«Eliten wird nicht mehr vertraut»

Nach dem doppelten Abgang an der Economiesuisse-Spitze bemüht sich der Wirtschaftsverband um Stabilität. Interimsdirektor Rudolf Minsch über den Zustand des Verbands, die 1:12-Initiative und den US-Steuerdeal.

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«Aussichten für Banken nicht überdramatisieren»: Rudolf Minsch, Economiesuisse-Direktor ad interim. (Bild: ky/Steffen Schmidt)

«Aussichten für Banken nicht überdramatisieren»: Rudolf Minsch, Economiesuisse-Direktor ad interim. (Bild: ky/Steffen Schmidt)

Herr Minsch, nach dem abrupten Abgang von Pascal Gentinetta wurden Sie interimistisch Direktor des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse. Überwiegt die Freude, oder fürchten Sie sich vor der Last, die damit auf Sie zukommt?

Rudolf Minsch: Im Moment komme ich gar nicht dazu, mir darüber Gedanken zu machen, weil es so viel zu tun gibt.

Dann hatten Sie wohl auch noch keine Zeit, darüber nachzudenken, ob Sie diesen Posten definitiv übernehmen möchten.

Minsch: Genau. Es ist viel zu früh dazu. Was klar ist: Meine Funktion als Chefökonom habe ich gerne ausgeübt. Aus dieser Sicht hätte es keinen zwingenden Grund gegeben für einen Wechsel.

Was sind die ersten Aufgaben, die Sie anpacken müssen?

Minsch: Zuerst geht es um die Übergabe von meinem Vorgänger, um die Sachen, die liegengeblieben sind. Fast wichtiger als all diese operativen Sachen ist jedoch das Gespräch mit den Mitarbeitern von Economiesuisse. Für viele war das ja eine erstaunliche Wende.

Wie waren die Reaktionen von Economiesuisse-Mitgliedern auf die personelle Rochade?

Minsch: Es war eine Entscheidung, die in der Luft lag. Jeder Wechsel bringt Positives und weniger Positives mit sich. Ich persönlich habe jedenfalls eine starke Unterstützung gespürt. Auch von extern gab es positive Feedbacks – und zum Glück überhaupt keine negativen.

Knackpunkt ist die Neubesetzung des Präsidentenpostens. Braucht es eher einen Wirtschaftskapitän oder einen Politiker?

Minsch: Sowohl als auch. Traditionell hatte Economiesuisse immer einen Präsidenten mit starker Verantwortung in der Wirtschaft – sei es als ehemaliger CEO oder als Verwaltungsrat. Die politische Dimension ist wichtig, da der Präsident sich gut mit den Mechanismen in Bern auskennen muss. Viele Wunschkandidaten haben das eine oder das andere – mit Entwicklungspotenzial im jeweils anderen Bereich.

Der jetzige Präsident sei in der Politik eher weniger zu Hause, lautete einer der Vorwürfe an Rudolf Wehrli.

Minsch: Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass Wehrlis Vorgänger Gerold Bührer sehr gewandt war im Umgang mit der Politik. Und: Wehrli hatte gar nicht die Zeit, sich richtig einzuarbeiten. Sein Start erfolgte inmitten einer heissen politischen Phase. Hätte er sein Amt nicht gerade mitten in der Abzockerdebatte antreten müssen, wäre wohl alles besser verlaufen.

Müssen auch die Zuständigkeiten neu definiert werden? Die NZZ führte die Idee einer institutionellen Aufwertung des Präsidentenmandats Richtung Vollamt ins Feld.

Minsch: Für solche Fragen ist es zu früh. Es liegt auch nicht an der Geschäftsleitung, sie zu beantworten. Das ist Sache des Vorstandes. Fakt ist jedoch, dass Economiesuisse funktioniert, auch wenn jetzt ein Wechsel im Präsidium ansteht.

Welches sind die grössten Baustellen bei Economiesuisse?

Minsch: Generell entscheidend ist der Vertrauensverlust der Bevölkerung in die Wirtschaft. Seit Ausbruch der Finanzmarktkrise sind tiefe Narben entstanden – etwa durch die UBS-Rettung oder den scharfen Einbruch der Konjunktur. Das alles hat die Bevölkerung stark verunsichert. Das beobachten wir parallel zu andern Verbänden. Und dieser Vertrauensverlust ist europaweit zu beobachten. Das heisst, den ehemaligen Eliten wird nicht mehr vertraut. Die Notwendigkeit ist gross, dass wieder Brücken geschlagen werden zwischen Wirtschaft und Bevölkerung. Nicht mehr Einweg-, sondern Zweiweg-Kommunikation also. Dass wir, die Wirtschaft, wieder besser hinhören auf die Bedürfnisse der Bevölkerung und selber etwas bescheidener auftreten.

Im Herbst kommt die 1:12-Initiative zur Abstimmung. Da ist Economiesuisse wieder stark gefordert.

Minsch: Um etwas auszuholen: Gewisse Kreise reden einer Zweiteilung von Gesellschaft und Wirtschaft das Wort. Das ist ein völlig falscher Weg. Die Wirtschaft ist Teil der Gesellschaft. Das muss uns wieder bewusster werden. Denn wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es der Gesellschaft auch gut, weil der Wohlstand gesichert werden kann. Positiv betrachtet: Wir setzen uns ein für den Standort Schweiz, für die damit verbundenen Arbeitsplätze. Solche Überlegungen müssen nun bei den kommenden Kampagnen und Initiativen in den Vordergrund gerückt werden.

Mit welchen Gefühlen haben Sie die Sommersession des Parlaments verfolgt, im speziellen die Diskussion zum US-Steuerdeal?

Minsch: Pointiert gesagt: Mein Herz sagt Nein, mein Verstand Ja. Es wäre wohl besser, man hätte dem Deal zugestimmt. Aber: Ich habe ein gewisses Verständnis für den Nein-Entscheid des Parlaments, weil der Überrumpelungseffekt, sprich der Mangel an Informationen, rechtsstaatlich problematisch war und ist. Anderseits ist da die Notwendigkeit, die Probleme in diesem Banken- und Steuerstreit endlich zu bereinigen.

Was bedeutet der Parlamentsentscheid für den Finanzplatz?

Minsch: Der Finanzplatz ist unter Druck, ganz klar. Er wird sich anpassen müssen. Es gibt auch die Möglichkeit weiterer Anklagen in den USA – mit unsicherem Ausgang für die betroffenen Banken. Das Risiko hat sich deutlich erhöht. Die Vergangenheitsbewältigung muss zwingend erfolgen, daran führt kein Weg vorbei. Allerdings darf man auch nicht vergessen: Der Bankensektor unseres Landes ist international sehr kompetitiv. Die Bankdienstleistungen sind gut, das Vertrauen ist da, wir haben politische Stabilität, tiefe Inflationsraten und weiteres mehr. Man darf nicht überdramatisieren. Die Zukunftsaussichten für die Branche sind nicht katastrophal.

Interview: Hans Bärtsch

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