Ein leidender Diener nimmt den Hut

Der «halbe SVP-Bundesrat», so Christoph Blochers bekanntes Urteil über Samuel Schmid, tritt ganz zurück. Aber ein Oppositioneller in der eigenen Partei war Schmid eher unfreiwillig: Der Verteidigungsminister rührte die SVP auf, ohne je wirklich Rebell gewesen zu sein.

Marc Lettau
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Der «halbe SVP-Bundesrat», so Christoph Blochers bekanntes Urteil über Samuel Schmid, tritt ganz zurück. Aber ein Oppositioneller in der eigenen Partei war Schmid eher unfreiwillig: Der Verteidigungsminister rührte die SVP auf, ohne je wirklich Rebell gewesen zu sein. «Ich demissioniere meiner Gesundheit, meiner Familie, meinem Land und der Armee zuliebe»: Der Kernsatz aus der gestrigen, kurzen Rücktrittserklärung von Bundesrat Samuel Schmid drückt mit nur zwölf Wörtern die Grundlage seines eigenen politischen Selbstverständnis aus. Etwas wortreicher umschrieben bringt da der Verteidigungsminister zum Ausdruck, dass er sogar im Moment des Rücktritts den Verpflichtungen und Überzeugungen folgend, dem Staat dienend, den traditionellen Werten und den Institutionen verbunden handelt.

Schmid, der Berner

Wer so spricht, ist kein Wichtigtuer, kein Blender, und er ist auch kein wortmächtiger Rhetoriker. So spricht auch nicht der rebellische Spalter einer staatstragenden Partei. Wer so spricht, frischt zum Karrierenende das Bild vom stets korrekten, unerpressbaren, unabhängigen bodenständig helvetischen Magistraten auf, vor allem wenn – wie gestern bei Schmid – später am Tag noch der Nachsatz folgt, er hoffe, «dass künftig Demut und Bescheidenheit wieder einen grösseren Stellenwert erhalten».

Doch wie viele dieser Charakterzüge sind typisch Schmid? Und wie viele sind eher typisch bernisch? Schmids tief verwurzelte Aversion gegen die Stimmenmaximierungsmaschinerie und den forschen Modernisierungsdruck der Zürcher SVP wurzelte kaum im Politisch-Inhaltlichen. Denn: In politischer Hinsicht stimmt Schmid in vielen Fragen mit jenen Zürchern, die er nicht erträgt, überein. In Widerspruch zum Zürcher Flügel versetzt ihn primär die eigene politische Heimat: Schmid war letztlich in jener bernischen SVP verwurzelt, die sich an einstiger bernischer Grösse orientierte, an Minger'schem Geist zehrte und sich als politische Monopolistin an Macht und Respekt schlicht gewöhnt war. So war es für den stets die Loyalität betonenden Schmid kein Problem, dass er im Jahr 2000 gegen den Mehrheitswillen der SVP-Fraktion in den Bundesrat gewählt wurde. Die von der Berner SVP der schweizerischen Mutterpartei faktisch aufgezwungene Wahl Schmids – quasi eine Berufung ad personam – steht in Einklang mit dem bernischen Selbstverständnis.

Der Bruder von Schmid

Schmid will als Konsenspolitiker und als einer, der Andersdenkenden zuhören kann, in Erinnerung bleiben. Dies ist im Falle Schmids ein indirektes Bekenntnis der eigenen Grenzen. Es kommt nicht von ungefähr, denn seine politische Laufbahn glich anfänglich jener einer permanenten Nummer zwei: Während Jahren stand er im Schatten seines älteren Bruders Peter Schmid, der 21 Jahre in der bernischen Regierung sass.

Schmid führe introvertiert, «unexpressiv», unaufgeregt, zuweilen aber auch voller Misstrauen. So kritisierte 2004 ein internes VBS-Papier seinen Stil. Nur: Genährt wurde solche Kritik primär durch den Umstand, dass Schmid sich mehr und mehr am Erbe seines Vorgängers Dölf Ogi verbiss. Während Ogi die Sinnkrise der Armee nach dem endgültigen Ende des Kalten Krieges mit seiner die Welt umarmenden Weise, rührender Begeisterungsfähigkeit und bunten Ideen zur Multifunktionsarmee überspielte, steckte Schmid vorab die Prügel für Ogis Hinterlassenschaft ein.

Viel symbiotischer als gemeinhin angenommen ist die Beziehung zwischen Schmid und Christoph Blocher. Für die Wahrnehmung Schmids in der Öffentlichkeit waren die verbalen Prügel aus Herrliberg aber keineswegs nur ein Nachteil: Nicht zuletzt sie machten Schmid zum Anti-Blocher und zum Inbegriff des «liberalen» Flügels der SVP – obwohl Schmid in der Wirtschafts- und Sozialpolitik stets einen rechtskonservativen Kurs fuhr.

Darin steckt letztlich ein Teil der Tragik – oder Komik – von Schmids politischem Wirken: Schmid wird zum Anti-Blocher hochstilisiert – ohne je Rebell gewesen zu sein.

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