderat sitzt, kann sich für eine Sitzung aus dem Büro verabschieden. Dafür bleibt er an einem anderen Tag länger. Auch die Möglichkeit von Home Office kann eine Erleichterung sein. Einige Arbeitgeber gehen noch weiter und erlauben es Angestellten, einen Teil ihrer Arbeitszeit für ihr Amt aufzuwenden. Bei den SBB, der Post sowie der Bundesverwaltung dürfen sie pro Kalenderjahr bis zu 15 bezahlte Tage einsetzen, die Credit Suisse, Zurich und Julius Bär geben 20 Prozent der Arbeitszeit als Limit an.

Der Politikwissenschaftler Andreas Ladner von der Universität Lausanne begrüsst solche Massnahmen. Zugleich gibt er zu bedenken, dass es oft Unterschiede gebe zwischen der Theorie und der Praxis. Bei Stellenbesetzungen könnte ein Vorgesetzter geneigt sein, den Kandidaten einzustellen oder zu befördern, der dem Unternehmen zu 100 Prozent zur Verfügung steht, anstatt jenen, der zwar den vollen Lohn bezieht, sich aber 20 Prozent der Arbeitszeit mit Lokalpolitik beschäftigt.

Milizamt bringt neue Sicht auf Probleme

Die angefragten Unternehmen streichen die Vorteile heraus, welche ein Milizamt für den Mitarbeiter und auch für den Arbeitgeber bringt: zusätzliche Kompetenzen, Führungserfahrung, eine neue Sicht auf Probleme. «Als Angestellter muss man aber zuerst den Tatbeweis dafür erbringen», so Ladner. Julius Bär geht deshalb einen Schritt weiter: Die Privatbank ermuntert ihre Mitarbeiter nicht nur ausdrücklich zum Engagement im Rahmen eines öffentlichen Amts oder in einer karitativen Organisation, sondern berücksichtigt dies auch bei der Leistungsbeurteilung. Wer im Gemeinderat sitzt, hat also bei sonst gleichen Voraussetzungen bessere Karten, befördert zu werden. Zeigen die Massnahmen Wirkung? Die Antworten der befragten Arbeitgeber zeigen kein klares Bild. Von den wenigen, die konkrete Zahlen nennen, stellt die Post die meisten Amtsträger, nämlich 1079, was 2,5 Prozent der Belegschaft entspricht. Der Trend der letzten Jahre weist auf eine Zunahme hin. Auch bei Novartis beobachtet man «nach einem Rückgang der Milizarbeit vor einigen Jahren wieder ein zunehmendes Engagement» der Mitarbeiter. Demgegenüber ist bei den SBB der Anteil der Angestellten mit einem Milizamt auf 1,1 Prozent oder 320 Personen gesunken. Und Migros-Mediensprecher Luzi Weber sagt: «Im Vergleich zu früher stellen sich nach unserer Wahrnehmung weniger Leute für Aufgaben im Milizsystem zur Verfügung.»

In den letzten Jahren hat der Anteil Teilzeitstellen in der Schweiz kontinuierlich zugenommen. Zugleich bieten Arbeitgeber zunehmend flexible Arbeitszeiten an. Dies sollte die Vereinbarkeit von Arbeit und Miliztätigkeit eigentlich erleichtern. «Aber es gibt heute eben noch ganz viele andere Dinge, die man mit seiner Zeit machen kann, statt in der Schulpflege zu sitzen», sagt Andreas Ladner. Für ihn ist klar, dass die Probleme des Milizsystems gesellschaftlich bedingt sind. «Es fehlt die Wertschätzung. Die meisten Schweizer finden das Milizsystem zwar gut, honorieren die Arbeit der Milizpolitiker aber nicht, sind nur bedingt bereit, etwas dafür zu bezahlen, und stellen gleichzeitig hohe Ansprüche an die Qualität.» Die Arbeitgeber könnten einen Beitrag zur Stärkung des Milizsystems leisten. «Aber sie haben keinen Einfluss darauf, wie attraktiv die öffentlichen Ämter sind», so Ladner.

Lukas Leuzinger

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