Ein Leben für die Erinnerung

Gábor Hirsch hat in Auschwitz den Holocaust überlebt. Er gehört zur immer kleiner werdenden Zahl jener, die aus erster Hand davon berichten können. Den Kampf gegen das Vergessen hat der 86-Jährige zu seiner Mission gemacht.

Dominic Wirth
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Seit 1956 lebt Gábor Hirsch in der Schweiz. Er ist mit einer St. Gallerin verheiratet. (Bild: dow)

Seit 1956 lebt Gábor Hirsch in der Schweiz. Er ist mit einer St. Gallerin verheiratet. (Bild: dow)

ESSLINGEN. Gábor Hirsch ist noch ein Kind, 14 Jahre alt erst, als er dem Tod entrinnt, zum zweitenmal in nur wenigen Tagen. Seine Kleider hat er im Krematorium V, Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, schon ausziehen müssen. Doch dann tragen ihn seine Beine von einer Ecke in die andere und wieder zurück. Ringt er seinem abgemagerten Körper ein paar Liegestütze ab. Und so beschliessen die Nazi-Offiziere, dass sie doch noch eine Verwendung für ihn haben. Es ist ein Tag im Oktober 1944, als Hirsch mit 51 anderen Kindern aus dem Krematorium in die langen Holzbaracken zurückkehren darf. Vorher soll er sich noch von den abgelegten Kleidern jener nehmen, die er später nie mehr wiedersehen wird.

Sieben Monate in Auschwitz

Gábor Hirsch, der jüdische Junge aus Ungarn, sieht in diesen Tagen viele kommen und gehen, Kinder wie er, Frauen, Männer. Er selbst übersteht sieben unendlich lange Monate. Zweimal wird er bei Selektionen zu jenen geschickt, die zu schwach sind; zweimal überlegen es sich die Ärzte später anders. Er wiegt noch 27 Kilogramm, als Mitte Januar 1945 die Wachtürme in Auschwitz-Birkenau eines Tages verwaist sind. Im eisig kalten polnischen Winter ist der Albtraum auf einen Schlag zu Ende. Hirsch hat Auschwitz überlebt. «Dass es so weit kam, war reines Glück», sagt er in seinem Wohnzimmer in Esslingen, einem Fleck im Zürcher Oberland. Über 70 Jahre liegt das Grauen jener Tage nun zurück. Doch losgelassen hat es ihn in all der Zeit nie.

Hirsch hat es zu seiner Mission gemacht hat, das Vergessen zu verhindern, so lange er das mit seinen 86 Jahren noch kann. Die Zahl jener, die wie er aus erster Hand über die unbeschreiblichen Verbrechen von Auschwitz berichten können, sinkt mit jedem Jahr. In der Schweiz, so rechnete es die jüdische Organisation Claims Conference 2014 in ihrem Jahrbuch vor, lebten damals noch 480 Holocaustüberlebende. Seither ist diese Zahl bestimmt noch weiter geschrumpft.

Nur 7000 Überlebende

Insgesamt starben durch den Holocaust rund sechs Millionen europäische Juden, knapp eine Million allein in Auschwitz. Als die Rote Armee das Konzentrationslager am 27. Januar 1945 befreit, stösst sie auf 7000 Überlebende. Unter ihnen auch Gábor Hirsch, der sich kaum mehr bewegen kann, weil er so schwach ist. Doch in den letzten Tagen ist Schwäche im Konzentrationslager Auschwitz kein Todesurteil mehr. Hirsch entgeht so den Todesmärschen, mit denen die Nazis noch Zehntausende KZ-Häftlinge in den Tod treiben, als sie selbst längst ihrem Ende entgegen taumeln.

Es dauert danach Monate, bis der junge Gábor wieder zu Hause in Ungarn ist. Monate, während derer ihn die russischen Flüchtlingstransporte zunächst weiter und immer weiter weg von der Heimat spülen. Kreuz und quer irrt er über den vom Krieg zerschundenen Kontinent, durch Polen, nach Weissrussland gar. Es ist bereits Anfang September, als Hirsch und sein Vater sich am Bahnhof in Budapest weinend in den Armen liegen.

Über Österreich in die Schweiz

Die 1940er-Jahre bleiben nicht die einzige Zeit, in der sich die Weltgeschichte mit aller Macht in Gábor Hirschs Leben drängt. Er arbeitet als Techniker und besucht am Abend die Universität, als 1956 die Russen in Ungarn einmarschieren, um den Volksaufstand gegen die Einparteiendiktatur der Kommunisten niederzuschlagen. In jenem Jahr flieht Hirsch über Österreich in die Schweiz. Seine Heimat lässt er für immer hinter sich. Den Ort seiner Jugend etwa, die Stadt Békéscsaba, 50 000 Einwohner, wo sein Vater ein Elektrogeschäft betrieb, und wo Gábor, das etwas verwöhnte Einzelkind, die heissen ungarischen Sommer im Strandbad verbrachte. Den Ort, aus dem ihn die Nazis 1944 mit 2500 anderen ungarischen Juden deportieren. So, wie sie es zuvor schon mit den Juden in Tschechien gemacht haben, in Österreich, in Polen, in ganz Europa. Eingepfercht in einen Güterwaggon wie ein Stück Vieh, an seiner Seite die Mutter, die er später in Auschwitz zum letztenmal sehen wird, an jenem Tag im Sommer, an dem sie ihm ein Stück Brot zusteckt.

