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ENERGIEWENDE: Entwicklungsland Schweiz

Der Anteil des Windstroms am Schweizer Strommix ist verschwindend klein. Das soll sich mit der Energiestrategie ändern. Doch neue Anlagen stossen in der Bevölkerung auf Widerstand.
Tobias Bär
4 der insgesamt 16 Turbinen, die im grössten Windpark der Schweiz auf dem Mont Crosin stehen. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone (Col du Mont-Crosin, 3. August 2016))

4 der insgesamt 16 Turbinen, die im grössten Windpark der Schweiz auf dem Mont Crosin stehen. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone (Col du Mont-Crosin, 3. August 2016))

Tobias Bär

«Wir wollen nicht die Windenergie bekämpfen. Wir wollen den Lindenberg schützen!», sagt Heiri Knaus. Der Lindenberg, das ist ein Hügelzug beim Hallwilersee, auf seinem Kamm treffen sich die Kantone Aargau und Luzern. Der höchste Punkt liegt auf 878 Meter über Meer. Hier soll aus der abstrakten Rede von der Energiewende etwas Handfestes, gut Sichtbares werden. Hier sollen in Zukunft Rotorblätter im Wind drehen und erneuerbare Energie liefern. Dies quasi vor der Haustüre von Energieministerin Doris Leuthard. Ihr Wohnort Merenschwand liegt ganz in der Nähe.

Das Haus von Heiri Knaus steht in Hämikon, auf der Luzerner Seite des Lindenbergs. Er ­erwartet einen markanten Wertverlust, wenn die Giganten in der Nähe in den Boden getrieben werden. Er sorgt sich zudem um das Grundwasservorkommen. Auch die Schallemissionen der Windturbinen treiben ihn um. Und so kämpft Knaus mit dem Verein «Pro Lindenberg» gegen das Projekt. Ein Projekt, das gemäss seiner Rechnung gar nicht rentabel sein kann. Zu schwach blase der Wind. Dass die federführenden Energieunternehmen dem Lindenberg aufgrund von Messungen ein «Windkraftpotenzial» attestieren, kann er nicht nachvollziehen. «Wir haben hier einen Modellflugverein. Die fliegen das ganze Jahr. Würde es hier regelmässig stark winden, wäre das gar nicht möglich.»

20 Nein-Stimmen gefährden zehn Jahre Planung

Bei der Windenergie ist die Schweiz ein Entwicklungsland. Derzeit stehen hierzulande 37 grosse Windräder, 16 davon alleine im Windpark auf dem Mont Crosin im Berner Jura. Diese Anlagen decken heute 0,2 Prozent des Schweizer Stromverbrauchs. Mit dem schrittweisen Ausstieg aus der Kernkraft soll der Anteil in den nächsten drei Jahrzehnten auf bis zu zehn Prozent steigen. Gemäss der Rechnung der Stiftung Landschaftsschutz bräuchte es dafür 800–1000 Windturbinen. «Das ist absolut unrealistisch», sagt Geschäftsleiter Raimund Rodewald.

Die Landschaftsschützer stehen hinter der Energiestrategie, gleichzeitig kämpfen sie manchenorts an vorderster Front gegen neue Anlagen. So beim Projekt Mollendruz in der Waadt. Während zehn Jahren hatte eine Gesellschaft unter Beteiligung des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich (EWZ) am Projekt eines Windparks gearbeitet. Vorletzte Woche sagte eine der betroffenen Gemeinden Nein zum Umzonungsplan, mit 20 zu 11 Stimmen. Diese 20 Stimmen lassen die Realisierung des Windparks höchst ungewiss erscheinen, das EWZ will die «neue Ausgangslage in den kommenden Wochen vertieft analysieren». Rodewald sagt: «Wir sind für einen Ausbau der Windenergie. Aber natur- und landschaftsverträglich ist dies nur in einem viel kleineren Umfang möglich, als dies die Strategie des Bundes vorsieht. Die Schweiz ist kein Windenergieland.»

