Ein Stück harmonischer

Die Erziehungsdirektoren präsentieren den Lehrplan 21. Im Bereich der Informatik konnten sie sich nicht einigen.

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Ob Primarschüler programmieren können müssen, lässt der Lehrplan 21 vorerst offen. (Bild: epa/Andy Rain)

Ob Primarschüler programmieren können müssen, lässt der Lehrplan 21 vorerst offen. (Bild: epa/Andy Rain)

«Ab sofort ist der Lehrplan 21 kein Geheimpapier mehr», sagte die Zürcher Bildungsdirektorin Regine Aeppli gestern vor den Medien in Luzern. «Bis jetzt konnten Sie in die Küche schauen, nun gewähren wir Ihnen Einblick in die Kochtöpfe», nahm Christian Amsler, Präsident der deutschsprachigen Erziehungsdirektorenkonferenz (D-EDK), den Faden auf. Der Lehrplan 21 ist der erste gemeinsame Lehrplan für die 21 deutsch- und mehrsprachigen Kantone der Schweiz – und insofern ein revolutionäres Projekt. Beat W. Zemp, Präsident des Lehrerverbandes, sprach bei der Veröffentlichung des Papiers deshalb von einem historischen Moment. In seiner Euphorie verglich er den Akt sogar mit der Einführung der Schulpflicht im Jahr 1874.

Volk und Stände haben im Jahr 2006 einen Artikel in der Verfassung verankert, der die Kantone zur Harmonisierung ihrer Bildungssysteme verpflichtet. Mit dem gemeinsamen Lehrplan werden die Unterrichtsziele an den Volksschulen der 21 Kantone nun in Einklang gebracht. Er legt die Ziele für alle Stufen der Volksschule fest und ist ein Planungsinstrument für Lehrer, Schulen und Behörden. Er baut auf einem Grundlagenpapier auf, das die Kantone im Jahr 2010 gutgeheissen haben.

Klare Handlungsanweisungen

Neu orientiert sich der Bildungsauftrag an Kompetenzen. Der Lehrplan 21 führt nicht mehr den Stoff auf, den Lehrer mit ihren Schülern behandeln müssen, sondern beschreibt im Detail, was Kinder auf welcher Stufe wissen und können müssen. Zudem sind die Lernziele gemäss Erziehungsdirektoren so beschrieben, dass sie überprüfbar sind. Regine Aeppli machte dazu ein Beispiel: «Früher hätte es im Lehrplan geheissen, dass der Fahrplan zu behandeln sei. Jetzt heisst es, der Fahrplan sei so zu behandeln, dass die Schüler selbständig eine Route festlegen könnten. Wenn sie am richtigen Ort aussteigen, haben sie das Lernziel erfüllt.» Der neue Lehrplan legt dabei Mindestansprüche fest und formuliert weiterführende Kompetenzstufen – für jedes Fach auf mehreren Seiten. Diese detaillierte Handlungsanleitung im Lehrplan ist schon vor der Veröffentlichung als Überreglementierung des Unterrichts kritisiert worden.

Weder Glück noch Porno

Bei den Fremdsprachen hält sich der Lehrplan an das weitverbreitete Muster: Englisch oder Französisch ab der dritten Klasse, die zweite Fremdsprache ab der fünften Klasse. In der neunten Klasse kommt Italienisch hinzu. Ab der Oberstufe wird mit dem Fachbereich Wirtschaft, Arbeit und Haushalt ein neuer Schwerpunkt gesetzt. Die im Vorfeld heftig umstrittene Sexualkunde ist ab der Unterstufe Teil des Fachs Natur, Menschen und Gesundheit. Vom Sexkoffer ist im Lehrplan 21 hingegen keine Rede. Auch gibt es kein Fach «Porno», wie es die Jungsozialisten gefordert hatten. Und auch auf ein Fach «Glück», wie es an einer deutschen Schule praktiziert wird, haben die Bildungsdirektoren verzichtet. «Die Zusammensetzung der Fächer kann aber relativ schnell geändert werden, sollte das der Wunsch sein, da der Lehrplan modular aufgebaut ist», sagte Beat W. Zemp. Neu sind im neuen Lehrplan «überfachliche Kompetenzen» und «fächerübergreifende Themen» aufgeführt. Zu letzterem gehört der Themenkomplex ICT und Medien. Weil sich die Bildungsdirektoren bei diesem Punkt nicht einigen konnten, haben sie ihn vorerst aus dem Programm genommen. Sie setzen nun eine Fachgruppe ein, die sich unter anderem mit der Frage beschäftigt, wie viel Informatik auf der Unterstufe Sinn ergibt.

Zu grosse Differenzen bei Stundentafel

Der Lehrplan 21 enthält einen Vorschlag zur Verteilung der Unterrichtszeit, aber keine konkrete Stundentafel. Die Unterschiede zwischen den Kantonen seien noch zu gross, um hier eine Übereinstimmung erzwingen zu können. «Die Anpassung der Lektionen hat Auswirkungen auf die Stellenprozente. Die Annäherung muss deshalb ein schrittweiser Prozess sein», sagte Regine Aeppli.

Handlungsbedarf bei Lehrmitteln

«Bei den Lehrmitteln besteht noch Handlungsbedarf», sagte Alex Hürzeler, Vizepräsident der D-EDK. Kantone und Verlage seien aber daran, die Materialien zu überarbeiten oder neu zu entwickeln. Beat W. Zemp, der oberste Schweizer Lehrer, misst dem grosse Bedeutung bei: «Die Lehrmittel sind die heimlichen Lehrpläne.» Denn an ihnen würden sich die Lehrer weitaus stärker orientieren als an einem in der Schublade versorgten Lehrplan. Marina Winder, Luzern