Ein karibischer Albtraum

Held oder Verräter? Datendieb oder Robin Hood? An Rudolf Elmer scheiden sich die Geister. Ein Film und Buch beleuchten jetzt die Rolle des bekanntesten Whistleblowers der Schweiz. Heute tritt er in St. Gallen auf.

Jürg Ackermann
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Grosser Auftritt vor der Weltpresse: Rudolf Elmer (rechts) überreicht Wikileaks-Gründer Julian Assange zwei Daten-CDs 2011 in London. (Bild: Xenix)

Grosser Auftritt vor der Weltpresse: Rudolf Elmer (rechts) überreicht Wikileaks-Gründer Julian Assange zwei Daten-CDs 2011 in London. (Bild: Xenix)

Hans-Rudolf Merz hebt den Zeigefinger, als er im Nationalratssaal diesen denkwürdigen Satz ausspricht. Als wären Worte nicht genug. Als wollte er mit einer Geste unterstreichen, dass es an dieser Gewissheit nichts, aber auch gar nichts zu rütteln gebe. «Jenen, die das schweizerische Bankgeheimnis angreifen, kann ich voraussagen: Ihr werdet euch daran die Zähne ausbeissen.» Mit «ihr» meint der Finanzminister vor allem ausländische Steuerbehörden. Der Satz geht in die Geschichte ein. Nicht so sehr, weil er sich als kolossale Fehlprognose erweisen sollte, sondern weil er so plakativ auf den Punkt bringt, was damals, im März 2008, eine grosse Mehrheit in der Schweiz für richtig und unumstösslich hält.

Selbst Aussenministerin Micheline Calmy Rey verteidigt das Bankgeheimnis noch acht Monate nach Merz' Auftritt im Parlament in einem Interview mit unserer Zeitung durch alle Böden. Dass die Schweiz ausländische Steuerflüchtlinge schütze, stellt die Sozialdemokratin vehement in Abrede. «Wir müssen uns nichts vorwerfen lassen.»

Am Strand und am Golfplatz

Rudolf Elmer steht im Frühling 2008 schon auf der anderen Seite. Er weiss sehr wohl, dass sich die Schweiz etwas vorwerfen lassen muss, dass längst nicht alles so läuft, wie es die offizielle Politik glauben machen will. Elmer ist acht Jahre lang Offshore-Banker in der Karibik. Er besiegelt am Strand oder auf dem Golfplatz Deals, die vor allem zwei Ziele haben: Die Vermeidung von Steuern bei reichen Kunden und die Optimierung des Gewinns der Bank Julius Bär, bei der er seit 1995 angestellt ist. Elmer hilft mit, ein Geschäftsmodell zu perfektionieren, von dem viele Schweizer Banken jahrzehntelang profitieren. Die Bank verschiebt mit komplexen Konstrukten ihre Konzerngewinne in karibische Steueroasen wie die Cayman Islands, wo sie vom Fiskus nicht belangt werden. Der Ableger in der Karibik entpuppt sich als Geldmaschine, von der zuweilen alle Mitarbeiter etwas davon haben. In guten Jahren kommt es bei Julius Bär schon einmal vor, dass der Bonus aus einem ganzen zusätzlichen Jahressalär besteht.

Die Sache wächst ihm über den Kopf

Rudolf Elmer, der Zürcher Arbeitersohn, der sich in seiner Jugend vor allem für Fussball interessiert, hat eine typische Bankkarriere eingeschlagen. Nach der Ausbildung bei der Schweizerischen Kreditanstalt geht er zur Bank Julius Bär. Nichts deutet anfangs darauf hin, dass er sich dereinst mit einer der mächtigsten Institutionen des Landes, dem Bankgeheimnis, anlegen wird. Bis er im Dezember 2003 aus mehr oder weniger heiterem Himmel die Kündigung erhält. Elmer hat kritische Fragen gestellt und sich mit Teilen seines Teams überworfen. Er gerät bankintern aufs Abstellgleis und muss – ohne Job – zurück in die Schweiz. Die bisher grösste Demütigung in Elmers Leben. Doch zu Hause beim Auspacken der Zügelkisten macht er eine Entdeckung, die zu seiner Lebensversicherung werden sollte. Auf einer Kassette hat er eine riesige Menge vertraulicher Bankdaten gespeichert, die Einblick geben in verschachtelte Geschäfts- und Steueroptimierungsmodelle. Dass Elmer diese Daten besitzt, ist ursprünglich kein illegaler Akt, sondern von der Bank so gewollt. Elmer, der als Nummer 2 von Julius Bär auf den Cayman Islands auch für die Sicherheit der Bank zuständig war, musste wegen drohender Hurricanes stets sämtliche Bankdaten auf einem Ersatzlaptop sichern.