Reto Rigassi hält das Zehn-Prozent-Ziel hingegen für durchaus realistisch. Er ist Geschäftsführer von Suisse Eole, der ­Vereinigung zur Förderung der Windenergie in der Schweiz. «Klar, die Windenergie wird in der Schweiz nie einen gleich hohen Anteil haben wie in Deutschland oder Dänemark. Aber sie ist auch hierzulande unverzichtbar», sagt Rigassi. Der Wind blase insbesondere in den Wintermonaten, sei damit eine wichtige Ergänzung zur Wasserkraft und zum Solarstrom. «Der Ausbau ist eine Frage des Willens.» In der direktdemokratischen und föderalistischen Schweiz ist es mit purem Willen aber nicht getan. Es gilt, die Bevölkerung abzuholen.

«Wir planen nicht im stillen Kämmerlein»

Genau das versuchen die Verantwortlichen des Windparkprojekts auf dem Lindenberg am vergangenen Mittwochabend. Sie stehen vor der Turnhalle von Beinwil, einer Aargauer Gemeinde am Osthang des Lindenbergs, und begrüssen jeden, der zur Infoveranstaltung erscheint. Heiri Knaus geht grusslos vorbei. Er hat eine Reihe von kritischen ­Fragen vorbereitet. Und Flyer mit einer Aufnahme des Lindenbergs, per Fotomontage mit elf Windturbinen «verschandelt».

In ihrer Präsentation sorgen die Verantwortlichen dann gekonnt dafür, dass die Emotionen nicht hochkochen. Sie nennen gleich selber alle Argumente, die gegen den Windpark vorgebracht werden können und die sie aus Interviews mit den Interessengruppen gewonnen haben: Die Auswirkungen auf das Grundwasser, auf Vögel und Fledermäuse, der Schattenwurf, der Schall, die Wirtschaftlichkeit – alles kommt auf den Tisch. «Wir planen nicht im stillen Kämmerlein», heisst es mehrfach, «wir wollen das Projekt gemeinsam mit Ihnen angehen.» Die Betroffenen könnten sich über eine Begleitgruppe einbringen – auch der Verein von Heiri Knaus ist eingeladen. Angaben zur genauen Anzahl und zur Grösse der Turbinen liessen sich erst nach Abschluss dieser Gespräche in rund einem Jahr machen, heisst es von Seiten der Windpark Lindenberg AG.

Diese Zurückhaltung kommt beim anschliessenden Apéro nicht nur gut an: Die Promotoren führten seit Jahren Windmessungen durch, hätten bestimmt schon konkrete Vorstellungen von ihrem Windpark. «Und wir gehen mit leeren Händen nach Hause. Das ist oberschwach!», sagt einer zwischen zwei Bissen.

Tiefere Hürden dank neuem Energiegesetz

In den meisten Fällen müssen Windkraftprojekte Volksabstimmungen auf lokaler Ebene überstehen. Und wenn diese Hürde übersprungen ist, dann bleibt den Gegnern immer noch der Rechtsweg. Erleichterung erhofft sich Rigassi vom Energiegesetz, das seit Anfang Jahr gilt. Neu ist der Ausbau erneuerbarer Energien von «nationalem Interesse» und damit gleichrangig wie der Schutz der Naturdenkmäler. «Windkraftanlagen werden aber auch in Zukunft wenn immer möglich ausserhalb von Schutzgebieten geplant», sagt Rigassi. Dabei hofft er auf das Entgegenkommen der Umweltverbände und darauf, dass diese nach dem Volks-Ja zur Energiestrategie etwas von ihrer «harten Linie abrücken». Rodewald wiederum sähe es gerne, wenn die Anlagen in der Nähe von Infrastruktur- oder Industriegebieten statt auf Bergkreten realisiert würden. Zum Lindenberg, der nicht zu den besonders geschützten Landschaften zählt, sagt Rodewald: «Dieses Projekt ist für uns nicht ausgeschlossen.»

Nicht so für Heiri Knaus. Mit seinem Verein «Pro Lindenberg» will er in den Dörfern rund um den Hügelzug eigene Veranstaltungen durchführen. Das Säli im Restaurant Kreuz in Beinwil ist für den 20. Februar schon reserviert. «Wir werden alle Mittel ausschöpfen», sagt Knaus. Auch die Windpark Lindenberg AG rechnet mit einem langen Kampf. Ein Vertreter meinte nach der Veranstaltung von letzter Woche: «Wir stellen uns darauf ein, dass es bis vor Bundesgericht geht.»

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