EINBÜRGERUNGEN: Schweizer sind scharf auf den deutschen Pass

Die Zahl der Schweizer, die Deutsche werden, liegt auf einem Höchststand. Einen Einfluss hat wohl Jens Spahn, das Enfant terrible der Merkel-Regierung.

Sven Altermatt
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395 Schweizer haben sich 2016 in Deutschland einbürgern lassen, wie die jüngsten Zahlen aus dem Nachbarland zeigen. (Bild: CHRISTIAN BEUTLER (KEYSTONE))

395 Schweizer haben sich 2016 in Deutschland einbürgern lassen, wie die jüngsten Zahlen aus dem Nachbarland zeigen. (Bild: CHRISTIAN BEUTLER (KEYSTONE))

Der deutsche Pass ist bei Schweizern so begehrt wie nie. 395 Schweizer haben sich 2016 in Deutschland einbürgern lassen, wie die jüngsten Zahlen aus dem Nachbarland zeigen. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht das einem Anstieg von 65 Prozent. In den fünf Jahren davor erhielten im Schnitt 214 Eidgenossen die deutsche Staatsbürgerschaft.

Eine Erklärung für den ­Anstieg liegt nicht sofort auf der Hand; auch nicht nach einer Nachfrage bei der deutschen Botschaft in Bern. Die Motive eines Einbürgerungsgesuches würden nicht eigens erfasst, erklärt ­Botschaftsrat Michael Cantzler. ­Warum aber fahren Schweizer auf den deutschen Pass ab? Vielleicht, weil sich 2016 ein unberechenbarer Sturm ankündigte.

Obwohl dieser bis heute nicht über das Land gezogen ist, hat er Auslandschweizer dazu gebracht, sich abzusichern. Müsste man dem Sturm einen Namen geben, er könnte Jens Spahn lauten. Der CDU-Politiker, inzwischen Gesundheitsminister, ist der Kopf eines umstrittenen Entscheids. Gegen den erklärten Willen von Kanzlerin Merkel hat er den CDU-Parteitag zu einem Nein zur doppelten Staatsbürgerschaft bewegt. Gerade Schweizer, die nicht von den Vorzügen eines EU-Passes profitieren, machte das ­offenbar hellhörig. Manche handelten rasch und beantragten den deutschen Pass, solange das noch problemlos ging.

SVP-Initiative hätte böse Folgen für Auslandschweizer

Die politischen Diskussionen ­beeinflussten den Entscheid, sich einbürgern zu lassen, heisst es denn auch aus deutschen Behördenkreisen. Diese Erklärung erscheint Tim Guldimann plausibel. Der frühere Botschafter der Schweiz in Deutschland, der noch immer in Berlin lebt, gibt zusätzlich zu bedenken: «Die Diskussionen um das Ende der doppelten Staatsbürgerschaft beziehen sich vor allem auf die Türken in Deutschland. Für die Auslandschweizer ist die Verunsicherung hinsichtlich der angespannten Beziehungen mit der EU wichtiger.» Im Nachgang zur SVP-Zuwanderungs-Initiative stehen zwei Fragen im Vordergrund, die Selbstbestimmungs-Initiative der Partei und erst recht die kürzlich lancierte Initiative zur Kündigung der Personenfreizügigkeit, die im Falle der Annahme «böse Folgen für die Auslandschweizer haben könnte», wie Guldimann sagt. «Mit Blick darauf würde es mich nicht überraschen, wenn sich noch mehr Schweizer in Deutschland einbürgern lassen.»

Sei etwas erst einmal losgetreten, gebe es ungeachtet aller Realitäten kein Halten mehr, sagt derweil ein deutscher Behördenvertreter mit Blick auf die Zunahme der Einbürgerungsgesuche von Schweizern. Da spielt es auch keine Rolle, dass die doppelte Staatsbürgerschaft auf der politischen Agenda Berlins unterdessen an Priorität verloren hat. Ohnehin wäre es fraglich, ob Schweizer überhaupt von einer Verschärfung betroffen wären. Unbestritten ist aber, dass die Möglichkeit der doppelten Staatsbürgerschaft die Einbürgerung attraktiver macht. 2016 behielten alle 395 Neu-Deutschen mit Schweizer Pass die erste Staatsbürgerschaft.

Sven Altermatt