Elmers Frust nimmt zu. Weil die Bank ihm lediglich drei Monatssaläre für die in seinen Augen völlig ungerechtfertigte Kündigung anbietet, erhöht er den Druck. Er fängt an, Teile der geheimen Bankdaten zu verschicken: An Steuerbehörden, an Zeitungen und viele Jahre später auch an die Enthüllungsplattform Wikileaks. Als die Bank von den kopierten Daten Wind erhält und die explosive Kraft dieses Materials erahnt, setzt sie Privatdetektive auf Elmer an. Zuweilen wird er von bis zu zehn Leuten beschattet, die den Auftrag haben, ihn einzuschüchtern und die selbst seine fünfjährige Tochter mit in den Fall hineinziehen. Elmer gerät in Panik, die Sache wächst ihm über den Kopf. Er verschickt nun Drohmails an die Bank und ehemalige Kunden, und er verbündet sich im verbissenen Kampf gegen Julius Bär kurzzeitig selbst mit der rechtsextremen NPD.

«Kollektives Versagen»

Als es 2011 zum ersten Gerichtsverfahren wegen Nötigung und Bankgeheimnisverletzung kommt, ist Elmer längst ein gefragter Gast in deutschen Talksendungen. Dort gilt er weder als Nestbeschmutzer noch als Verräter, sondern als Robin Hood, der zusammen mit anderen Whistleblowern wie Bradley Birkenfeld (UBS) oder Heinrich Kieber (LGT) dazu beigetragen hat, das Bankgeheimnis für ausländische Kunden in der Schweiz zu Fall zu bringen.

Die Sicht auf Elmer hat sich nun auch in der Schweiz verändert. Das Land sei am Ausgang der Affäre um das Bankgeheimnis selber schuld, schreibt HSG-Professor Patrick Emmenegger 2015 in einem Gastbeitrag in der NZZ. «Jetzt, da das Bankgeheimnis nicht mehr zu retten ist, sollten wir anfangen, uns zu fragen, wie es zu diesem kollektiven Versagen der Regierung, der politischen Parteien, der Verbände, der Wissenschaft und nicht zuletzt des ganzen Finanzplatzes kommen konnte. So ein Desaster darf sich nicht wiederholen.» Werner Schweizers Film «Offshore» und das akribisch recherchierte Buch «Elmer schert aus» des St. Galler Journalisten Carlos Hanimann, das sich phasenweise wie ein Krimi liest, leisten einen Beitrag dazu, «diesem kollektiven Versagen» auf die Spur zu kommen.

An der Person von Elmer lässt sich ein Stück Schweizer Geschichte erzählen, in dem scheinbar für die Ewigkeit gesetzte Gewissheiten erodieren. Es ist jedoch eine Krise mit Ansage. Das Bankgeheimnis erleidet bereits 1977 mit dem Chiasso-Skandal um unversteuerte Gelder erste Risse, später in den 1990er-Jahren gerät es (Nazi-Gold-Affäre) weiter unter Druck, ehe es nach der Finanzkrise definitiv einstürzt. Auch in Elmers Welt bleibt kaum ein Stein auf dem andern, auch wenn er von seiner ehemaligen Arbeitgeberin Julius Bär schliesslich 600 000 Franken erhält, damit er eine Klage wegen Nötigung zurückzieht.

Kreislaufkollaps im Gericht

Elmer arbeitet nach der Entlassung zwar als Banker weiter. Druck und Rampenlicht setzen ihm aber derart zu, dass er sich für Monate in die Psychiatrie einweisen lässt. Bei der bisher letzten Gerichtsverhandlung erleidet er einen Kollaps. Das Urteil des Zürcher Bezirksgerichts, wonach der Whistleblower der mehrfachen Verletzung des Bankgeheimnisses, das es so gar nicht mehr gibt, schuldig gesprochen wird, ficht Elmer an. Das letzte Kapitel in diesem bewegenden Stück Schweizer Geschichte ist noch nicht geschrieben.

Der Film von Werner Schweizer «Offshore – Elmer und das Bankgeheimnis» feiert heute (19 Uhr) im St. Galler Kinok Premiere. Anwesend sind auch Buchautor Carlos Hanimann («Elmer schert aus – ein wahrer Krimi zum Bankgeheimnis») sowie Rudolf Elmer selbst.

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