Eine Studie kommt zum Schluss, dass im Wallis Luchse gewildert wurden – die Jagdgesetz-Gegner sehen sich bestätigt

Im Wallis gibt es weniger Luchse als anderswo in der Schweiz - für Experten ist Wilderei die Ursache. Für die Jagdgesetz-Gegner ist das ein Beweis dafür, dass die Kantone beim Wildtiermanagement nicht das letzte Wort haben dürfen.

Dominic Wirth
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Im Wallis haben Forscher 2015 ein ganzes System von Luchsfallen entdeckt.

Im Wallis haben Forscher 2015 ein ganzes System von Luchsfallen entdeckt.

Romano Cuonz

Ein Luchsbestand, der Fragen aufwirft. Eine Studie, die dafür eine brisante Erklärung liefert. Ein Amt für Jagd, das zusehends unter Druck gerät. Und schliesslich ein Professor, der sich lautstark mit den Behörden anlegt. Das sind die Zutaten einer Affäre, die sich gerade im Kanton Wallis abspielt. Und die mit Blick auf die anstehende Abstimmung über das Jagdgesetz ganz schön brisant ist.

Doch der Reihe nach. Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass es im Kanton Wallis weniger Luchse gibt, als dies aufgrund der Eignung des Gebiets zu erwarten wäre. Im Unterwallis hat die Stiftung Kora, welche die Grossraubtiere in der Schweiz überwacht, letztes Jahr im Zuge ihres Fotofallen-Monitorings in den Alpen südlich der Rhone keinen einzigen Luchs erfasst.

Fallen am Migrationskorridor ins Wallis

Die Frage ist, woran das liegt. Und hier kommt Raphaël Arlettaz ins Spiel, ein Biologieprofessor an der Universität Bern. Auch Arlettaz, der aus dem Unterwallis stammt, beschäftigt sich schon länger mit den tiefen Luchsvorkommen in seinem Kanton. Mitte August hat er eine Studie vorpubliziert, die sich mit vier Hypothesen beschäftigt – und zum Schluss kommt, dass nur eine in Frage kommt: Wilderei der geschützten Tierart.

Raphaël Arlettaz

Raphaël Arlettaz

Uni Bern

Arlettaz und sein Team sind im Jahr 2016 im Unterwallis auf ein System von 17 Luchsfallen gestossen, wobei drei von ihnen noch aktiv waren, als die Forscher sie fanden. Die Fallen, schreibt Arlettaz in der Studie, seien zudem am einzigen Migrationskorridor von den Voralpen in den Kanton Wallis platziert worden. Es sei «wahrscheinlich, dass die strategische Platzierung» einen substanziellen Einfluss auf die Immigration der Luchse ins Wallis gehabt habe, heisst es weiter.

Die Dienststelle für Jagd, Fischerei und Wildtiere des Kantons Wallis liefert eine andere Erklärung. Die tiefe Dichte sei vergleichbar mit Werten in den Südalpen anderer Kantone. Rhone und Autobahn bildeten ein Einwanderungshindernis in den Süden. Zudem gebe es im betreffenden Gebiet die höchste Wolfsdichte im Kanton.

Diese Erklärung wiederum lässt Arlettaz nicht gelten. Er verweist darauf, dass der Luchs in den Walliser Südalpen zwischen 1980 und 2000 noch sehr stark präsent gewesen war. Für ihn gibt es nur eine Erklärung: Wilderei. Der Biologieprofessor äussert den Verdacht, dass das zuständige Amt dabei zumindest beide Augen zudrückte.

In seiner Studie erwähnt er Wilderei-Verdachtsfälle zwischen 1995 und 2015, die von den Behörden nicht geahndet worden seien. Und er wirft die Frage auf, ob eine gewisse Nähe zwischen Wilderern und Behörden dazu führten, dass ungehindert jahrzehntelang gewildert werden konnte. Auch Heinrich Haller, der ehemalige Direktor des Nationalparks, der sich seit Jahrzehnten mit dem Thema befasst, sprach kürzlich gegenüber SRF von «einer ganzen Reihe Indizien» für Luchs-Wilderei im Wallis.

