Eine Milchkuh frisst Gras – im Prinzip

Schweizer Kühe erhalten immer mehr Kraftfutter. Dabei lieferten die Wiesen genügend Eiweiss für eine gesunde Milchproduktion.

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Was ist der Unterschied zwischen einer Stall- und einer Weidekuh? Wie beeinflussen Haltung und Fütterung die Milchproduktion? Diesen Fragen gingen Forscher auf dem landwirtschaftlichen Schulungsbetrieb Hohenrain LU in einem dreijährigen Projekt auf den Grund. Die Probanden im Stall, zwölf Schweizer Braunviehkühe und zwölf Schweizer Holstein-Friesian mittlerer Grösse und mittleren Alters, verbrachten ihre Zeit im Laufstall, frassen 40 Prozent Grassilage, 32 Prozent Maissilage und fast 20 Prozent Kraftfutter. Derweil grasten die Kollegen, 14 Braunvieh- und 14 Fleckviehkühe, draussen auf der Weide. Sie frassen 60 Prozent Weidegras und 25 Prozent Dürrfutter, das Kraftfutter machte indes nur 7 Prozent der gesamten Energieaufnahme aus.

Nach Abschluss des Projekts war klar: Die Champions der Milchproduktion, im Fachjargon Laktationsleistung genannt, stehen im Stall. Bei rund 1100 Kilogramm Kraftfuttereinsatz gaben sie im Jahresdurchschnitt über 9000 Kilogramm Milch, immer schön gleichmässig in der Menge und mit gutem Milchgehalt. Die Tiere im Vollweidesystem mit rund 300 Kilogramm Kraftfutter hingegen kamen nur auf 6000 Kilogramm Milch, schwankten zudem saisonal bedingt bei der Milchmenge und dem Milchgehalt.

Gesundes Omega in der Wiesenmilch

Platz zwei für die Weidekühe also? Fritz Rothen, Geschäftsführer der Vereinigung der integriert produzierenden Bauern und Bäuerinnen, IP-Suisse, schüttelt den Kopf. «Man kann aus einer Kuh natürlich alles herausholen. Doch wenn sie an die Leistungsgrenze geht, ist sie anfälliger für Krankheiten und braucht mehr Medikamente. Häufig ist sie nach drei bis vier Jahren ausgebrannt und muss zum Metzger.» Weidekühe hingegen seien gesünder, weil sie sich draussen auf der Wiese bewegen müssten. Das schlägt sich in einer längeren Lebensdauer und einer höheren Fruchtbarkeit nieder – und auch in einer gesünderen Milch. Dies zumindest legen die im Vergleich Hohenrain gemachten Studien zur «Wiesenmilch» nahe. Projektleiter Peter Thomet sagt, die Milch der grasfressenden Kühe enthalte deutlich mehr ungesättigte Fettsäuren, sogenannte Omega 3 und Omega 6, zudem viermal mehr CLA-Fettsäuren als jene in der Milch der Stallkühe. Durchgeführt hat die Messungen die eidgenössische Forschungsanstalt Agroscope.

Trend zur Leistungskuh

Der Trend zur Leistungskuh und einer wachsenden Intensivierung der Milchproduktion ist allerdings unübersehbar. Gemäss einer Statistik des Schweizerischen Bauernverbands hat sich der Kraftfutterverbrauch pro Kuh seit 1990 auf über 800 Kilogramm mehr als verdoppelt; gleichzeitig stieg auch, etwas weniger markant, die Milchleistung, von knapp 5000 auf knapp 7000 Kilogramm pro Jahr. Thomet hat dafür wenig Verständnis. «Gras wächst in der Schweiz in Hülle und Fülle. Warum soll unser Land Soja aus Brasilien importieren und so die Abholzung des Regenwalds vorantreiben?»

Sojaverbot ab 2013

Aus den gleichen Überlegungen verbietet IP Suisse ab nächstem Jahr für die Produktion ihrer Wiesenmilch die Fütterung von Soja. «Eiweiss aus Soja soll für die Ernährung der Menschen vorbehalten bleiben», sagt Geschäftsführer Rothen. Für Kühe aber, die das eiweissreiche Gras auf Schweizer Wiesen problemlos für die Milchproduktion verwerten könnten, mache der Zukauf von Soja keinen Sinn, sagt Rothen. Auf dem Speiseplan einer Wiesenmilchkuh stehen dafür mindestens 75 Prozent Gras, Heu oder Grassilage, zusätzlich Ernterückstände wie Futterrübenschnitzel, Kartoffeln, Zuckerrübenlaub und wenig Silomais. Kraftfutter aus Eiweisserbse, Gerste und Weizen macht laut Rothen weniger als 7 Prozent aus. – IP Suisse hat die Wiesenmilch letztes Jahr gemeinsam mit der Migros lanciert. 63 Betriebe beteiligen sich laut Rothen, 13 Millionen Kilogramm Milch werden pro Jahr verkauft. Die Migros zahlt für die Wiesenmilch 7 Rappen mehr pro Kilogramm Milch, zusätzliche Förderbeiträge gibt es voraussichtlich auch bald vom Bund: Dieser will die «Graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion» im Rahmen der Agrarreform AP 2014–17 fördern. Rothen freut sich über den «Schritt hin zu nachhaltiger Produktion».

Auch der Bauernverband begrüsst das Projekt. Damit das Produkt am Markt eine Chance habe, brauche es aber noch intensive Werbe- und Plazierungsmassnahmen der Verteiler, sagt Sprecher Urs Schneider. Ein erster nationaler «Wiesenmilch»-Versuch wurde denn auch abgebrochen; vertrieben wird die Milch noch von der Migros Aare.

Denise Lachat, Bern