Interview

Psychologin gibt Tipps, wie man Cybermobbing vorbeugt: «Eltern sollten Snapchat und TikTok verstehen»

Der Umgang mit digitalen Medien ist zu einer der schwierigsten Erziehungsaufgaben geworden. Eine Expertin erklärt, wie man es am besten macht.

Andreas Maurer
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Sharmila Egger, Psychologin und Medienpädagogin.

Sharmila Egger, Psychologin und Medienpädagogin.

Sharmila Egger arbeitet als Psychologin und Pädagogin für zischtig.ch, ein Verein, der sich für Medienbildung und Prävention bei Kindern und Jugendlichen engagiert. Im vergangenen Jahr traten Mitarbeiter in 940 Schulklassen, an 240 Elternabenden und an 50 Lehrerfortbildungen auf.

Was können Eltern tun, damit ihr Kind nicht Opfer von Cybermobbing wird?

Sharmila Egger: Jede Veränderung, die man feststellt, ansprechen und immer wieder fragen: Wie geht es dir? Was hast du erlebt? Während der Pubertät ist Hartnäckigkeit gefragt. Dass Eltern in dieser Zeit manchmal den Draht nicht mehr finden, ist normal. Man kann dem Kind dann auch sagen: «Wenn du mich peinlich, blöd oder naiv findest, ist es für mich okay, wenn du es mir nicht erzählen willst. Du kannst es auch jemand anderem erzählen: der Grossmutter, dem Götti oder der Nachbarin.»

Muss man während der Pubertät manchmal nicht auch einfach die Privatsphäre respektieren?

Das Handy ist heute privater als jedes Tagebuch früher je war. Man sollte es deshalb nicht heimlich überwachen. Bei einem unguten Gefühl kann man aber sagen: «Ich möchte am Wochenende mal gewisse Apps mit dir anschauen.» Die oder der Jugendliche hat dann zwar die Möglichkeit, die Apps aufzuräumen und den Eltern ein sauberes Gerät zu zeigen. Aber damit hat man schon etwas erreicht. Und dann kann man über gewisse Beiträge diskutieren und fragen: «Ist dieser Kommentar nicht etwas hart ausgedrückt? Oder bist du dir bewusst, wie dieses Bild von dir auf andere wirken könnte?»

Den Überblick über all diese Apps zu behalten, ist fast unmöglich.

Wichtig ist, dass man sich für die Gesamtheit des Kindes interessiert. Dazu gehört heute auch die digitale Welt. Viele Eltern kennen Facebook oder Instagram aus eigener Erfahrung, aber nicht Snapchat oder TikTok. Man soll diese Apps nicht verteufeln, aber deren Faszination verstehen.

Müssen Eltern dafür selber diese Apps nutzen?

Bei jüngeren Kindern macht das Sinn. Wir stellen fest, dass schon viele Neunjährige auf TikTok selber posten. In diesem Alter ist eine enge Begleitung nötig. Die Eltern müssen verstehen, wie die App funktioniert. Nur so lernen sie die Gefahren kennen, aber auch die positiven Seiten.

Früher warnte man vor dem Fernsehen und heute vor Youtube oder TikTok. Sind die digitalen Medien vielleicht gar nicht so schlecht?

Jugendliche können tatsächlich auch was lernen, wenn sie TikTok ausprobieren. Ich bewundere die Kreativität, die einige mit selbstgemachten Videos entwickeln. Die App ist aber nicht gemacht für Primarschüler. Man kann darauf krasse Sachen sehen: Zum Beispiel Jugendliche, die sich live die Arme ritzen. Deshalb dürfen Eltern nicht wegschauen.

Ab welchem Alter sollen Eltern ihrem Kind ein Smartphone geben?

Ab sieben Jahren kann man ein Notfall-Handy mitgeben – wie früher die Taxkarte, damit das Kind unterwegs anrufen kann. Die ersten Gehversuche mit einem Smartphone kann man mit zehn oder elf Jahren machen. Eltern sollten mit ihren Kindern die ersten Social-Media-Apps gemeinsam ausprobieren, kurz bevor die Kinder in die Oberstufe kommen, weil sie dann viele neue Schüler und viele neue Apps kennen lernen. Wenn sie schon einige beherrschen, finden sie sich einfacher zurecht. Die ersten Fragen sind immer dieselben: Wer kann was von mir sehen? Wie stelle ich die Privatsphäre ein? Die Eltern müssen auch bereit sein, um über Pornografie zu sprechen.

Würden Sie Zeitkontingente für den Internet-Zugang festlegen?

Bei kleinen Kindern: Ja. Aber sobald die Jugendlichen gewisse Apps auch für die Hausaufgaben nutzen, funktioniert das nicht mehr so einfach. Man kann die Nutzung über «Familienfreigabe» und «FamilyLink» steuern. Wir empfehlen aber auch Medienfreizeiten, in denen das Handy ausgeschaltet wird: Während des Morgen-, Mittag- und Abendessens und auch einmal während eines Wochenendes oder an bestimmten Tagen. Die handyfreie Zeit gilt dann allerdings ebenfalls für die Eltern.