Endlager schaden – und nützen

Eine Studie zeigt, wo Atomendlager Probleme bereiten können. Einen Vergleich zwischen den möglichen Standorten ziehen die Autoren nicht. Aber: Ein Tiefenlager verscheuche nur wenige Touristen und sei sogar selbst eine Attraktion.

Vanessa Buff/Zeno Geisseler
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Atommüll-Zwischenlager im deutschen Gorleben: Der radioaktive Abfall in den Castor-Behältern kann zurückgeholt werden. (Bild: dapd/Roland Magunia)

Atommüll-Zwischenlager im deutschen Gorleben: Der radioaktive Abfall in den Castor-Behältern kann zurückgeholt werden. (Bild: dapd/Roland Magunia)

BERN. Welche Auswirkungen hat ein Tiefenlager für radioaktive Abfälle auf die umliegende Region? Dieser Frage geht eine sozioökonomisch-ökologische Wirkungsstudie, kurz SÖW, auf den Grund. Nach fast vier Jahren Arbeit wurden die Resultate der Studie gestern in Bern der Öffentlichkeit vorgestellt. Doch wer sich davon einen Vergleich zwischen den sechs möglichen Standortregionen oder gar eine wegweisende Rangordnung erhofft hatte, wurde enttäuscht. «Entscheidend für die Auswahl des Tiefenlager-Standorts ist die Sicherheit. Die SÖW aber hat mit dieser Frage nichts zu tun», machte etwa Simone Brander vom Bundesamt für Energie (BFE), welches die SÖW in Auftrag gegeben hatte, klar. Ziel der Studie sei vielmehr, frühzeitig auf Probleme in den einzelnen Regionen hinzuweisen, damit – stehe der Standort dereinst fest – schnell reagiert werden könne.

Unterschiedliche Ergebnisse

Untersucht wurden in der SÖW die wirtschaftlichen, ökologischen und gesellschaftlichen Auswirkungen auf den Standort der Oberflächenanlagen sowie auf die gesamte Standortregion. Dazu wurden über 40 Indikatoren, also objektiv messbare Grössen wie beispielsweise Flächenverbrauch oder Veränderung der Anzahl Beschäftigter, untersucht. Die SÖW kommt zum Schluss, dass ein Tiefenlager vor allem in den Bereichen Umwelt und Gesellschaft negative Auswirkungen hätte. Zudem fallen die untersuchten Indikatoren bei den einzelnen Standortarealen sehr unterschiedlich ins Gewicht.

Eine grosse Streuung gibt es etwa in bezug auf die Raumplanung, wobei der Südranden im Kanton Schaffhausen am schlechtesten abschneidet. Ähnliche Ausreisser verzeichnet dieses Standortareal auch beim Flächenverbrauch oder bei der Anbindung an den Bahnverkehr. «Neuhausen ist der einzige Standort, der im Wald liegt, der einzige, bei dem also eine Rodung notwendig würde und der verkehrstechnisch noch erschlossen werden müsste», erklärte dazu Roman Frick, Gesamtleiter der SÖW.

Bei den wirtschaftlichen Indikatoren zeigt sich hingegen ein anderes Bild: Hier hat ein Tiefenlager nur geringe Auswirkungen, wie das Bundesamt für Energie bereits 2012 in einem Zwischenbericht mitgeteilt hatte. Einziger Ausreisser ist hier der Wellenberg in der Innerschweiz, der in bezug auf den Tourismus einen negativen Wert verzeichnet. Nicht in die Studie einbezogen wurden Softfaktoren oder Imagefragen – dies weil sie sich nicht objektiv messen liessen, wie die Studienautoren erklärten. Eine separate Studie der Kantone soll das nachholen. Erste Ergebnisse daraus sowie die Resultate der SÖW fliessen dann in einen Synthesebericht ein, der im kommenden Jahr den Regionalkonferenzen vorgelegt wird.

Nordostschweiz stark betroffen

Von den sechs möglichen Standortarealen für ein Tiefenlager für radioaktive Abfälle betreffen drei die Nordostschweiz: Der Südranden im Kanton Schaffhausen, Nördlich Lägern bei Bülach und Zürich Nordost im Zürcher Weinland. Neben den Standortkantonen selbst sind auch deutsche Gemeinden und der Nordwestrand des Thurgaus in den Perimetern enthalten.

Gemäss Studie hätte ein Lager für schwach- und mittelradio-aktive Abfälle im Schaffhausischen Südranden einen positiven wirtschaftlichen Effekt: Es generierte eine Wertschöpfung von 4,8 Millionen Franken und 39 Vollzeitstellen pro Jahr. Auf der anderen Seite stehen Rückgänge im Tourismus und in der Landwirtschaft.

Auswirkungen auf den Rheinfall

Für den Rheinfall hätte ein Tiefenlager kaum touristische Folgen. Denn «Touroperatoren haben keine Möglichkeit, auf ein ähnliches Angebot auszuweichen, und werden den Rheinfall weiterhin als Ziel anbieten», heisst es in der Studie. Auch auf die Hotellerie sei der Einfluss klein, denn diese sei vor allem auf Geschäftsleute ausgerichtet. Das Lager selbst ziehe auch Besucher an: Die Studie rechnet mit 20 000 Tiefenlager-Touristen pro Jahr.