Nur ein toter Luchs ist ein guter Luchs

Ein Bericht, den das Westschweizer Fernsehen RTS im August ausstrahlte, geht noch einen Schritt weiter. In der Sendung «Mise au point» wird ein anonymer Angestellter der Dienststelle für Jagd, Fischerei und Wildtiere mit den Worten zitiert, einst habe im Amt die Parole gegolten, dass «ein guter Luchs ein toter Luchs» sei. Heute gelte: wer einen Luchs schiesse, müsse sicherstellen, alleine zu sein. Weiter räumte der Angestellte ein, einst selbst einen Luchs geschossen zu haben.

Die Dienststelle bestreitet auf Anfrage die Vorwürfe – auch jenen, den weitere anonyme Mitarbeiter gegenüber RTS äussern, dass bezüglich der Wilderei eine Politik des «laisser faire» und des Wegschauens herrsche. Man verfolge alle Anzeichen auf Wilderei. Zudem habe man im Zusammenhang mit dem RTS-Bericht über den angeblichen Abschuss eines Luchses durch einen eigenen Mitarbeiter Anzeige gegen unbekannt erstattet.

Professor Arlettaz sieht sich durch die jüngsten Berichte in seinem Vorwurf bekräftigt, dass es in den Walliser Amtsstuben im Umgang mit der Wilderei «ein systemisches Problem» gebe und eine «Kultur des Schweigens» herrsche. Zuletzt lieferte sich Arlettaz, der im Wallis eine polarisierende Figur ist, einen medialen Schlagabtausch mit dem zuständigen CVP-Regierungsrat Jacques Melly.

Jagdgesetz-Befürworter vermuten politische Motive

Das alles könnte als typische Walliser Affäre abtun. Doch sie ist mehr als das, weil die Schweiz Ende September über das neue Jagdgesetz abstimmt. Dieses sieht unter anderem vor, dass beim Wildtiermanagement Kompetenzen vom Bund an die Kantone übertragen werden – und damit an Ämter wie die Walliser Dienststelle für Jagd, Fischerei und Wildtiere. Bis anhin mussten der Bund eine Bewilligung erteilen, wenn ein Kanton etwa einen Wolf abschiessen wollte. Künftig ist nur noch eine Anhörung vorgesehen.

Raphaël Arlettaz sagt, eine Kompetenzverlagerung an die Kantone sei gefährlich. Im Kanton Wallis, den er als Spezialfall bezeichnet, warnt er gar vor «einer Katastrophe». Urs Leugger-Eggimann, Präsident das Nein-Komitees, sieht sich durch die Berichte aus dem Wallis bestätigt: «Uns fehlt das Vertrauen, dass die Kantone ihre Kompetenzen mit dem nötigen Verantwortungsbewusstsein handhaben werden», so der Zentralsekretär von Pro Natura. «Die Walliser Regierung will einen «Kanton ohne Grossraubtiere», die Bündner Regierung «wolfsfreie Zonen».

SVP-Nationalrat Franz Ruppen.

SVP-Nationalrat Franz Ruppen.

KEYSTONE

Franz Ruppen ist Walliser SVP-Nationalrat und Co-Präsident des Ja-Komitees. Er hält den Vorwurf, dass die zuständige Dienststelle mit Wilderern unter einer Decke steckt, für «ungeheuerlich». «Von den entdeckten Fallen am betreffenden Korridor auf ein systemisches Problem zu schliessen, das geht nicht», sagt Ruppen. Er vermutet, dass Arlettaz eine politische Agenda verfolgt – und seine Studie just jetzt publizierte, um damit im Vorfeld der Abstimmung Zweifel zu streuen. Es solle so aussehen, dass die Kantone mit der Aufgabe überfordert seien, sagt Ruppen. «Dabei kennen die Kantone ihre Probleme besser. Und natürlich werden auch sie sich ans Gesetz halten», sagt er.

Weshalb also wurde die Studie just nun publiziert? Professor Arlettaz bestreitet politische Gründe. Er sagt, die Feldarbeit habe von 2011 bis 2016 gedauert. Danach hätten seine an der Studie beteiligten Studenten Analysen vorgenommen und ihre Arbeiten verfasst. 2019 schliesslich habe er selbst mit der Synthese der vier getesteten Hypothesen begonnen – und diese jetzt fertiggestellt.