Ein Land von Musterschülern

Die Schweiz hat bei der Pisa-Studie wiederum sehr gut abgeschnitten. Zu denken gibt aber, dass der Einfluss der sozialen Herkunft kaum verringert werden konnte.

Marina Winder
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An der Pisa-Studie 2012 haben 510 000 Schüler aus 65 Ländern teilgenommen. (Bild: Urs Bucher)

An der Pisa-Studie 2012 haben 510 000 Schüler aus 65 Ländern teilgenommen. (Bild: Urs Bucher)

Allen Unkenrufen zum Trotz: Schweizer Schüler können gut rechnen und lesen. Die aktuellen Ergebnisse der Pisa-Studie zeigen, dass die Schweiz im internationalen Vergleich gut dasteht, im Bereich der Mathematik nach wie vor hervorragend.

Die Abkürzung «Pisa» steht für den englischen Ausdruck «Programme for international student assessment». Es handelt sich dabei um einen internationalen Schulleistungsvergleich der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Getestet werden 15-Jährige in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaft. Die Studie wird seit 2000 alle drei Jahre mit jeweils unterschiedlichem Schwerpunkt durchgeführt. An der Pisa-Studie 2012 haben 510 000 Jugendliche aus 65 Ländern und Regionen teilgenommen, in der Schweiz beteiligten sich 11 000 Schüler.

Stabilität nicht selbstverständlich

Im Bereich der Mathematik spielt die Schweiz in den vordersten Rängen mit. Kein anderes europäisches Land erreichte einen signifikant höheren Mittelwert. Deutlich besser als die Schweiz schnitten nur Korea, Singapur und mehrere chinesische Regionen ab. Verglichen mit der Studie vor drei Jahren ist die Mathematikleistung der Schweizer stabil geblieben. Dass das keine Selbstverständlichkeit ist, zeigen die Negativtrends in Kanada, Belgien und Finnland.

Im Lesen liegen die Schweizer Ergebnisse zwar deutlich über dem OECD-Mittelwert, für einen Spitzenplatz reicht es aber nicht. Elf Länder zeigen deutlich bessere und zehn Länder vergleichbare Resultate. Wesentlich schlechter als die Schweiz schneiden zum Beispiel Italien oder Österreich ab. Nach den schockierenden Ergebnissen in diesem Bereich im Jahr 2000 zeigt sich aber ein positiver Trend: Insbesondere der Anteil der leistungsschwachen Schüler ist in diesem Bereich von 20 auf 14 Prozent gesunken.

Einwanderungspolitik wirkt sich aus

«Wir führen das in erster Linie auf eine andere Zusammensetzung der Einwanderer der ersten Generation zurück», sagt Christoph Eymann, Präsident der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK). Gemeint ist die veränderte Einwanderungspolitik: Die Pisa-Verantwortlichen gehen davon aus, dass die vermehrt im Ausland rekrutierten Fachkräfte besonderen Wert auf die Bildung ihrer Kinder legen. Genauere Aussagen dazu erhoffen sich die Bildungspolitiker vom nationalen Bericht im Juni.

Auch die naturwissenschaftlichen Leistungen der Schweizer Jugendlichen liegen über dem OECD-Mittelwert und sind stabil geblieben. Da dieser Fachbereich in der Schweiz einen tieferen Stellenwert hat als in anderen Ländern, wurden bereits 2011 Massnahmen eingeleitet. Die Auswirkungen würden sich erst in einigen Jahren zeigen, sagt Eymann. «Aber wir sind gut unterwegs.»

Nach wie vor Handlungsbedarf besteht in der Schweiz beim Einfluss der sozialen Herkunft auf die schulischen Leistungen. In diesem Bereich erreicht sie knapp das Mittelmass. Schlechter als die Schweiz schneiden zum Beispiel Deutschland, Österreich und Frankreich ab. Wesentlich besser als die Schweiz stehen Liechtenstein, Finnland oder Kanada da.

Nach wie vor schneiden Mädchen im Lesen besser ab als Buben, und diese zeigen umgekehrt bessere Ergebnisse in Mathematik und Naturwissenschaften. «Trotz dem Spitzenergebnis ist der Mathematikunterricht insbesondere für Mädchen und speziell aus sozioökonomisch benachteiligten Familien noch attraktiver und angstfreier zu gestalten», sagt Beat W. Zemp, Präsident des Lehrerverbandes. Auch die offensichtlich wirksamen Investitionen in die Leseförderung müssten weitergeführt werden. Zemp warnt aber davor, aufgrund der Pisa-Ergebnisse in Aktivismus zu verfallen. Die Problematik zeigt er an einem Beispiel auf: «Im Bereich der Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung haben wir einige Punkte verschenkt. Das liegt daran, dass wir darauf erst später den Fokus legen. Wollen wir uns hier massiv verbessern, geht das auf Kosten anderer Fächer oder der Freizeit der Schüler.» Davor warnt auch Christoph Eymann: «Eingriffe in die Stundentafel sind heikel. Bei uns in Basel haben sie die nötige Verbesserung gebracht, sie sind aber nicht in jedem Fall angezeigt.»

Schweiz setzt auf eigenes Monitoring

An der nächsten Pisa-Studie will die Schweiz zwar teilnehmen, die Teilnehmerzahl aber massiv reduzieren und auf Kantonsvergleiche verzichten. Grund dafür ist das nationale Bildungsmonitoring, das die EDK 2016 und 2017 erstmals durchführen will. Eymann: «Wir erwarten uns von dieser Evaluation aussagekräftigere Hinweise zur Entwicklung unseres Systems als von Pisa.»