Ein Tessiner Tal probt den Aufstand

Der Bund will im Bedrettotal bei Airolo 120 Asylbewerber in einem alten Militärbunker unterbringen. Für die Bewohner des Tals ist klar, dass das nicht geht.

Gerhard Lob
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LUGANO. Für Urs von Daeniken war es keine erfolgreiche Mission. Ganz im Gegenteil: Der Leiter des Dossiers Asylunterkünfte beim Bundesamt für Migration (BFM) musste gestern unverrichteter Dinge wieder aus dem Bedretto-Tal abreisen. Ein gutes Dutzend Einwohner aus der Tessiner Talschaft bei Airolo empfing den Gesandten aus Bern und weitere Repräsentanten der beteiligten Bundesämter mit Transparenten wie «Nein zu Asylbewerbern». Die lokale Presse hatte man vor Ort geladen. Bedrettos Gemeindepräsident Diego Orelli machte unmissverständlich klar, dass die Unterbringung von 120 Asylbewerbern in einem Tal mit 80 Einwohnern ein Ding der Unmöglichkeit sei.

«Enttäuscht von Bern»

Zu dem eigentlichen Treffen, das zwischen den Bundesämtern und der Gemeinde im Rahmen des Konsultationsverfahrens anberaumt war, kam es gar nicht. «Für dieses Treffen gab es nicht einmal Traktanden: Wir sind sehr enttäuscht von Bern», sagt Gemeindeschreiber Ignazio Leonardi, der zugleich die lokale Bürgergemeinde präsidiert.

Stein des Anstosses ist der Plan des Bundes, die unterirdische Militäranlage All'Acqua auf gut 1600 Metern Höhe als Asylzentrum zu nutzen. «Nicht einmal Tiere würde man dort unterbringen», heisst es im Tal. Zudem ist der Ort, der als Ausgangspunkt für Skitouren bekannt ist, offenbar lawinengefährdet. Orelli brachte gestern entsprechende Fotos mit.

Ausschlaggebend ist aber die hohe Zahl der Asylbewerber im Vergleich zur Einwohnerzahl. Zudem glaubt man auch einen potenziellen Schaden für den Tourismus auszumachen. Laut Orelli könnte man vielleicht einige Asyl-familien im Dorf beherbergen, aber nicht eine so grosse Anzahl von Bewerbern. Ob der Widerstand der Bevölkerung etwas bewirken wird, ist unklar. Seit der dringlichen Asylgesetzrevision hat der Bund das Recht, Armeeunterkünfte ohne Bewilligung von Kanton oder Gemeinde als Asylunterkunft zu nutzen, auch wenn diese formal konsultiert werden. Ob der Bund am Zentrum All'Acqua festhält, war gestern von den zuständigen Bundesämtern nicht zu erfahren.

Neue Unterkunft in Obwalden

Zu den Widerständen gegen Asylzentren sagte Bundesrätin Simonetta Sommaruga gestern vor den Medien in Bern, «dass manchmal die Vorbehalte und Befürchtungen am Anfang sehr hoch sind». Sobald aber das Zentrum in Betrieb sei, ändere sich diese Wahrnehmung.

Gestern wurde zudem bekannt, dass das BFM die Truppenunterkunft «Kleine Schliere» im Kanton Obwalden während sechs Monaten für neu ankommende Asylsuchende zur Verfügung stellen wird – gegen den Willen der Gemeinde Alpnach und der Obwaldner Regierung.

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