Ein Leben für die Frauenrechte

Die frühere CVP-Nationalrätin Judith Stamm feiert heute ihren 80. Geburtstag. Sie ist schweizweit bekannt als unerschrockene Kämpferin für die Frauenrechte.

Richard Clavadetscher
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Judith Stamm: «Für mich war die Frauenthematik auch immer eine Frage der Gerechtigkeit.» (Bild: Neue LZ/Eveline Beerkircher)

Judith Stamm: «Für mich war die Frauenthematik auch immer eine Frage der Gerechtigkeit.» (Bild: Neue LZ/Eveline Beerkircher)

Frau Stamm, Sie feiern heute einen runden Geburtstag. Diese sind jeweils gute Gelegenheiten für eine Rückblende. Man schaut dann entweder zufrieden zurück – oder man bedauert verpasste Möglichkeiten. Wie ist das bei Ihnen?

Judith Stamm: Ich bin mit meinem Leben total zufrieden, und ich bin auch sehr dankbar. Man kann nun natürlich sagen, ich hätte mein «Reserveleben» gelebt. «Reserveleben» deshalb, weil es in meiner Jugend ja noch üblich war, dass man heiratete, Kinder hatte. Ich aber bin als alleinstehende berufstätige Frau alt geworden. Aber ich bin zufrieden so, wie es ist.

Sie sind Schaffhauserin, aber in Zürich aufgewachsen – und es hat sie hernach aus beruflichen Gründen nach Luzern verschlagen: Im Jahr 1960 traten Sie dort als Polizeiassistentin ins Polizeikorps ein, waren später der erste weibliche Polizeioffizier der Schweiz. Das erstaunt nun doch: Die aufmüpfige Judith Stamm in so einem hierarchischen Betrieb.

Stamm: Ach, das Korps der Luzerner Kantonspolizei wurde damals nicht extrem hierarchisch geführt. Dass ich zur Polizei kam, war Zufall. In Zürich kam ich beruflich nicht weiter, weil ich als Gerichtsschreiberin die politischen Rechte gebraucht hätte, und die gab es damals für Frauen ja noch nicht. Da wies mich jemand auf die Stelle in Luzern hin, und ich fand das toll: Da konnte man etwas aufbauen. Das traf dann auch so ein.

Schweizweit bekannt geworden sind Sie nicht als Polizeikader und auch nicht als Jugendanwältin, die sie danach waren, sondern als Politikerin. Was bewog Sie denn, sich politisch zu engagieren?

Stamm: Die Gunst der Stunde kam zu Hilfe. 1971 bekamen wir Frauen das Stimm- und Wahlrecht auf eidgenössischer Ebene, im Kanton Luzern bereits im Herbst 1970. Bei den Kantonsratswahlen im Frühjahr 1971 wollten alle Parteien Frauen auf ihren Listen. Und so kam es, dass man auch mich anfragte. Es war wohl so, dass die Parteioberen überlegten, welche Frauen Stimmen bringen könnten. Dann sagte wohl einer: Diese Stamm, die hält ja dauernd Vorträge über die Polizeiarbeit, die ist bekannt. Fragen wir sie einmal an!

Man muss dann aber auch noch Ja sagen!

Stamm: Es hat mich angesprochen. Meine Mutter fragte mich einmal, was ich werden wolle. Da war ich noch im Gymnasium. Ich sagte, ich wolle einen Beruf ergreifen, in dem man den Menschen helfen könne. Mutter sagte darauf: Dann musst du Juristin werden! Sie hat das gut gesehen: «Helfen» heisst für mich nämlich «für etwas kämpfen». Das kann man als Juristin. Die Politik wiederum eröffnet die Möglichkeit, die Gesellschaft zu verändern – also ebenfalls «helfen» in dem Sinne, wie ich es immer verstand.

Warum aber gerade in die CVP? Als in Zürich sozialisierte Schaffhauserin würde man Sie nicht unbedingt so verorten.

Stamm: Ich wollte in eine Gruppierung, die Macht hatte, denn ich wollte etwas erreichen. Und ich dachte, im Rahmen des CVP-Programms könne ich mich bewegen. Ich sage das den jungen Frauen immer: Wenn ihr etwas verändern wollt, müsst ihr in eine grosse etablierte Partei. Wenn ihr aber lieber die Fahne hochhalten und sagen wollt «So müsste es doch sein!», solltet ihr eher in eine kleine Oppositionspartei.

Sie wurden nach Josi Meier als zweite Frau in den Nationalrat gewählt. Wie war das denn damals so als Vorhut der Frauen im politischen Betrieb?

Stamm: Wir hatten viele Freiheiten. Wir wollten unabhängig politisieren und gaben wenig auf Parteiraison. Die Parteioberen wussten wohl auch noch nicht so recht, wie sie uns einbinden wollten. Das war unser Vorteil.

Sie waren bekannt für Ihre eigenwilligen Positionen. Das gab doch sicher harte Diskussionen mit dem Partei-Establishment!

Stamm: Ja, die gab es. Vor allem beim Thema Schwangerschaftsabbruch war das der Fall. Da hatte ich von Anfang an eine ganz andere Meinung als meine Partei. Ich hatte ja zuvor beruflich sehr direkt damit zu tun. Das gab dann halt immer wieder Konflikte. Aber das muss ich der CVP zugute halten: Wenn man etwas überzeugend vertrat, wurde es schliesslich akzeptiert – auch wenn man in der Sache nicht einverstanden war.

