Ein Symbol, das verbindet

Vertreter aus den Nachbarstaaten finden viele lobende Worte für den Gotthard-Basistunnel – und versprechen, bei den Neat-Anschlüssen vorwärtszumachen.

Kari Kälin/Pollegio, Rynächt
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Verkehrsministerin Doris Leuthard. (Bild: ky)

Verkehrsministerin Doris Leuthard. (Bild: ky)

Den krachenden Schlusspunkt der Eröffnungszeremonie setzte die Patrouille Suisse. Am späteren Nachmittag zeichneten die Piloten über Pollegio, dem Südportal des neuen Gotthard-Basistunnels, kunstvolle Figuren in den Himmel. Die mehr als 1000 Gäste an der Eröffnungsfeier hielten sich die Ohren zu und staunten. Am meisten Bewunderung löste aber der neue, 57 Kilometer lange Tunnel durch die Alpen aus.

Amtierende und ehemalige Politgrössen aus den Nachbarländern waren des Lobes voll für den Weltrekord des Landes im Herzen Europas. «Das ist ein Freudentag. Wir danken der Schweiz, dass wir uns mitfreuen dürfen. Der Norden und Süden Europas rücken näher zusammen», sagte etwa Angela Merkel. Die Bundeskanzlerin räumte ein, dass Deutschland mit dem Bau der Neatanschlüsse im Verzug ist. Der Gotthard sei wie das Herz, nun fehle allerdings noch die Aorta. «Wir wissen, dass wir unsere Hausaufgaben noch erledigen müssen.»

Frankreich verneigt sich

Für den französischen Präsidenten François Hollande symbolisiert die Neat einen Sieg über Skeptiker, Zweifler und Gegner von Visionen. «Ihr habt es gewagt, den Tunnel zu bauen. Es kommt selten vor, aber heute verneigt sich Frankreich vor der Schweiz», sagte er. Das Werk eröffne Europa neue wirtschaftliche Perspektiven im Einklang mit der Natur. «Heute wird ein Traum Wirklichkeit. Die Schweiz darf stolz sein, den längsten Tunnel der Welt gebohrt zu haben» sagte Hollande.

Der Premierminister Matteo Renzi dankte der Schweiz für die Arbeit am Gotthard. «Es handelt sich um ein grossartiges Werk.» Jetzt steige auch der Druck auf Italien, den Ausbau der Neatanschlüsse voranzutreiben. Renzi erachtet den Tunnel auch als Symbol, das verbindet statt trennt: «In Zeiten, in denen andere eine Mauer bauen wollen, hat die Schweiz ein Zeichen gesetzt.» Die meisten hohen Gäste aus dem Ausland trafen am morgen in Rynächt im Kanton Uri ein, ehe sie, gestärkt mit einem Urner Imbiss, am Nachmittag in einer halben Stunde durch den Tunnel fuhren.

Hoffnung auf wirtschaftliche Impulse

Einen veritablen Rede- und Interviewmarathon absolvierte Johann Schneider-Ammann. «Das ist ein grosser Tag für die Schweiz», sagte der Bundespräsident am Morgen beim ersten Pressetermin in Rynächt. Der Tunnel verbinde nicht nur die Deutschschweiz mit dem Tessin, sondern auch Nord- mit Südeuropa. Für den Volkswirtschaftsminister illustriert der Tunnel die hohe Innovationskraft und die Ingenieurskunst der Schweiz. «In der Schweiz und in Europa sind epochale Leistungen weiterhin denkbar», sagte er später in der Begrüssungsrede. Dass ein solches Projekt gelinge, sei nicht selbstverständlich. «Das erfüllt mich mit Stolz.» Die Schweiz sei auch als Nicht-EU-Mitglied ein Land, auf das Europa zählen könne. «Mit dem Tunnel haben wir einen erheblichen Beitrag zum Gedeihen des Kontinents geleistet.» Schneider-Ammann verspricht sich von dem Milliardenwerk auch wirtschaftliche Impulse. Schliesslich gedachte er auch der neun Menschen, die beim Bau des Jahrhundertwerks ihr Leben verloren. Die Angehörigen der Opfer waren zur Eröffnungsfeier eingeladen.

Doris Leuthard rühmte derweil den Pioniergeist und die Offenheit der Schweiz. «Der neue Tunnel ist ein Symbol dafür. Mit ihm verkürzen sich die Distanzen in der Schweiz und in Europa», sagte die Verkehrsministerin.

Tunnel soll das Land verbinden

Der Bundesrat wohnte der Eröffnungsfeier in corpore bei. Welche Bedeutung hat der neue Tunnel für den innerschweizerischen Zusammenhalt? Der aktuelle Befund einer Umfrage der Forschungsstelle Sotomo müsste vor allem den Westschweizer Magistraten zu denken geben: Fast jeder zweite Romand setzte in seinem ganzen Leben noch nie einen Fuss ins Tessin. Bringt der Gotthardbasistunnel die Romands den Südschweizern näher? «Die kürzere Reisezeit ist sicher ein Trumpf für die Stärkung des nationalen Zusammenhalts», sagte Kulturminister Alain Berset auf Anfrage unserer Zeitung. Der Tunnel könne zu engeren Kontakten führen. Aussenminister Didier Burkhalter meinte derweil, für viele Ostschweizer sei sein Heimatkanton Neuenburg ebenfalls ein unbekannter Flecken. Burkhalter mag nicht dramatisieren, sagt aber: «Die Schweizer strengen sich zu wenig an, sich besser kennen zu lernen.» Neue Infrastrukturbauten wie der Gotthardtunnel hätten das Potenzial, etwas Abhilfe zu schaffen.

Übrigens: Mit gutem Beispiel bezüglich des nationalen Zusammenhalts ging Johann Schneider-Ammann voran. Der Bundespräsident tat seine Bewunderung für den Gotthardtunnel auf Deutsch, Französisch und Italienisch kund. Für seine Hauptbotschaft griff er auf einen Satz von alt Bundesrat Adolf Ogi zurück: «Freude herrscht!»

Die Gotthard-Eröffnung war auch ein Tag der grossen Emotionen. (Bild: eq/Dominik Baur)

Die Gotthard-Eröffnung war auch ein Tag der grossen Emotionen. (Bild: eq/Dominik Baur)

Das Schweizer Fernsehen mit Moderatorin Susanne Wille war stundenlang live dabei. (Bild: ky/Pablo Gianinazzi)

Das Schweizer Fernsehen mit Moderatorin Susanne Wille war stundenlang live dabei. (Bild: ky/Pablo Gianinazzi)

Grosse Bühne für die Eröffnungsparty: Blick auf das Festgelände beim Südportal in Pollegio. (Bild: ky/Davide Agosta)

Grosse Bühne für die Eröffnungsparty: Blick auf das Festgelände beim Südportal in Pollegio. (Bild: ky/Davide Agosta)

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