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Ein Kampf um jede Minute

Rangierbahnhof Muttenz, 12.50 Uhr. Das Signal zeigt Rot. Dabei steht Güterzug 43751, 1800 Tonnen schwer, bereit – und sollte die Fahrt vom Nordseehafen Zeebrugge fortgesetzt haben. Das Ziel: Novara in der Poebene.
Warten auf die Fahrt durch den Berg: Vor dem Portal des Lötschberg-Basistunnels in Frutigen. (Bild: Tobias Gafafer)

Warten auf die Fahrt durch den Berg: Vor dem Portal des Lötschberg-Basistunnels in Frutigen. (Bild: Tobias Gafafer)

Rangierbahnhof Muttenz, 12.50 Uhr. Das Signal zeigt Rot. Dabei steht Güterzug 43751, 1800 Tonnen schwer, bereit – und sollte die Fahrt vom Nordseehafen Zeebrugge fortgesetzt haben. Das Ziel: Novara in der Poebene. Bis zu 45 Güterzüge schicken die SBB wegen der Gotthardsperre pro Tag zusätzlich über die Lötschberg-Simplon-Strecke. Was auf der Strasse zur Realität gehört, gilt vorübergehend auch für die Schiene: Die Güterzüge stauen sich teilweise. Grösster Engpass ist Domodossola. Weil Gleise besetzt sind, nehmen die Italiener heute für kurze Zeit gar keine Züge mehr an. Es kommt zu einem Dominoeffekt. Damit nicht genug: Die Italiener künden einen Streik an. Lokführer Jörg Zolli lässt sich davon jedoch nicht aus der Ruhe bringen. «Ich kann sowieso nichts ändern.» Erst spät in der Nacht ist er aus Brig zurückgekehrt. Nun bleibt offen, ob er überhaupt fahren darf. Der Personalraum neben dem Gleisfeld wird zum Wartsaal, in dem es bloss eine Kaffeemaschine gibt. Mehr Glück hat ein Lokführer, der vor uns abfahren darf.

Vorne eine S-Bahn, die überall hält

Um 14.50 Uhr gibt es endlich grünes Licht. «Es geht jeden Moment los», heisst es. Wir steigen in den Führerstand. Langsam setzt Zolli den Zug in Bewegung. Er muss so zügig wie möglich fahren. Jede Minute zählt, um den Knotenpunkt Olten zu passieren. Jeder Stop kostet den schweren Güterzug wertvolle Energie. Über dem Baselbiet ziehen Wolken auf. Mit 100 km/h Höchstgeschwindigkeit rauschen wir durch den Hauensteintunnel. In der Ferne leuchten winzige Lichter, die langsam grösser werden. Dabei bleibt es nicht: Fast jede zweite Minute kreuzt uns ein Containerzug. Wir durchfahren Olten und das Emmental ohne Halt. Um 16.06 Uhr kommt der Zug in Ostermundigen bei Bern zu stehen. Die Aaretalstrecke ist stark befahren. Der Feierabendverkehr beginnt; Pendler warten auf die Heimfahrt. Der 591 Meter lange Transitzug von SBB Cargo aus Belgien muss der S-Bahn ins Emmental, die überall hält, Vorfahrt lassen. Doch Zolli ist erleichtert: «Wir sind gut durchgekommen.» In wenigen Minuten soll auf unserem Gleis bereits die nächste S-Bahn einfahren.

Im endlosen Tunnelloch

Hinten überholen uns zwei Intercityzüge – und weiter geht es. Vor der Kulisse von Thunersee und Niesen fährt der Zug ins Kandertal und nimmt die Steigung nach Frutigen in Angriff. Dort kommen wir gegen 17 Uhr abermals zum Stehen. Der Lötschbergbasistunnel ist grösstenteils einspurig und bereits an normalen Tagen stark ausgelastet. Für die Bergstrecke ist unser Zug zu schwer. «Ihr könnt kurz einen Kaffee trinken gehen», heisst es von der Leitstelle. Jörg Zolli fiebert mit seinem Zug: «Wir haben 20 Minuten aufgeholt, und jetzt geht nichts.» Die Pause ist jedoch willkommen, um Proviant zu kaufen. Dann wird der Basistunnel frei: Die 20minütige Fahrt durchs Tunnelloch ist beklemmend. Ausser den Scheinwerfern der Lok gibt es kein Licht. Nur die Motoren dröhnen monoton.

Ein Monat Brig statt Arth-Goldau

Der Himmel im Wallis ist blauer als erwartet. In Brig übernimmt Andreas Järmann den Zug zur Fahrt durch den Simplontunnel. Der Lokführer aus Arth-Goldau gehört zu jenen, die den SBB aushelfen. Für einen Monat lebt er in Brig im Hotel, weil der Gotthard gesperrt ist. «Ich war bereits einmal kurz in Brig. Das ist meine zweite Heimat.» Die Simplonstrecke sei eine willkommene Abwechslung. Behutsam bremst er den schweren Zug die Südrampe hinunter. Vor der eingleisigen Einfahrt in den Rangierbahnhof Domodossola stoppen wir nochmals. Nach fünf Stunden Fahrt kommt der Zug um 19.52 Uhr am Zielort an. Wann Järmann Feierabend haben wird, ist unklar. Der Zug, den er nach Brig bringen soll, ist noch nicht angekommen. Immerhin sagen die Italiener den geplanten Streik ab.

Tobias Gafafer

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