Ein Pikettdienst kann helfen – in Grenzen

Rund um die Uhr ist der Pikettdienst der Thurgauer Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) erreichbar. Versehen wird er von den rund 25 Vorstandsmitgliedern der fünf nach Bezirken organisierten Kesb.

Thomas Wunderlin
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Andreas Hildebrand Präsident Kesb Arbon (Bild: Donato Caspari)

Andreas Hildebrand Präsident Kesb Arbon (Bild: Donato Caspari)

Rund um die Uhr ist der Pikettdienst der Thurgauer Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) erreichbar. Versehen wird er von den rund 25 Vorstandsmitgliedern der fünf nach Bezirken organisierten Kesb. Im Unterschied zum Thurgauer Parlament hatte der Zürcher Kantonsrat bei der Einführung der Kesb die Schaffung eines Pikettdienstes abgelehnt. Rückblickend erscheint der Entscheid falsch, da im Fall Flaach die zuständige Kesb Winterthur-Andelfingen über die Feiertage nicht erreichbar gewesen sein soll.

Es sei aber ungewiss, ob ein Pikettdienst den Tod der beiden Kinder hätte verhindern können, meint der Sprecher der Thurgauer Kesb, der Arboner Kesb-Präsident Andreas Hildebrand, der den Fall Flaach nur aus den Medien kennt. «Ich sehe den Link nicht.» Eventuell hätte das diensthabende Kesb-Vorstandsmitglied dafür sorgen können, dass die Anwältin der Mutter Aktenzugang bekommen hätte, sagt Hildebrand. Nicht einmal das sei aber sicher. Denn im Thurgau hat der Pikettdienstleistende keinen Zugriff auf die Akten einer Kesb, der er nicht angehört. Selbst die Akten der eigenen Behörde hat er nicht griffbereit, da er nicht im Büro sitzen, sondern nur erreichbar sein muss.

Obwohl sie nicht dazu verpflichtet war, habe die Kesb Winterthur-Andelfingen einen minimalen Notfalldienst betrieben, teilte sie am Montag mit. Die «Involvierten» hätten aber die Akten nicht sofort herausgegeben, da sie davon ausgegangen seien, dass der Bezirksrat über die Feiertage nicht erreichbar sei. Die Anwältin hatte die Akten verlangt, um beim Bezirksrat Beschwerde gegen die Heimeinweisung einreichen zu können.

Pikett weist zwei Kinder in Spital ein

2014 wurde der Pikettdienst der Thurgauer Kesb rund 20mal in Anspruch genommen, 2013 waren es 30mal. Der Pikett ist nur via Kantonspolizei erreichbar. Oft ist es die Polizei selber, die anruft. So hatten Polizisten an einem Wochenende nachts eine Frau aufgegriffen, die sich vor einen Zug werfen wollte. In ihrer Wohnung fanden sie ein drei- und ein vierjähriges Kind schlafend in ihren Bettchen. Die Polizisten erkundigten sich beim Kesb-Pikett, was sie mit ihnen tun sollten. Kesb-Präsident Hildebrand, der Pikettdienst hatte, wies sie an, die Kinder ins Kinderspital zu bringen, und kündigte dort ihr Kommen an. Über das weitere Vorgehen entschied dann die zuständige Kesb am Montag danach. «Die Polizei hätte die Kinder ohne Verfügung in die Klinik bringen können», sagt Hildebrand. Der Einsatz des Pikettdienstes sei hier wie in den meisten Fällen «nicht lebensnotwendig, aber hilfreich» gewesen.

Thurgauer Kesb wenden Schaden ab

Der Thurgauer Grosse Rat hat am Mittwoch eine Interpellation von Max Brunner (SVP, Weinfelden) traktandiert, der den überlasteten Beiständen helfen will. Brunner, der die Berufsbeistandschaft Weinfelden leitet, fordert keine Rückkehr zum alten System. Gegen die fachliche Arbeit der Kesb hat er keine Einwände. Auch der Regierungsrat ist mit der Einführung der Thurgauer Kesb zufrieden. Sie arbeiteten besser als die Ende 2012 abgeschafften Vormundschaftsbehörden, wie aus seiner Interpellationsantwort hervorgeht. Da die Kesb-Profis die Arbeit der Beistände genauer prüfen, hätten sie «bereits verschiedene haftungsauslösende Versäumnisse aufgedeckt».

Gemäss Regierungsrat haben die fünf Thurgauer Kesb 2013 insgesamt 3364 Massnahmen beschlossen, was einer Zunahme um 13 Prozent entspricht. Die Zahlen seien aber nicht direkt vergleichbar, da mit der Einführung der Kesb das Massnahmensystem grundsätzlich geändert worden sei. Davon abgesehen habe es schon zuvor ständige Zunahmen gegeben; der Trend der Vorjahre werde lediglich fortgesetzt. Die teuren Fremdplazierungen sind im Thurgau 2013 sogar zurückgegangen, wie der Regierungsrat im November bekannt machte. In Familien wurden noch 38 Kinder plaziert, während es in den fünf Jahren zuvor stets über 65 gewesen waren. Heimeinweisungen gab es 2013 wie im Vorjahr nur drei.