Ein Tal träumt vom grossen Wurf

Im abgelegenen Lavizzaratal im Tessin soll ein internationales Bildhauer-Zentrum entstehen. Bekannte Persönlichkeiten wie alt Bundesrat Flavio Cotti setzten sich im Stiftungs- und Patronatskomitee für das ambitiöse Projekt ein.

Gerhard Lob
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Vision eines Bildhauer-Mekkas: Das geplante Centro Internazionale per la Scultura in Peccia. (Bild: Visualisierung: Bardelli architetti)

Vision eines Bildhauer-Mekkas: Das geplante Centro Internazionale per la Scultura in Peccia. (Bild: Visualisierung: Bardelli architetti)

PECCIA. Granit aus dem Maggiatal ist ein Begriff. Weniger bekannt ist, dass sich im oberen Maggiatal der einzige Marmorbruch der Schweiz befindet. Dabei wird der weisse Cristallina-Marmor nach ganz Europa exportiert. Von grosser lokaler Bedeutung ist zudem die Bildhauerschule in Peccia, die sich just wegen des Marmors dort angesiedelt hat. Sie wird im kommenden Jahr ihr 30jähriges Bestehen feiern.

Unter St. Galler Leitung

Anfänglich lächelten die Einheimischen im Lavizzaratal, diesem Seitental des Maggiatals, über die vom Bildhauer Felix Flaschmann initiierte Scuola di Scultura. Doch inzwischen ist sie fest verankert. Über 300 Kunstschaffende und interessierte Laien besuchen alljährlich Kurse, um hier selbst inmitten der gewaltigen Natur eine Skulptur zu meisseln. Man geht davon aus, dass die Schule rund 3000 Logiernächte pro Jahr generiert. Zudem hat sie sich als Begegnungsort für Einheimische und Gäste entwickelt, mit Ausstellungen und Veranstaltungen.

Mit immer neuen Initiativen hat sich die seit 1987 vom St. Galler Alex Naef und seiner deutschen Frau Almute Grossmann-Naef geleitete Institution viel Anerkennung verschafft. Dabei reichen die Pläne dieses Paars längst über den Schulbetrieb hinaus: «Wir wollen hier ein internationales Bildhauer-Zentrum verwirklichen.» Am Ortseingang soll ein neues, futuristisches Gebäude mit sieben Ateliers gebaut werden. Bildhauer aus aller Welt sollen die Gelegenheit bekommen, hier für sieben Monate im Jahr dank Stipendien ihrer Arbeit nachzugehen.

Die Anziehungskraft der Kunst

Was vor Jahren wie reine Utopie erschien, ist mittlerweile zu einem handfesten Projekt herangereift. Auch dank der Unterstützung von lokalen Institutionen, die erkannt haben, dass mit einem solchen Zentrum der Name des Tals in alle Welt hinaus getragen werden könnte. Die von Mario Botta gebaute und 1997 geweihte Kapelle San Giovanni Battista im benachbarten Ort Mogno zeigt auf, welche Anziehungskraft Kunst haben kann. Das abgelegene Kirchlein hat sich längst zu einer Touristenattraktion entwickelt. Projektträgerin des Centro Internazionale per la Scultura ist eine gleichnamige Stiftung, die als Public Private Partnership (PPP) von Privaten, der Gemeinde Lavizzara und der Stiftung Vallemaggia gegründet wurde. Bekannte Persönlichkeiten weibeln mittlerweile für das Projekt. Der Stiftungsrat wird von Elisabeth Dalucas, der ehemaligen Leiterin des Kultur- und Kongresszentrums Luzern (KKL), präsidiert; das Patronatskomitee von alt Bundesrat Flavio Cotti, dessen Heimatort sich im Lavizzaratal befindet.

Kanton hilft mit Subvention

Dank des seriösen Projekts und der hochkarätigen Unterstützung konnte das Centro Internazionale per la Scultura im März 2013 eine wichtige Hürde nehmen. Der Grosse Rat des Kantons Tessin bewilligte eine Subvention von fünf Millionen Franken, die Hälfte der veranschlagten Baukosten.

Promotoren unter Druck

Allerdings ist der kantonale Zustupf an die Bedingung geknüpft, dass Private den gleichen Betrag aufbringen, um die Investition von zehn Millionen Franken zu stemmen. Zudem erklärte der Kanton, dass er sich mit keinem Rappen an den budgetierten laufenden Kosten von einer Million Franken jährlich beteiligen wird, wenn das Zentrum operativ sein wird. Dies erklärt, warum sich das am 1. Juli angelaufene Fundraising nicht nur an Privatpersonen, sondern auch an Stiftungen und Unternehmungen richtet. Für 500 000 Franken kann ein Sponsor etwa ein ganzes Atelier übernehmen, welches dann den Firmennamen tragt. Die Promotoren sind allerdings unter Druck: Denn es bleibt nicht viel Zeit, um den Gesamtbetrag aufzubringen. Im Juni 2014 muss das Geld beisammen sein. «Ich bin aber zuversichtlich», meint Alex Naef, der auch als Geschäftsführer der Stiftung amtet. Bekannte Institutionen und Stiftungen hätten sich jetzt mit namhaften Beträgen beteiligt, etwa die Ernst Göhner Stiftung, die Accentus Stiftung oder die Mobilität Jubiläumsstiftung. Mit 300 Franken ist auch eine Privatperson dabei und wird namentlich in Goldlettern auf der Donatorenwand verewigt.

Nachhaltige Entwicklung

«Ein Engagement für das Centro Internazionale per la Scultura schafft Werte. Für die Kultur, für ein Tessiner Tal und das eigene Schaffen», wirbt Elisabeth Dalucas auf der Homepage der Stiftung. Im Lavizzaratal ist man inzwischen auch davon überzeugt, dass nicht nur Zweitwohnungen oder in Ferienhäuschen umgebaute Rustici eine nachhaltige und lebendige Entwicklung der Talschaft ermöglichen. Und wenn es Gönner und Mäzene ähnlich sehen, könnte der Traum vom Bildhauer-Zentrum tatsächlich in Erfüllung gehen. Allerdings nicht vor 2017.

Immer neue Initiativen: Alex Naef und Almute Grossmann-Naef. (Bild: Gerhard Lob)

Immer neue Initiativen: Alex Naef und Almute Grossmann-Naef. (Bild: Gerhard Lob)