Eine Selbstverständlichkeit

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Vania Alleva
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Die bevorstehende Abstimmung über die erleichterte Einbürgerung für Grosskinder von Eingewanderten ist Thema in vielen Gesprächen, die ich in den letzten Tagen geführt habe. Eine der Geschichten, die ich dabei von einer hochgeschätzten Mitarbeiterin der Unia-Zentrale in Bern gehört habe, möchte ich stellvertretend für andere mit Ihnen teilen.

Die heute 46-jährige Kollegin ist im Kanton Glarus geboren und aufgewachsen. Einbürgern lassen hat sie sich nie. Nach den Gründen gefragt erzählt sie mir von ihren aus Italien eingewanderten Eltern, bei denen eine Einbürgerung nie Thema war, von einer durch Diskriminierung geprägten Kindheits- und Schulgeschichte, vom Kantonswechsel in den Aargau, wo eine Einbürgerung damals 7000 Franken gekostet hätte. Von der Zumutung, mühsamen Beamten in noch mühsameren Verfahren die eigene erfolgreiche «Integration» zu beweisen, und schliesslich vom Umzug in eine benachbarte Gemeinde – allerdings jenseits der Kantonsgrenze – mit dem eine Einbürgerung bis zur Erreichung der kantonal vorgegebenen Mindestwohnsitzdauer unmöglich wurde.

Meine Arbeitskollegin hat einen 22-jährigen Sohn. Er, geboren und aufgewachsen im Kanton Aargau und heute angestellt bei einer gemeinnützigen Institution in Zürich. Er hat ebenfalls keinen Schweizer Pass. Um ihn zu bekommen, müsste er das ordentliche Einbürgerungsverfahren in seiner Wohngemeinde durchlaufen, mit allen damit verbundenen Kosten, Formularen, Befragungen, Überprüfungen und bürokratischen Schikanen.

Und gerade Letztere sind im europäischen Quervergleich erheblich. Das Citizenship Observatory des European University Institut hat die Einbürgerungspraxis von 33 europäischen Ländern im Hinblick auf die dabei von den Einbürgerungswilligen zu überwindenden Hürden untersucht. Dabei schneidet die Schweiz in drei von fünf Kriterien-Clustern schlecht ab. In den Bereichen «behördliche Unterstützung», «bürokratisches Prozedere» und «Anforderungen an die Dokumentation» auferlegt die ordentliche Einbürgerungspraxis der Schweiz den Antragstellern besonders hohe finanzielle, zeitliche und psychosoziale Hürden. Sie liegt dort in der Gruppe der besonders exklusiven Staaten bzw. bildet sogar – wie etwa bei den Kosten – deren Schlusslicht.

Höchste Zeit also, dass hier geborene und aufgewachsene «Schweizer ohne Schweizer Pass», die Enkel von in die Schweiz eingewanderten Grosseltern, von einem erleichterten Einbürgerungsverfahren profitieren können. Wie der Sohn meiner Unia-Kollegin sind sie verhinderte Schweizer. Knapp 25 000 junge «Ausländerinnen und Ausländer» der dritten Generation zwischen 9 und 25 Jahren würden gemäss einer Studie der Universität Genf die Kriterien für eine erleichterte Einbürgerung erfüllen. Fast zwei Drittel von ihnen sind Kinder von Paaren, bei denen mindestens ein Elternteil in der Schweiz geboren wurde, hauptsächlich in den 1960er- und 1970er-Jahren. Sie sind mehrheitlich italienische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger.

Die Propaganda der fremdenfeindlichen Rechten, die mit der schemenhaften Gestalt einer Burkaträgerin gegen die neue, vom Parlament beschlossene Regelung hetzt, hat weder mit unserer gesellschaftlichen Realität noch mit diesen jungen Menschen etwas zu tun. Unsere Kinder gehen mit ihnen in den Kindergarten und in die Schule, sie spielen in denselben Fussballklubs, sie machen die Lehre in den gleichen Betrieben und arbeiten zusammen. Die erleichterte Einbürgerung für Kinder der dritten Generation, über die wir am 12. Februar abstimmen, ist für mich darum längst überfällig und eine Selbstverständlichkeit. Sie schafft die Voraussetzungen dafür, ihre staatsbürgerliche Zugehörigkeit zu normalisieren und trägt damit der lebendigen Realität unseres vielfältigen Landes Rechnung. So können auch sie die Schweiz mit allen politischen Rechten und Pflichten aktiv mitgestalten.

Vania Alleva

Präsidentin Gewerkschaft Unia