Die Frauen und ihre Rechte – das zieht sich wie ein roter Faden durch Ihre politische Karriere. Als Doktorin der Rechte hätte es für Sie wohl auch andere Themen gegeben. Warum gerade die Frauen?

Stamm: Die Frauenthematik sprach mich schon früh an. Meine Mutter und ich hörten jeweils «Die Frauenstunde» am Radio. Dort wurden auch Briefe von Frauen vorgelesen. Ich erinnere mich an jenen einer Bergbäuerin, die eine Erbschaft machte. Der Geldbriefträger gab die 2000 Franken dem Ehemann – und der verprasste es. Solche Dinge haben mich empört. Für mich war die Frauenthematik auch immer eine Frage der Gerechtigkeit.

«Nehmen Sie Platz, Madame» war ein Slogan der von Ihnen präsidierten Eidgenössischen Frauenkommission. Den jüngeren Leserinnen und Lesern müssen Sie erklären, was es damit auf sich hatte!

Stamm: Eine Studie untersuchte, wo überall in den Behörden Frauen sassen – und fand, es seien viel zu wenige. Sie wollte die Frauen ermuntern, ihnen sagen, sie sollten vermehrt für Ämter kandidieren. Die Arbeitsgruppe, die das betreute, meinte, sie hätte zwar einen Titel für die Studie – aber man wisse nicht, ob er so erlaubt sei. Man nannte diesen Titel – und ich musste herzlich lachen, denn ich fand ihn gut.

Ihnen verdanken die Frauen das Büro für die Gleichstellung von Mann und Frau. Sind Sie zufrieden mit der Arbeit des Büros?

Stamm: Halt! Keine Politikerin und auch kein Politiker erreicht etwas im Alleingang. So auch hier: Ich war einfach jene, die eine Motion einreichte, als es spruchreif war. Zuvor gab es schon Bestrebungen, die Zeit war aber noch nicht reif. Zu Ihrer Frage: Ja, ich denke, über die Jahre hat sich das Büro gerade im Arbeitsbereich sehr engagiert. Es macht, was es kann.

Wo steht denn die Gleichstellung heute?

Stamm: Was die jungen Frauen heute an Möglichkeiten haben, ist fabelhaft. Es begann eigentlich damit, dass man sagte, auch Mädchen müssten eine rechte Ausbildung bekommen. Es war ein langer Weg. In meiner Jugend hiess es noch: Eine Ausbildung? Die heiratet ja sowieso! Dann sind noch die politischen Rechte dazugekommen. Ich meine, heute haben die Frauen ihr Schicksal in den eigenen Händen.

Mit der Lohngleichheit geht es jedoch zäh voran …

Stamm: Das hat meiner Meinung nach vor allem auch damit zu tun, dass der Mann bis 1. Januar 1988 von Gesetzes wegen der Ernährer der Familie war. Dies wirkt immer noch nach. Generationen von Arbeitgebern waren sich gewohnt, dass der Mann einen «Ernährerlohn» verdienen muss. Es braucht ganz offensichtlich seine Zeit, bis dies aus allen Köpfen ist.

Sie präsidierten Mitte der Neunzigerjahre nicht nur den Nationalrat, Sie nahmen vorher bereits auch an einer Bundesratswahl teil – chancenlos. Weshalb diese Kandidatur?

Stamm: Weil ich hässig war. Das war 1986. SP und FDP hatten damals bereits Frauen kandidieren lassen. Als nun zwei Bundesratssitze frei wurden, die die CVP zu besetzen hatte, dachte man in meiner Partei nicht einmal daran, eine Frau zu portieren. Das konnte ja nicht sein! Darum habe ich das erzwungen und erreicht, dass man auch noch von einer Frau sprechen musste.

Von 1998 bis 2007 waren Sie auch die allererste Präsidentin der im Jahr 1810 gegründeten Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft. Dazu gehört die Rütlikommission, die die Bundesfeier auf dem Rütli organisiert. Im Zusammenhang damit gab es ja gar einmal einen Sprengstoffanschlag auf Sie.

Stamm: Ach, das tönt jetzt dramatischer, als es war! Der Sprengsatz detonierte vor der Haustüre. Ich aber wohne im vierten Stock und habe das nicht einmal richtig mitbekommen. Es war ein Nachbar, der es der Polizei meldete. Erstaunlich war dann, dass in der Folge sozusagen die ganze Stadt mein Care-Team war: Wildfremde Leute sprachen mich an und wollten mich trösten.

Inzwischen sind Sie von allen Ämtern zurückgetreten. Die politische Arbeit würden Sie nicht vermissen, sagen Sie. Ist das nicht etwas kokettiert? Sie geben weiter Vorträge und schreiben wacker Kolumnen. So ganz auf Entzug wollen Sie also doch nicht sein.

Stamm: Die Leute fragen mich immer, ob ich die Arbeit in Bern vermisse. Ihnen sage ich dann, dass ich nicht die Arbeit vermisse, aber insbesondere am Anfang das «Biotop Bundeshaus». Die Lust am Intervenieren und am Mich-Engagieren, die ist mit jedoch geblieben.

Sie haben sich über viele Jahre für die Rechte der Frauen eingesetzt. Inzwischen haben Sie den Stab übergeben. Was sagen Sie jenen, die den Stab nun haben?

Stamm: Denen sage ich gar nichts. Die Verhältnisse haben sich geändert, die jungen Frauen haben andere Probleme zu lösen als wir damals. Ich würde ihnen allenfalls diesen konkreten Rat geben: Bleibe bei allem, was du machst, möglichst dich selber.

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