Es liegt auch an der Geschichte seiner Mutter, dass sich Gábor Hirsch nach seiner Pensionierung 1995 immer tiefer in die Vorkommnisse in den Jahren 1944 und 1945 gräbt. Erst 1998, nach über 50 Jahren, erfährt er, dass sie 1944 im polnischen Stutthof in einem Konzentrationslager starb.

Die Tätowierung ist geblieben

Wenn er heute seine Geschichte erzählt, blättert er durch Dokumente in Klarsichtfolien, Lagerpläne etwa oder Deportationslisten. Zeigt Fotos und Landkarten. Er hat zahllose Daten im Kopf – Judenstern-Pflicht in Ungarn ab dem 6. April 1944, Ankunft in Auschwitz am 29. Juni, Selektion im Frauenlager am 25. September –, zählt Nummern und Buchstaben auf, die zu Barackenblöcken in Auschwitz-Birkenau gehörten. Hirsch setzt dem Unfassbaren die grösstmögliche Rationalität entgegen. Auf seinem Unterarm sind ein Buchstabe und fünf Zahlen tätowiert, B-14781. In Auschwitz, dem Ort der Vernichtung, spielten Namen keine Rolle.

Hirsch hat sich entschlossen, über Auschwitz zu sprechen. Er hat ein Buch geschrieben über seine Zeit im Konzentrationslager. Hat eine Kontaktgruppe für Holocaustüberlebende in der Schweiz gegründet. Eine Zeit lang kamen 400 Menschen an die Treffen. Heute, sagt Hirsch, sind es vielleicht noch 50. Er besucht Schulklassen, um seine Geschichte zu erzählen, gibt Interviews für Maturanden, spricht an Erinnerungsfeiern. «Unsere Generation hat laut <Nie wieder Krieg> geschrien», sagt Hirsch, «doch die Menschen sind vergesslich. Ich will aufzeigen, wozu Ausgrenzung führen kann.»

Späte Aufarbeitung

Mittlerweile hat er das schon oft getan, und er hat sich angewöhnt, seine Geschichte auf nüchterne Art zu erzählen; zuweilen erhält man den Eindruck, es handle sich nicht um sein eigenes Leben, sondern um das eines anderen. Wahrscheinlich ist das die einzige Art, immer und immer wieder von jener Zeit zu berichten. Viele andere Holocaustüberlebende in der Schweiz können das nicht. Sie sind bis heute in ihrer Geschichte gefangen, leben vereinsamt und in Armut, wie Anita Winter, Präsidentin der Gamaraal-Stiftung, sagt (siehe Kasten).

Am Anfang, erzählt Gábor Hirsch, als die Erinnerungen an Auschwitz noch frisch waren, hat er manchmal geweint. Ist in der Nacht aufgeschreckt. Ein Magengeschwür von damals plagt ihn bis heute. Gesprochen hat er in jener Zeit nicht viel über die Monate in den 1940er-Jahren. Erst viel später hat er das nachgeholt, ist nach Auschwitz gereist und in die Archive gestiegen. «Irgendwann», sagt Hirsch, «irgendwann musste man in den Alltag übergehen. Ganz Ungarn hat gelitten, nicht nur ich. Man musste weiterschauen, sich durchsetzen.»

«Ich fürchte die Konsequenzen»

In der Schweiz brachte es Hirsch zum Elektroingenieur, war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der ETH, ehe er in die Privatwirtschaft wechselte. Als er an Ostern 1966 für ein paar Tage nach London fliegt, führt Margrit die Reisegruppe. Zwei Jahre später heiratet Hirsch die St. Gallerin. Mit ihr wohnt er seit bald 40 Jahren in einem Reihenhäuschen in Esslingen, es gibt zwei Stockwerke und einen kleinen Garten. Die zwei Söhne sind längst ausgezogen.

Wenn er in diesen Tagen im Internet liest oder durch die Zeitung blättert, dann, so sagt er, sei er beunruhigt. Er stellt fest, dass die Menschen wieder stärker an Grenzen glauben, in der Schweiz, in Österreich, in Deutschland. Und gerade auch in Ungarn, seiner Heimat. Dass sie sich auf die Nation besinnen, in Kategorien denken, die Unterschiede herausstreichen, Religion etwa oder Hautfarbe. «Ich fürchte die Konsequenzen», sagt Hirsch, «nicht für mich, sondern für die nächste Generation, die meiner Söhne.»